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Interview mit Susanne Berkenheger
Teil I - "Zeit für die Bombe" SB: Das war recht
simpel von mir als "Werbemaßnahme" für meine
Homepage gedacht. "Zeit für die Bombe" sollte ein
Leser-Lockvogel sein. Denn wie ich erfreut festgestellt
hatte, bot der Zeit-Wettbewerb diese fantastische (zudem
noch alphabetisch sortierte) Liste der Beiträge, in die
jeder aufgenommen wurde, ganz egal was die "Zeit" von ihm
hielt. Das fand ich erstens sympathisch und zweitens hatte
ich als B. durch die alphabetische Sortierung ja quasi schon
per Geburt eine recht gute Ausgangsposition, dass meinen
Beitrag auch jemand lesen würde. Und die drei oder
vier, denen er gefallen würde, die würden
vielleicht auf meine homepage kommen. Mehr dachte ich mir
dabei eigentlich nicht. Mein Problem war ein
bisschen die Mengenbeschränkung, denn völlig
unwissend, dass es diesen Wettbewerb gab, hatte ich die
"Zeit für die Bombe" frei drauf los geschrieben.
Ehrlich gesagt, kannte ich Anfang 1997 keinen einzigen
literarischen Hypertext, den Internet-Anschluss hatte ich
erst seit wenigen Wochen und von Wettbewerben für
Internet-Literatur hatte ich noch nie was gehört. Ich
hatte mich einfach noch nie damit beschäftigt. Deshalb
hat es wahrscheinlich so großen Spaß gemacht, so
was zu schreiben. Und das ist auch der Grund, warum ich
weiterhin möglichst Dinge machen will, die es so noch
nicht gibt. Dann abbonnierte ich die
Mailingliste "Netzliteratur" und staunte nicht schlecht.
Wahnsinn! Dieser riesige Diskussionsbedarf. Der wird mir
wohl immer ein Rätsel bleiben. Aber ich erfuhr hier zum
ersten Mal vom Pegasus-Wettbewerb und stellte fest, dass
mein Hypertext rund 190 KB dick war, also fast das Doppelte
des Zulässigen, und er war eigentlich erst zu drei
Vierteln fertig, wenn ich ein Ende überhaupt
einschätzen konnte. Ich musste also recht rabiat
kürzen, eine ganze russische Familie samt Wohnung flog
raus, ein Taxifahrer und etliche Straßenzüge.
Schwierig war vor allem, nirgendwo etwa einen Handschuh
einer rausgestrichenen Person zu vergessen, ganz abgesehen
von subtileren Bezügen. Naja, wie das halt so ist. Das
Netz aus Links geriet ebenfalls ziemlich außer
Kontrolle. Vielleicht hat der "Bombe"
die Raffung (auf 99,X KB) gut getan. Das ist gut
möglich. Ursprünglich wollte ich natürlich
die Langversion noch fertig machen und auf die Homepage
packen, aber ... irgendwie kam ich dann nicht mehr dazu
;) dd:
Was dachtest du, als man neben Berlichs "Core" dein Werk das
beste nannte? SB: Die
Benachrichtigung an sich war ziemlich klasse, ein
unglaublich surrealer Moment: Martin Virtel von der "Zeit"
rief mich gleich nach der Jury-Sitzung an, und meldete sich
mit den Worten: "Hier Vi(e)rtel von der Zeit". Und ich
dachte, was ist nun los, "Ein Viertel von der Zeit??", was
soll das denn sein? (im ersten Moment glaubte ich, Opfer
einer Telefon-Kunstaktion zu sein) ... Als Martin Virtel mir
dann sagte, ich hätte gewonnen, konnte ich das ehrlich
gesagt kaum glauben, ich war komplett übertölpelt.
