dd:
Herr Giesecke, die Universitäten Erfurt und Kassel
haben eingeladen zum Symposium
Ästhetik
digitaler Literatur,
das wohl als erste wissenschaftliche Tagung zu diesem Thema
in Deutschland in die Geschichte eingehen wird. Eine
Pioniertat, die zugleich gewagt ist, angesichts der noch
keineswegs ausgeräumten Skepsis und gar Ablehnung, der
dieses Thema im akademischen Bereich begegnet. Sie bekleiden
einen Lehrstuhl für
Vergleichende
Literaturwissenschaft,
wieso engagieren sie sich für das
Thema?
MG:
Literaturwissenschaft ist ebenso wie die Literatur selbst
genetisch, funktional und strukturell an eine Gesellschaft
gebunden, deren radikalen Wandel wir augenblicklich erleben.
Sie steht vor der Aufgabe ihre Position in einer
pluralistischen Gesellschaft, die sich als multimedial und
multisensuell begreift, neu zu definieren. Der
gegenwärtig kaum mehr überhörbare Ruf nach
Interaktivität und Multimedialität drückt das
Bedürfnis der Menschen aus, dem Zusammenwirken der
Sinne und Kommunikationspartner mehr Bedeutung zu geben, als
dies in der sich ja monomedial definierenden Buchkultur der
Fall war. Eine zeitgemäße Literaturwissenschaft
wird sich deshalb nicht auf Text und Schrift
beschränken können. Eine vergleichende
Literaturwissenschaft kann bei der Entwicklung eines
multimedialen und interaktiven Literaturverständnisses
eine Schlüsselrolle einnehmen, wenn sie nicht mehr nur
gedruckte Texte verschiedener Zeiten und Kulturen sondern
das Zusammenwirken der verschiedenen Ausdrucksmedien und
Kommunikatoren miteinander vergleicht. Neben der
Beschäftigung mit den körperlichen Ausdrucksmedien
gehört dazu vor allem auch die Erkundung der neuen
elektronischen Darstellungs- und
Vernetzungsmedien.
dd:
Was genau umfasst der Begriff digitale
Literatur?
MG: Das können
derzeit nur Scharlatane oder Propheten beantworten. Es
hieße wohl auch den zweiten Schritt vor dem ersten
tun, wenn wir Aussagen zur Ästhetik digitaler Literatur
formulieren wollten. Wir kennen doch bislang kaum die
profanen Möglichkeiten digitaler Medien, wie sollten
wir da deren ästhetischen Potentiale bestimmen
können?
dd:
Aber Sie werden doch Vorstellungen mit dem Begriff
verbinden?
MG: Digitale
Literatur und Netzästhetik sind
für mich zunächst Kampfbegriffe
dd:
Wogegen?
MG: Gegen die
Fokussierung auf typographische Texte und die
interaktionsarmen Produktions-und Rezeptionsformen der
Buchkultur
dd:
Nicht mehr? Keine positive
Botschaft?
MG: Doch,
digital und netz stecken den
Erwartungshorizont ab: andere und ökologische
Vernetzung von Kommunikatoren und Medien, wobei, unter
anderem, eben auch elektronische Programme und Systeme
genutzt werden
dd:
Ein ziemlich weiter und dunstiger Horizont!
MG: Was Vernetzung
und Digitalisierung anlangt, hinkt die Kunst um Jahrzehnte
hinter dem integriertem Landbau und Systemlösungen in
der Industrieproduktion hinterher.Wir befinden uns hier
allgemein und in der Sprachkunst im besonderen in der Phase
der Variation, des Ausprobierens der neuen Medien, kurz: des
Sammelns. Und selbst in dieser Phase, die vor der
Systematisierung und Regelung liegen sollte, stehen wir noch
am Anfang. Noch gelingt es einer Dissertation, wie jener von
Christiane Heibach, "Literatur
im Internet Theorie und Praxis einer kooperativen
Ästhetik",
einen ziemlich vollständigen Überblick zu geben.
Aber die mehr oder weniger vernetzten digitalen Projekte
wachsen rasch. Bald werden sich Schulen abgrenzen, die
Kanonbildung beginnt. Es werden sich Gattungen
ausdifferenzieren, vermutlich nicht weniger als wir aus der
traditionellen Print-Literatur kennen.
dd:
Keine genaueren Prognosen, über die allgemeine
Evolutionslehre hinaus?
