Prof. Dr. Ernest W.B.
Hess-Lüttich ist Ordinarius f. Textwissenschaft und
Direktor am Institut für Germanistik der
Universität Bern. Er hat in Publikationen und auf
Tagungen wiederholt gefordert, auch die spezifischen
Phänomene der neuen Medien in die akademische Forschung
einzubeziehen. Roberto Simanowski befragte ihn,
gewissermaßen zwischen Tür und Angel, zu
wissenschaftsorganisatorischen Aspekten und
ästhetischen Möglichkeiten im Hinblick auf
Hypertext und digitale Literatur.
dd:
Herr Hess-Lüttich, Sie arbeiten seit Jahren zum Thema
Computer (Internet) und Sprache (Literatur) und sind damit
leider immer noch einer der wenigen Wissenschaftler im
deutschsprachigen Raum, die sich überhaupt auf diese
Konstellation einlassen. Wie sind Sie an dieses Thema
gekommen?
H-L: Durch meine
Studenten...
dd:
Sie mahnten am 30. 8. 95 in der NZZ den raschen Ausbau der
Medienwissenschaft und Medienerziehung an und bescheinigten
der Schweiz diesbezüglich den Stand eines
Entwicklungslandes. Hat hat sich seitdem etwas
getan?
H-L: Wenig. Immerhin:
Neuer Lehrstuhl in Basel. Ausbau des Faches zum Hauptfach.
Ausbau in St. Gallen. Spektakulär: Berufung von Peter
Glotz - ob's hilft?
dd:
Inzwischen werden auch an deutschen Universitäten
zunehmend Medienzentren eingerichtet, oft ein schwieriger
Prozess mit einer Menge konzeptioneller Unsicherheiten. Was
sollten Medienzentren im 21. Jahrhundert leisten, wie
könnten sie der Universität und der nächsten
Studentengeneration den Anschluss an die technologische
Entwicklung und deren Folgen garantieren?
H-L: Die Forschung
hinkt hinter der technischen Entwicklung notorisch
hinterher. Es fehlt eine gemeinsame konzeptionelle,
theoretische, auch terminologische Grundlage
interdisziplinaerer Medienforschung: Aufgabe einer
künftigen Mediensemiotik.
dd:
Welche Rolle spielen die Forschungsprojekte, die zum Thema
neue Medien bestehen, für die Etablierung dieses Themas
im Lehrangebot der Universitäten?
H-L: Eine
entscheidende: die Curricula werden sich wandeln und am
künftigen Bedarf orientieren.
dd:
Sie selbst haben an der Universität Bern Seminare zum
Thema angeboten. Worum ging es da?
H-L: Im Lehr-Bereich
"Literatur und Medien" können an einem Institut
für Germanistik nicht alle Desiderate abgedeckt werden,
da es bei knappen personellen Ressourcen Studienpläne
zu erfüllen gilt. Bei mir ging es z.B. um
Kommunikationstheorie, Medienbegriffe, Codebegriffe,
Literaturverfilmung, Multimedia und
Wissenschaftskommunikation etc.
dd:
In einem Kolloquiumsbeitrag von 1994 erörtern Sie den
Zusammenhang Text, Intertext, Hypertext. Was die
ästhetische Seite des Hypertextes, die Hyperfiction,
betrifft, schütteln Skeptiker meist den Kopf: sowas
könne nicht funktionieren, zumindest werde es nie aus
dem Stadium eines bemühten, anstrengenden
Avantgardismus herauskommen, denn das nicht lineare
Erzählen widerspreche allen Lesegewohnheiten - mit
linearem Erzählen ist dabei natürlich nicht das
chronologische Erzählen gemeint, sondern ein
Erzählen, das genaue Vorstellungen hat, in welcher
Reihenfolge die Leser den Text erfahren sollen. Sehen Sie in
den stilistischen Mitteln und konzeptionellen
Möglichkeiten des Hypertextes eine Entschädigung
für den Verlust stringent konstruierter
Spannungsbögen?
H-L: Im Prinzip ja.
In meinen texttheoretischen Erörterungen zu
Hypertext***
finden Sie einige wenige knappe Hinweise zu literarischen
Beispielen für narratologische Strukturprinzipien des
Hypertext-Konzeptes.
dd:
Hypertext ist ein Begriff und Phänomen der 80er Jahre
und wird inzwischen schon synonym mit Hypermedia benutzt
oder überhaupt durch Netzkunst abgelöst. Selbst
die 'Väter' des fictionalen Hypertextes, Michael Joyce
und Stuart Moulthrop, integrieren heute Bild, Film und Ton
in ihre Werke. Mit der Durchsetzung von Flash wird das Wort
wohl ganz seine Hoheit im 'Text' verlieren. Was denkt der
Semiotiker, wenn sich die Multimedialität zur
Multilinearität gesellt?
H-L: Zu viel, um es
hier in einem Satz zusammenzufassen. In meinem Buch uber die
"Grundlagen der Dialoglinguistik" (Berlin, 1981) habe ich
allerdings bereits in Vor-Computer-Zeiten theoretische
Überlegungen zum Verhältnis von ("Multi-)
Medialität und Textualität" angestellt, die hier
einen neuen und aktuellen Anwendungsbereich
finden.
dd:
Wie bringt man Ordnung in das Gewirr ästhetischer
Experimente mit Hypertextualität, Intermedialität,
Interaktivität ...? Gibt es eine "digitale Literatur"
und was macht sie zu einer Gruppe? Oder muss es "digitale
Kunst" heissen? Oder sollte man von heiklen terminologischen
und typologischen Unternehmungen lieber die Finger
lassen?
H-L: Wieso heikel?
Gruppen definieren sich über ihr Gruppenbewusstsein -
mit allen bekannten Strategien der Kohärenzbildung nach
innen und der Abgrenzung nach außen. Übersicht zu
gewinnen im "Gewirr ästetischer Experimente" ist nicht
Aufgabe der Künstler, wohl aber der (Medien-)Forscher.
Die daraus gewonnene "Ordnung" ist, nota bene, keine
statische, sondern eine transitorische.
dd:
Haben Sie vielen Dank für die Auskünfte.
***"Towards
a Narratology of Holistic Texts: the Textual Theory of
Hypertext", in: Sam Inkinen (ed.), Mediapolis. Aspects of
Texts, Hypertexts and Multimedial Communication (= Research
in Text Theory 25), Berlin/New York: de Gruyter 1999, S.
3-20 --- "Text, Intertext, Hypertext. Zur Texttheorie der
Hypertextualität", in: Josef Klein & Ulla Fix
(eds.), Textbeziehungen. Linguistische und
literaturwissenschaftliche Beiträge zur
Intertextualität, Tübingen: Stauffenburg 1997, pp
125-148.
Ihr
Kommentar

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