Den zweiten Teil seiner Mitteilung, dass nämlich der
Preis geteilt worden sei, den verstand ich dagegen
sofort. Denn, so wie ich die
Ausschreibung gelesen hatte, hätte die Zeit doch sehr
gern eine Multimedia-Arbeit prämiert. (Deswegen habe
ich mir ja auch überhaupt keine Gewinnchancen
ausgerechnet) Aus jedem Satz konnte man das rauslesen, fand
ich. Das heißt, aus FAST jedem Satz, bis auf diesen
speziellen Satz über die 100 KB-Beschränkung. Eine
Multimedia-Arbeit von 100 KB haben zu wollen, das war schon
eine recht wahnwitzige Herausforderung an die Macher. "Aha,
offenbar haben sie keinen überzeugenden
Multimedia-Beitrag gefunden.", dachte ich, als ich von der
Preisteilung hörte, und dass Peters "core" und meine
"Bombe" dann wohl die zwei kleinsten gemeinsamen Nenner
waren. dd:
Zumindest sind beide Werke reine Wortwerke und halten sich
an die Mahnung des Rundschreibens der Pegasus-Veranstalter
von 97 an die Teilnehmer: "Das Internet ist - trotz seiner
bunten, multimedialen Unterabteilung, des World Wide Web -
im Kern immer noch ein sprachliches Universum: E-Mail,
Newsgroups, Mailinglisten und die Newsangebote des WWW - all
das lebt von der Kraft (oder Schwäche) des Worts und
kommt ohne Bilder und Töne aus." Es ist interessant,
dass du für 97 schon die Erwartung des multmedialen
Werks notierst. SB: Jetzt, wo du das
zitierst, finde ich diese Einschätzung in der Tat auch
"interessant", oder besser gesagt etwas merkwürdig.
Wieso habe ich das gedacht? Möglicherweise lag es
daran, dass ich mich damals viel mehr von der Mailingliste
Netzliteratur beeindrucken ließ als von den
Rundschreiben der Zeit. Hmm. Andererseits. Ist das
überhaupt eine Mahnung? Ist das nicht eher eine
Rechtfertigung, wieso etwas Literaturwettbewerb heißt,
zu dem einer Bilder einschicken kann, soll ... oder
vielleicht lieber doch nicht soll? Diese Ausschreibungstexte
sind eigentlich ziemlich interessant. Einerseits sagen sie:
Schickt uns Bilder, schickt uns Sounds, alles ist
möglich ... dann wiederum heißt es: Also mal
unter uns gesagt, der "Kern der Sache" kommt natürlich
ohne so einen Firlefanz aus. Klassische
Double-bind-Situation für jemanden, der sich danach
richten will. dd:
An den Ausschreibungstexten hakt es meistens, denn niemand
weiß so recht, worauf man eigentlich aus ist. Ist
Netzliteratur nun v.a. multilinear oder intermedial oder
interaktiv oder alles zusammen? Und wie 'netzig' muss sie
sein?! Was den Wettbewerb betrifft, der 1998 dann
Pegasus hieß, sehe ich die richtige Ermunterung
zu Text-Bild-Allianzen erst 98, als faktisch jegliche
Umfangsbegrenzung der Beiträge aufgehoben wurde. 97
beschwor man in der Laudatio noch das "originäre
Kunstwerk, das Wellen schlägt wie seinerzeit 'Die
Leiden des jungen Werthers', 'Madame Bovary' oder eben
'Ulysses'"
SB: Ja genau Ulysses,
aber diesen dann als "Gesamtkunstwerk", konsumierbar in
einer "Erlebniszeit" von rund 15 Minuten. An die beiden
Begriffe kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das schien
mir so in etwa die Erwartung zu sein. Ahm ja, das ist
natürlich etwas schwer zu erfüllen ... dd:
ein Jahr später rief man zwar noch nicht nach
einem Schönberg, Eisenstein oder Picasso (vielleicht
weil du, als Laudatorin, dich dem Wort verpflichtet
fühltest ;), aber mit der Prämierung zweier