MG: Tja, da muß
ich mich häufig wundern, wie Anhänger von
Selbstorganisation und Emergenztheorien extrapolieren. Die
digitale Literatur wird emergieren und sich auch
nicht fremd organisieren lassen. Und das heißt, wir
brauchen uns nicht um Macher, um Autoren zu kümmern. Es
reicht experimentelle Settings bereitzustellen,
Gefäße für kreative Dialoge, die nicht
belastet werden durch
Literaturentwicklungsprogramme.
dd:
Und das war auch die Motivation, die hinter der Ausrichtung
des Symposiums stand?
MG: Ja, einen Dialog
zu eröffnen, der die Optionen in der Schwebe hält.
Daten über den Ist-Zustand zu sammeln und diese allen
Interessierten vor Augen führen. Ich komme da aus
meinem empirischen Wissenschafts- und
Beratungsverständnis nicht heraus. Mir ist klar, dass
ich mit dieser Haltung eine Außenseiterrolle im
medientheoretischen Diskurs einnehme. Umweltdaten zu sammeln
kostet Zeit und Sowohl-als-auch-Haltungen führen nicht
sogleich zu klaren Profilen.
dd:
Wie ist ihr Eindruck nach diesem
Symposium?
MG: Streckenweise kam
ich in Goldgräberstimmung. Dabei war genug Raum, dass
jeder den claim für sich abstecken konnte, den er
für aussichtsreich hielt. Reinhard Döhl, er
muß als Benseschüler schon mehr als 30 Jahr mit
Computern arbeiten, blieb dem Programm der konkreten und
visuellen Poesie treu und einem perfekten
typographischen Design. Ruth Nestvold nahm den Dialog zum
Ausgangspunkt. Es entsteht eine Art von interaktivem
Lernprogramm für Nutzer und Autorin, in dem
Konsequenzen von Rollendefinitionen und Rollentausch
erfahrbar werden.
Während diese Projekte
wenig mit Hypertexten zu tun haben, die häufig als
Markenzeichen digitaler Literatur gelten, loten Heiko
Idensen u..a. eben gerade deren Möglichkeiten aus. Ganz
andere Ansätze wiederum bei Florian Cramer und Susanne
Berkenheger. Cramer übersetzt nicht einfach
traditionelle Literatur ins neue Medium, sondern er
rekonstruiert deren mehr oder weniger ausbuchstabierte
Produktionsstrategien. Dann werden für diese Strategien
geeignete Programmiersprachen entwickelt. Seine digitale
Literatur könnte man als Ästhetik der Algorithmen
und nicht der von ihnen erzeugten Oberfläche
verstehen. Bei Susanne Berkenheger wird die digitale
Vorlage leinwandgroß, zur relevanten Umwelt von
Gruppengesprächen. Sie selbst behält,
überhaupt nicht virtuell, die Rolle einer Moderatorin.
Das führt schon weit weg von der einsamen Rezeption und
der Guckkastenbühne Monitor und hin
zum Einsatz elektronischer Medien als
Ünterstützung von face-to-face Kommunikation. -
Das waren nur einige Beispele aus den
Projektpräsentationen.
dd:
Wie sehen Sie die Zukunft solcher
Veranstaltungen?
MG: Die Stiftung
Brückner-Kühne in der Person von Friedrich Block,
das Wissenschaftliche Zentrum für Kulturforschung der
GH Kassel und wir in Erfurt wollen im nächsten Jahr
eine Fortsetzungsveranstaltung organisieren. Dazu sollen
auch Projekte aus den Vereinigten Staaten, aus
Südamerika und England eingeladen werden. Wir werden
sie individuell und gemeinsam erkunden und aber auch an der
Klärung von zentralen Kategorien arbeiten, die wir zur
Beschreibung der Projekte brauchen. Da hat es dieses Mal
viele Vorschläge, z.B. von Bernhard Dotzler, Uwe Wirth,
Markus Krajewski, Christoph Tholen, Christiane Heibach und
ja auch von Ihnen gegeben.
dd:
Hoffen wir auf eine Synthese im nächsten Jahr und auf
das Gelingen der Folgekonferenz. Viele Dank Ihnen für
das Interview.
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