Am
Anfang steht die ebenso schöne wie halb wahnsinnige
Frage, wie ein Link klingt. Wie hört man, was man
klickt? Wie kann man mit dem Internet Bild, Schrift und Ton
so zusammenbringen, daß daraus mehr als nur die Summe
der Zugaben entstehen kann? Erlaubt die multimediale
Gestaltung von Websites, eigenständige ästhetische
Traditionen zu begründen, oder muß es bei simplen
Analogien bleiben, die das Netz in Anspruch nehmen für
die mangelnde Fähigkeit, beispielsweise in der
Literatur den Grad an Komplexität zu erreichen, die den
Leser mit den Assoziationsketten versorgt, die er braucht,
um neue Welten im Kopf zu erzeugen?
Schon 1930 gab es Visionen,
denen Dichtung nur noch Mittel zum Zweck sein sollte,
natürlich vollkommen neuen akustischen Szenerien
Gestalt zu verleihen, vor allem in Anlehnung an Tempo und
Rhythmus des Films. Bertolt Brecht, Erich Kästner,
Günter Eich und viele andere hatten Beispiele geliefert
für zu dieser Zeit wahrhaft unerhörte Radiokunst.
Unter den zahlreichen künstlerischen Projekten, die
sich heute um Verknüpfungen bemühen zwischen
Radio, Theater und Literatur auf der einen und dem Internet
auf der anderen Seite, wird man diesen euphorischen Ton so
ungebremst nicht mehr vorfinden. Doch ist die Sehnsucht
gerade nach Mündlichkeit groß. Die Diskrepanz
zwischen der Rede vom virtuellen Raum und der
Zweidimensionalität des auf die
Bildschirmoberfläche Erzeugten will immer wieder
überwunden werden.
Allmachtswünsche kommen
hier ins Spiel, der Wunsch, das, was mitzuteilen ist, ohne
den Umweg der Schrift an seinen Bestimmungsort bringen zu
können. Eine merkwürdig doppelte Geste, in der
zugleich, so soll es zumindest scheinen, Hindernisse, wie
die Trägheit des Alphabets, aus dem Weg geräumt
werden sollen, andererseits der Komplexitätsanspruch
nicht aufgegeben, sondern nur umgewandelt werden in ein
anderes Medium. Und dieses Medium soll, so der eigentlich
paradoxe Wunsch, dem Bedürfnis nach unmittelbar
sinnlicher Kommunikation mittels avanciertester Technik
Folge leisten.Mit dem Internet scheint dieses
Metamorphosenmedium gefunden - und das durchaus diesseits
der in diesem Zusammenhang üblichen Diskussionen
über den Untergang der Buchkultur oder über den
Tod des Autors, des Romans, der Schrift, über den Tod
von irgendwas.
Die technischen
Möglichkeiten des Mediums machen aus vielen Projekten
Monster. Vor lauter Begeisterung über Links und
Features geht oft verloren, was - schließlich soll es
um neue Formen der Welterfindung gehen - erzählt werden
könnte. Man muß Autoren, die sich im Netz neue
Ausdrucksformen suchen wollen, nun nicht gleich vorschreiben
wollen, sie müßten erst einmal lernen zu
programmieren. Doch mehr als bisher wird die Rolle dessen in
den Vordergrund rücken müssen, der eine
Geschichte, einen Sound und das zugehörige Webdesign
aufeinander abstimmt. Oft fehlt einfach die kritische
Distanz, die beispielsweise Interaktivität nicht
für das Allheilmittel ästhetischer Verzweiflung
hält.
Das gelobte Land von
Multimedia kultiviert gern das Vergessen. Vielen Projekten
haftet ein geradezu ritualisierter modernistischer Habitus
an. Immer muß ein Anfang gemacht werden, ein Anfang
ohne Ende. Geschichtslosigkeit heißt der allzu gut
sitzende Anzug, mit dem man gern im Netz auftritt - und
ignoriert, was technologisch und medienhistorisch
längst Tradition hat. Es ist kein Zufall, daß vor
allem die künstlerischen Kollaborationen zwischen Radio
und Internet, zwischen Theater und Internet überzeugen,
die sich in ihren ästhetischen Entscheidungen an die
medialen Bedingungen ihres je eigenen Feldes halten und es
so zugleich öffnen.
Neue künstlerische
Bastarde, die vor allem die technischen Bedingungen ihrer
programmierten Konstruktion ausblenden, sind vermutlich
weniger interessant als Lösungen für Kunst und
Web, die sich, wie der österreichische Schriftsteller
Walter Grond sagt, "in einem Sinn-Bild decken." Dann wird
sich mit Recht behaupten lassen, daß ein Link klingt -
wenn er gelingt.
erscheint in: Basler
Zeitung
InterSzene
/ 14.-16. 7. 2000 / Romainmôtier
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