Text-Bild-Beiträge war der Wettbewerb nun doch
offensichtlich in der Realität seines Gegenstandes
angekommen. SB: Vielleicht gibt
es diesen Gegenstand gar nicht. Ich glaube, das spaltet sich
im Medienverbund Internet zu sehr auf - in verschiedene
Richtungen, in Dinge, die mehr als Konzept funktionieren,
Fakes und Ähnliches, in Erzählerisches (mit
welchen Mitteln auch immer), in Lyrik, in ... Performatives
(das scheint im Moment hauptsächlich im Gespräch
zu sein). Und das, diese unabsehbare Aufspaltung, ist
natürlich das ganze Glück an der Sache. Solange
Wettbewerbsbezeichungen nach Einsendung der Beiträge
gleich wieder aus den Nähten platzen, ist doch alles
gut, oder nicht? dd:
Die meisten Veranstalter und Beiträger scheinen damit
nicht so glücklich zu sein. Die Veranstalter bewegen
sich da zumal in einem Teufelskreis. Je offener die
Ausschreibung bleibt, um so rigider wird die Entscheidung
der Jury empfunden. Optiert sie für den Hypertext,
fühlen sich die betrogen, die auf 'richtige'
Interaktivität setzten, also zwischen Mensch und Mensch
statt, wie gewöhnlich bei Hypertext, zwischen Mensch
und Programm. Die Jünger der bewegten Bilder
unterstreichen wiederum, dass es die Intermedialität
ist, auf die es v.a. ankommt. Man weiß nicht, von
welcher Seite das Pferd aufzuzäumen ist. Man weiß
nicht einmal mehr, ob es noch ein Pferd ist. Schade, dass es
kein Pegasus 99 gab, vielleicht hätte man bereits auf
ein neutraleres Symbol umgesattelt. SB: Du denkst an ...
was bestimmtes? dd:
Nun, die Maus wäre es wegen der Niederungen, in denen
sie sich bewegt, wohl nicht. Andererseits, wenn man bedenkt,
welch Angriff das Ganze auf die seriöse Dichtung
bedeutet ... Wäre es ein Wettbewerb nur für
Hypertexte, wäre ich, mit Blick auf dessen
rhizomatische Struktur, für den
Tausendfüßler. Aber
zurück zu deinem Werk. "Zeit für die Bombe" ist
die "Geschichte einer Liebe und einer Bombe". Veronika kommt
nach Moskau, eine Bombe für Vladimir im Koffer, der
damit die russische Seele retten will. Da Vladimir wegen
einer Blondinen in seinem Bett Veronika nicht vom Bahnhof
abholen kann, stolpert diese in die Arme eines verschneiten
Studenten, Iwan, der kurz darauf verwundert ihren Koffer in
den Händen hält. Iwan wird ihn später
öffnen, so dumm sein, die Bombe zu zünden, und 24
h danach, weil er auch so dumm ist, den Koffer weiter bei
sich zu behalten, gemeinsam mit 32 Passanten von ihr
zerrissen werden. Ist Iwan die russische Seele, die nicht zu
retten war? SB: Ja, spricht
eigentlich nichts dagegen, das so zu sehen. Die russische
Seele hat ein bisschen mit meiner Vorliebe für
russische Erzähler zu tun (unschlagbar finde ich
Nabokov, auch Belyi, Lermontow ... früher auch
Dostojewski). Kurz gesagt: Die russische Seele bedeutet
für mich eine starke Leseerfahrung, die dem Leser eine
Welt bietet, in die er sich reinfallen lassen kann. So kann
aber ein gewissermaßen "explodierter Text", ein
Hypertext, niemals funktionieren, glaub ich. Eine Ebene drüber hat
der Bombenzünder Iwan viel mit Medienberichten aus
Russland zu tun, damals gab es ja diesen Boom unglaublicher
Geschichten, manchmal dachte ich, das gibt es doch nicht:
Führen die jetzt ihre Literatur live auf? Diesen
spektakulären, reißerischen Russland-Mythos fand
ich geeignet für einen Hypertext, der im Internet
