dd:
Mit der ""Aaleskorte"" seid ihr die Preisträger des
Pegasus 98 geworden. Was habt ihr vorher gemacht? Was macht
ihr jetzt?
FK: Kurz vor der
Ausarbeitung der "Aaleskorte" hatten wir beide unser Studium
abgeschlossen bzw. abgebrochen. Dirk arbeitet jetzt als
Anwendungsberater für Software in Düsseldorf, ich
als Webmaster bei einer Schallplattenfirma in Hamburg.
Daraus ergibt sich, dass sich unser neues Web-Projekt etwas
schleppender entwickelt, als wir geplant haben. Trotzdem,
optimistisch gesprochen, kann ab November damit gerechnet
werden: Ein Web-Krimi, incl. aller Irr- und Wirrpfade
bislang 350 Html-Seiten dick, wird mit weit über 1000
Html-Seiten vielleicht einer der ersten online-Schinken.
dd:
Warum Pegasus 98?
FK: Wir sind eher
zufällig auf die Ausschreibung gestoßen, kannten
den Wettbewerb auch nicht aus den Vorjahren. Was uns reizte,
war vor allem ein fortwährender persönlicher
Disput zwischen uns über Sinn, Nutzen,
Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation via
Internet. Wir hatten in dem von uns derzeit jeweils
favorisierten Medium (Print vs. Web) vom Pegasus-Wettbewerb
gehört und haben uns unmittelbar entschlossen, unseren
Schlagabtausch in die gemeinsame Ausarbeitung eines
Pegasus-Beitrags zu verlagern.
dd:
Warum Text plus Bild plus Kombinationsspiel?
FK: Warum sollte
Literatur das Internet aufsuchen? Der Antrieb für
Autoren (lassen wir den Aspekt, eine unmittelbare und allein
sich selbst gegenüber verpflichtete
Veröffentlichungsplattform zu bilden, außer Acht)
besteht wohl darin, zusätzliche Sinndimensionen mit dem
Text in Austausch treten zu lassen. Dazu kommt die
Möglichkeit, für den Leser/User einen Spielraum zu
inszenieren.
Internetliteratur ist
für mich immer Kommunikationskunst, die Abstimmung von
Interaktionen, der (Kunst)Griff, durch Arrangements den
Leser/User zu Aktionen mit dem Text zu
motivieren/verführen. In diesem Sinne ist der der
"Aaleskorte" zugrundeliegende Interaktionsbegriff stark
begrenzt, die Autorenschaft auch im Raum von 62 Mio.
Möglichkeiten klar geregelt, da dem Autor letzten Endes
vorbehalten ist, der Regler am Interaktiosfluss zu sein,
Interaktion zuzulassen und zu verhindern
gleichermaßen.
dd:
Warum der Verkauf eines Aals?
FK: Intuitive
Entscheidung, postwendend die Rechtfertigung. Dass sich so
viele Symbole und biologische Fakten/Rätsel
glänzend in die Atmosphäre der "Aaleskorte"
fügen, ist uns z.T. erst im Prozeß der
Fertigstellung offenbar geworden - wer sich die Mühe
macht, im Brehm nachzuschlagen, wird schnell merken, wovon
wir reden. Zunächst war nur die live-haftige
Tötung eines Fischs für den Kunden - die nicht
gewollte, aber dennoch geforderte Tat - von Belang,
letztendlich aber forderte die Geschichte den Aal.
dd:
Was ist das Problem der Ölig?
FK: Obwohl sich das
Gefühl, Kindsmissbrauch sei sowohl Problem wie Ventil
der Ölig, aufdrängt, und es kein Entrinnen vor der
sexuellen Ladung der Geschichte zu geben scheint, denke ich,
dass man das "Problem der Ölig" auch losgelöst
hiervon sehen kann. Als ein krankhaftes Ausweichen vor der
eigenen Verantwortbarkeit durch das Aufweichen einer
Entscheidung im Spannungsfeld zwischen Versuchung und Tat,
das Nicht-Entschiedenhaben als Ergebnis des Handelns. Die
Ölig sehnt sich nach der Unschuld des Ursprungs
zurück, weiß aber, dass für sie schon die
Annäherung durch ein Mehren der eigenen Last erkauft
werden muß.
dd:
Ein unschuldiger Ursprung, weil damals andere den toten Aal
auf den Teller brachten?
FK: Vor allen Dingen,
weil das kindliche Wissen über die Tötung des Aals
noch der entmündigten Mythenwelt entstammt. Die
Ölig sehnt sich an den Zeitpunkt zurück, an dem
ihre Genußfähigkeit noch nicht durch das
Bewußtsein der Täterschaft torpediert wurde.
dd:
Welche Rolle spielt der Ekel in diesem
Drama?