funktionieren soll. dd:
Inwiefern? SB: Ich sah
Parallelen. Also, diese zwei unerwarteten Öffnungen
durch a) den Mauerfall und b) das Internet schienen mir
Räume zu schaffen, die vorübergehend ziemlich
ähnlich funktionierten: Ich denke da an diese
Goldgräberstimmung, die Rechtslosigkeit, die
Erfolgsgeschichten, die Niederungen, die Unwägbarkeiten
etc. Aber zurück zum Text, wie du jetzt sagen
würdest ... dd:
"Zeit für die Bombe" fasziniert durch den erfrischenden
Stil und eine Menge interessanter Bilder und erhält
auch durch den ironischen Umgang mit der HT-Technologie eine
schöne Leichtigkeit. Wenn zB. die ersten Dateien des
Textes, die Veronika vorstellen, sich automatisch alle 4
Sekunden erneuern, 'fühlt' der Leser regelrecht
Veronikas Temperament und kommt im übrigen so gehetzt
in der Geschichte an wie die Hauptfigur auf dem Moskauer
Bahnhof. Ein anderes Beispiel ist, wenn dein auktorialer
Erzähler sich direkt an die Leser wendet und ihnen
rät, welchem Link sie folgen sollen: "Iwan blieb
zurück - allein mit einem schneidenden
Gefühlsumschwung und all denen, die jetzt hier
weiterlesen. Nehmt Euch bloß in acht. Unberechenbar
sind oft Menschen mit zertretenen Herzen. Mir wird's zu
heiß hier, adios", wobei >adios< als Link
erwartungsgemäß von Iwan fortführt. An
anderer Stelle wird die Linkwahl sogar eine Frage des
Taktes: "Wer hier weiterliest, ist kein braver Leser mehr.
Der reißt ja der halbnackten Geschichte auch noch die
Dessous vom Leib. Gemächlicheren Naturen rate ich:
Rennt Veronika nach. Die anderen sollen halt um Himmels
willen mitkommen, wir gehen zu Vladimir. VVV" - in diesem
Falle sind >Veronika< und >VVV< als Link
markiert. Du spielst
darauf an, dass Hypertext dem Leser die Entscheidung der
Navigation überlässt, und im vorliegenden Falle
kann man dabei 'brav' oder 'gemein' sein. An anderer Stelle
zündet der Leser durch die Aktivierung des einzigen
angebotenen Links die Bombe, die Iwan später
zerreißen wird. Während es im Klappentext
heißt "Vier mausklickschnelle Bombenleger irren durch
die Zeit und ein gefrorenes Moskau", zeigt sich nun, dass
der mausklickende Leser der Bombenleger ist. Macht Hypertext
die Lektüre zu einer Frage der Moral? Schließt er
den Leser als Täter in den Text ein? SB: Ja, aber nur,
weil Computer so üble Burschen sind. Man klickt ganz
harm- und gedankenlos wo drauf, und schon macht sich zum
Beispiel ein flinkes Cleanex-Programm, dessen Existenz man
schon völlig vergessen hatte, daran, sämtliche
Installationen der vergangenen vier Jahre wieder
rückgängig zu machen. Irgendwann meldet es sich
dann mit der Nachricht: Ein schwerwiegender Fehler sei
aufgetreten und es müssten deshalb nun leider alle
Daten gelöscht werden und streckt einem einen
O.K.-Button entgegen. O.K? Das ist doch das Gegenteil von
O.K., so was. Aber so einen Button gibt es ja nie, einen,
auf dem dann steht: "Das ist ganz und gar nicht O.K." oder
"Ich find das das Allerletzte", "Schweinerei" ... Ich frage
mich immer, was für Menschen diese wahnwitzigen
O.K.-Meldungen programmieren. Vielleicht wollte ich in der
"Bombe" mal ausprobieren, wie man sich als so einer
fühlt. Ergebnis: Gut! Sogar sehr gut! Nun ja, bei mir
ist das natürlich völlig harmlos,
ungefährlich ... dd:
Es hätte durchaus gefährlicher werden können.
Es gibt ja noch andere Waffen im Text. Iwan spricht davon,
als er sich über den Genuss der Leser an seinem
Unglück beschwert: "Weg! Verschwindet! Zerfallt zu
Staub! Selber bequem in der warmen Stube hocken und sich
dann genüßlich lesend an meinem Unglück
aufgeilen. Ich verachte Euch. Mitgefühl habt Ihr? Pah!
Ihr könnt Euch gleich selber bemitleiden. Seht, was ich
hier in meiner dreckigen Hand halte. Die erkundete im
übrigen Veronikas Inneres, schon lange bevor Ihr
überhaupt ein Wort von ihr gelesen habt. Was wollt Ihr
also? Habt Ihr sie inzwischen erkannt, meine kleine
Handgranate. Also wird's jetzt bald?" Das zielt
auf die Rezeptionssituation als solche, die Blumenberg
einmal "Schiffbruch mit Zuschauer" nannte und die Lukrez vor
2000 Jahren mit den Worten beschrieb: "Süß ist's,
anderer Not bei tobendem Kampfe der Winde / Auf hochwogigem
Meer vom fernen Ufer zu schauen; / Nicht als könnte man
sich am Unfall anderer ergötzen, / Sondern weil man
sieht, von welcher Bedrängnis man frei ist". HT gibt
durch seine Interaktivität dem Leser nicht nur die
Möglichkeit, jene Bedrängnis durch einen Mausklick
auszulösen, sondern auch dem Autor die Chance, die
Zuschauer dann doch in die Bedrängnis einzubeziehen.
Die Handgranate könnte sich zB. als Trojanisches Pferd
oder einfaches Virus erweisen, das beim Zünden der
Bombe in den Computer des Lesers geladen wird, um dort
einiges Unheil anzurichten. Der o.k.-Button hätte damit
seine alte Gemeinheit zurückerhalten, mit dem
Unterschied, dass hier die Leser, wenn sie das Zünden
der Bombe eben nicht o.k. finden, auch einen anderen Weg
einschlagen können. SB: Klasse! Darf ich
mal ein kleines Szenario entwerfen? Ich verwirkliche also
deinen Virus-Vorschlag. Tag eins: Sagen wir, zehn Leute
lesen den Text und holen sich den Virus. Tag zwei:
Warnmeldungen werden gepostet in sämtlichen Newsgroups,
die das Thema mit einem halben Buchstaben tangieren, die
Mailingliste Netzliteratur wird ihren Traffic auf 1000 Mails
pro Tag erhöhen. Tag drei: Erste Gerüchte werden
ausgestreut, dass es sich bei weitem um keinen harmlosen
Virus handele, sondern um einen gemeingefährlichen
Killervirus. Tag vier: Journalisten finden es toll, das
Literatur so viel auslösen kann (in einem Computer),
ich poste Gegendarstellungen. Tag fünf: Ich telefoniere
mit meiner Rechtsanwältin ... und so weiter. Das kann glaube ich ziemlich
lustig werden. Nur: Würde noch ein Mensch meinen Text
lesen? Würdest du? Vielleicht auf einem Uni-Computer,
aber auf deinem eigenen auch? Und selbst wenn, angenommen
du würdest es wagen, würdest du noch im
eigentlichen Sinne "lesen" oder nur den Text nach der
Virenstelle "abscannen"? Als Metapher ist das natürlich
interessant, aber wer will den Schiffbruch von Fiction und
Faction wirklich erleben? Und was kommt raus
dabei? dd:
Zum Beispiel jene Zeitungsmeldung über die neuerliche
Wirkungsmacht der Literatur :) Dass du es ausschlägst,
mit einem so billigen Trick berühmt zu werden, ehrt
dich natürlich. Und wahrscheinlich wäre der
Literatur auch in der Hinsicht nicht gedient, dass man dann
wirklich, und zwar wirklich auf dem Rechner der Uni, das
Werk nicht mehr lesen, sondern nur nach der Stelle
absuchen würde. Aber es gibt gewiss Mittelwege: Das
Programm zwingt den Bombenleger, den Computer neu zu starten
(das tut mein Computer mitunter selbst, wenn ich gerade
hundert Friedenstauben in Photoshop gemalt habe) oder es
schickt ihn an den Anfang der Geschichte zurück oder es
greift zu Verbalinjurien. Das wären drei Fliegen mit
einer Klappe: 1. der Leser muss fürs Bombenzünden
büßen, 2. die Mailingsliste Netzliteratur
erhöht den täglichen Postausstoß auf 500 und
macht dich berühmt und reich, 3. du musst das Geld
trotzdem nicht in deine Anwältin investieren. Aber
ernsthaft: Wie weit könnte der Autor einer Hyperfiction
mit der Publikumsbeschimpfung gehen? SB: Ich fürchte,
nicht sehr weit. Zumindest dann nicht, wenn Hyperfiction
Fiction bleiben will, und nicht so sehr an der
Grenzauslotung zum "Realen" interessiert ist, falls es so
etwas wie "Reales" innerhalb des fiktiven Internetraums
überhaupt gibt. Ist vielleicht ein fließender
Übergang. Dennoch: Sobald es in einer Fiktion so etwas
wie einen Virus gibt, fragt man sich doch die ganze Zeit, wo
die Fiktion jetzt aufhört, ob der Virus wirklich was
auf dem eigenen Computer kaputt macht und so
weiter. dd:
Die Situation wäre in der Tat beunruhigend. Das Lesen
bekäme eine Intensität wie in "Basic Instinct" der
Sex des Polizisten mit der mutmaßlichen Mörderin.
Und darauf lässt sich gewiss nicht jeder ein, selbst
dann nicht, wenn der Text so attraktiv ist wie Sharon
Stone. SB: ... wenn der
eigene Computer Muskeln und Pistolen hat wie Michael
Douglas, dann vielleicht? ... Nein, also, versteh mich
recht, ich finde das nicht uninteressant - Sex mit der
Mörderin ... nebenbei gesagt, was für ein
Anspruch, dass Literatur so intensiv sein soll! Das ist ja
echt gut. Aber was ich meine: So ein (halb)fiktiver Virus
ist doch wie ein Theatermesser, dessen Klinge nicht
völlig im Griff verschwindet, sondern noch einen halben
Zentimeter vielleicht raussteht, einem das Hemd zerfetzt und
den Bauch aufritzt. Sicher, das fiktive Erlebnis wird
dadurch recht "intensiv", vor allem in dem Moment, wo man
vielleicht fürchtet, mein Gott, machen die jetzt ernst
oder was, werde ich jetzt wirklich erstochen? - nur
andererseits verschiebt sich auch die Aufmerksamkeit, von
der rein fiktiven Situation, dieser ungeheuerlichen
Vorstellung, dass da einfach einer herkommt und mir das
Messer in den Bauch stößt, hin zum Nachdenken
über Hemdenrechnungen, Pflaster und
Schmerzensgeldforderungen. dd:
Eine Kollegin von dir, die amerikanische
Hyperfiction-Autorin Deena Larsen, hat den Gedanken in einer
Hypertext-Mailingliste einmal aufgeworfen, einen Text
bewusst zwischen Fiction und Realität changieren zu
lassen und aus der Geschichte auf der Suche nach einer
vermissten Person zu der realen Website eines realen
Unternehmens zu linken, das so unwissentlich eine
möglicherweise negative Rolle in einem Netzkrimi
spielt. Ich fand die Aussicht vielversprechend, solcherart
die Kommunikationsebenen zu mixen und den Link zu einem
Produktanbieter, der gewöhnlich als Werbeträger
fungiert, einmal als Verdachtsmoment zu semantisieren. Mal
sehen, ob sich das Erzählen im Netz tatsächlich in
diese Richtung entwickelt. SB: Das wäre
dann ein Erzählen, das eine Art Internet-Ready-Mades
integriert. Hm. Meinst du, dass sich da wirklich Ebenen
vermischen? Und ... ist das spannend, wenn ich mitten im
Krimi z.b. bei der "Schurken"-Telekom
lande? dd:
Bleiben wir bei der Hyperfiction, die nicht mit fremden
Websites spielt. Welche Möglichkeiten siehst du hier
für das interaktive Erzählen? SB: Als ich "Zeit
für die Bombe" schrieb, war ich ziemlich stark auf die
- wie soll ich sagen - "Leser"-Verwicklung in den Text
fixiert. Man kann diese Publikumsbeschimpfungen auch als
erste "theatrale Ansätze" ;) begreifen. Ein bisschen
haben sie schon was von einem Kasperle-Theater, dieser Ruf
auf jeder zweiten Seite: "Und? Seid Ihr alle daaa, ihr
Schweineigel?" Lange Zeit habe ich gedacht,
das wäre das eigentliche Ding, dem Leser zu sagen, wie
er liest. Nein, eigentlich wollte ich ihm vor allem sagen,
dass ich beziehungsweise der Text so schlau sind zu wissen,
wie und was er klickt. Gut, dieses Wissen ist natürlich
äußerst bescheiden, denn ich weiß ja nicht,
ob er auch liest oder nur blind drauf los klickt, was auch
ein Affe könnte, aber immerhin, weiß ich, dass
einer ein bestimmtes Link geklickt haben muss und ein
anderes ignoriert hat, wenn er auf eine bestimmte Seite
kommt. Das halte ich immer noch für das Entscheidende,
dass man damit was anfängt. Nur was? Immer nur mit dem
Leser über das Lesen von Hypertexten zu spekulieren,
das erschöpft sich irgendwann. Deshalb - so hab ich mir das
ausgedacht - sollte der Leser nicht nur Leser sein, sondern
selbst eine Figur innerhalb einer Geschichte
übernehmen. Lesen und gleichzeitig mitspielen. Aus
dieser wie ich immer noch glaube im Prinzip "guten Idee"
entwickelten sich dann hauptsächlich eine Menge
Probleme ... am Hypertext "Hilfe!" und seinen verschiedenen
Stadien sind die bestens abzulesen. dd:
Zu "Hilfe" will ich gleich kommen, zunächst würde
ich aber gern noch drei Kleinigkeiten an "Zeit für die
Bombe" erfragen. Es gibt einige Nodes mit internen
Default-Links, die innerhalb der Datei zum nächsten
Textabschnitt führen. Diese Links fungieren also weder
als Absprung zu einem externen Text, noch als interne
Alternative. Andererseits unterbrechen sie den Textfluss.
Welche Funktion haben diese Links für die Geschichte?
Sollen sie gerade die Alternativlosigkeit anzeigen? Folgen
sie der Logik einer bestimmten
Bildschirmästhetik? SB: Ein simpler
Grund: Ich seh nicht gern scrollenden Text Und ein etwas
pingeliger Grund: Der Browser mit dem Scrollbalken ist das
Gerät, der "Film" läuft aber drinnen innerhalb des
Rahmens ab. Deshalb soll es dort auch weitergehen, und man
soll dazu nicht am Gerät rumschalten
müssen. dd:
Du arbeitest mit verschiedenen Textfarben und
-größen und variierst gelegentlich selbst die
Textausrichtung. Nach welchem Prinzip gehst du vor? Was ist
der Gewinn für die Erzählung? SB: Das ist so zu
verstehen: Der Hypertext besteht aus x Zetteln und jeder
Zettel liegt in einem andersfarbigen Raum in einem anderen
Eck. dd:
Die letzte Frage dazu ist eigentlich keine Kleinigkeit,
sondern zielt auf die prinzipiellen narratologischer
Möglichkeiten der Hyperfiction. Veronika fragt sich am
Ende der Geschichte, wie das alles nur zusammenhänge,
und spricht damit gewiss manchem Leser aus dem Herzen. Sie,
und mit ihr der Leser, begibt sich auf der Suche nach der
Geschichte wieder an deren Anfang. Man kann noch einmal
durch den Text navigieren - bis man schließlich an das
gleiche Ende gelangt. Man kann sich nun zwar anders durch
die Textbausteine bewegen, aber diese selbst sind die
gleichen: Es gibt keine Alternative zu den schon einmal
vorgefundenen Linkalternativen. Dies ist eine klare Aussage.
Eine andere wäre die Veränderung des Geschehens
gewesen. Die Leser hätten in eine zweite Textschleife
geleitet werden können, die zunächst wie die erste
ausgesehen, dann aber eine etwas modifizierte Geschichte
angeboten hätte. Das Argument für diesen Trick
wäre das Schlagwort Derridas gewesen: Differance. Denn
dass Aufschub Veränderung ist, gilt sicher auch
für das Erinnern. Auf diese Weise hätte die
Geschichte eine weitere Ebene gewonnen und die Philosophie
des Hypertextes ästhetisch
ausgeschöpft. SB: Erinnerung als
Differance, hm. Hätte ich damit nicht vor allem eines
gesagt: Schaut mal her, ich kenne Derrida! Und dann,
funktioniert nicht Erinnerung im Internet anders, zum
Beispiel so: Du rufst deine Lieblingsseite auf und da
heißt es dann: "Wie schön, dass Sie wieder da
sind, Roberto Simanowski! Wir, die versammelten
Systemadministratoren und Webdesigner dieser bescheidenen
Homepage freuen uns über jedes vernünftige
Maß hinaus, dass Sie uns nun bereits zum 501. Mal
besuchen." Und dann wird dir gezeigt, was du von deinen
vorangegangenen 500 Besuchen schon bestens kennst und du
klickst dich sofort weiter und weg. Das ist für mich
Erinnerung im Netz: Zählen und
Beschleunigen. Also wenn ich mir was
wünschen dürfte, dann wäre das ein Leser, der
sich immer schneller durch den Text klickt und
schließlich per Zentrifugalkraft aus dem Text
geschleudert wird. Das stelle ich mir gut vor. Nun ja,
Autorenwünsche müssen natürlich nicht
unbedingt mit Leserwünschen zusammenfallen. Für eine Hyperlesung
von "Zeit für die Bombe" habe ich mal versucht, etwas
ähnliches mit Hilfe von Cookies zu arrangieren. Klickte
das Publikum eine Seite zum zweiten Mal an, wurde das
erstens kommentiert "Was, Ihr schon wieder hier!", zweitens
kurz referiert, was auf dieser Seite passiert und das
jedesmal knapper, so dass beschleunigt weitergeklickt werden
musste, was natürlich bevorzugt in der
Wiederholungsrunde passierte. Eigenartig war im ersten
Moment, als ich das geschrieben hab, dass sich in diesen
Cookie-Texten ja ein weiterer Erzähler zu Wort meldet,
eine Art Administrator-Erzähler, der wie ein Begleiter
der Leser auftritt, er erzählt, dass und was schon
erzählt wurde ... Der Trick (ja, hier kommt jetzt mein
Trick) dabei ist, dass sich das dann wie der rote Faden
einer konventionellen Erzählung durchzuziehen scheint.
Die Leser fühlen sich so weniger verloren, glaub
ich. |