FK: Ekel funktioniert
hier sicher auch als Motor und Motivator, Neuverfilmungen
anzugehen. Andererseits unterstützen die
schleimigblutigwiderlichen Bildmotive die unheimliche
Atmosphäre der "Aaleskorte". Letzlich war es auch ein
persönlicher Spaß für uns,
Bildmotive/ausschnitte auszuwählen, die den Leser/User
bzgl. des Gezeigten täuschen - einige der Bilder
stammen aus Kochbüchern, Supermarktprospekten oder
Biologiebüchern. Die auf das Detail gerichtete Lupe
erzeugt hier Ekel in Kontexten, die eigentlich
appetittanregend wirken sollen.
dd:
Beat Suter sieht im Aalmythos und im Festmahl der
Verspeisung des Aales Anlehnungen an die "Blechtrommel"
sowie an "Familienhistorien oder Familienfest und
Familienzwist in verschiedenen deutschen Romanen der
Zwischen- und Nachkriegszeit." (Hyperfiction, Zürich
1999, S. 116). Wie ordnet ihr euch literaturhistorisch
ein?
FK: Die
Regelmäßigkeit, mit der die "Aaleskorte"
Erinnerungen an die "Blechtrommel" bzw. deren Verfilmung
wachruft, hat uns selbst noch mal in Klausur gestürzt,
ob wir beim Erstellen der "Aaleskorte" nicht auch über
diese Parallelen nachgedacht haben. Eigentlich nicht.
Vermutlich gehören die Bilder der "Blechtrommel" aber
so unumstößlich zu unserer literarischen
Sozialisation, dass sie auch unreflektiert wirken und ihren
Platz stumm beanspruchen.
Insgesamt war der mit dem
Erstellen der "Aaleskorte" verbundene Arbeitsprozeß in
einem solchen Maße von Fragestellungen bzgl.
Navigation + Technik überlagert, dass eine
literaturhistorische Reflektion an (man kann schon sagen:)
keiner Stelle stattgefunden hat. Und das ist vielleicht auch
gut so, denn ich glaube nicht, dass wir in dieser Frage
irgendwie überein gekommen wären.
dd:
Das klingt, als stünden die technischen Fragen im
Vordergrund, und dazu will ich gleich mehr wissen. Zuvor
noch einmal zur "Aaleskorte", an deren Ende man liest:
"Sollte Ihnen noch einiges rätselhaft oder unklar
geblieben sein, empfehlen wir eine Neuverfilmung des Plots.
Sie werden den Film mit anderen Augen betrachten und immer
mehr Licht in´s Dunkel bringen. Also los, es gibt noch
viel zu entdecken! Ab zur Neuverfilmung der 'Aaleskorte'".
Ist die "Aaleskorte" ein Hypertext oder eine Parodie auf
diesen?
FK: Dass man
tatsächlich mehr versteht durch eine Neuverfilmung,
erübrigt sich wohl ca. mit dem fünften Versuch.
Die Möglichkeit der Millionen Alternativen wird ohne
Frage von dem Gefühl, auch nach kurzer Zeit alles
erlebt zu haben und bereits Wiederholungen zu erleben,
ernüchtert, vermutlich auch karikiert. Insofern ist die
"Aaleskorte" vielleicht eine Parodie, weil der Witz auf
Kosten einer Hypertext-Tugend geht. Wir verstehen die
"Aaleskorte" dennoch als Hypertext, da wir nicht sehen, dass
die Definition des Begriffes schon derart festgefahren sein
sollte, dass Parodien schon wirken könnten. Auch wenn
wir wissen, dass mancherorts Stilwächter bereits die
Claims abgesteckt haben...
dd:
Der Aalverkäufer Hohmann sieht aus wie Frank
Klötgen. Wer lacht, wenn es in der letzten Szene
jeweils heißt: "Hohmännchen winkt mit dem
Aalschädel goodby. Beide
grinsen"?
FK: Nicht zu
vergessen, dass das Portrait des Erzählers Dirk
Günther zeigt (ebenso das Foto vom kleinen Sven). Nun,
wie bereits oben erwähnt, ist die Lenkung des
Users/Lesers durch Regie, Bild und "Ton" für uns eine
Spielwiese gewesen, die zu neckischen Versteckspielen
einlud. Wir grinsen also ohne Zweifel mit, wenn der Leser am
Ende jeder Verfilmung neue Zusammenspiele zwischen
Regieanweisungen, Text und/oder Bild entdeckt hat.
dd:
Wie reagierte das Publikum auf diese Spiele?
FK: Dass die
"Aaleskorte" polarisieren würde, hatten wir durchaus
erwartet. Und die vielen positiven Reaktionen auch erhofft.
Die Vehemenz, mit der negative Reaktionen (mails only)
formuliert waren, fanden wir allerdings bedenklich.
Vermutlich lädt der schnelle Mailbutton zu spontanen
Beschimpfungen und Bedrohungen ein. Insgesamt zeigte sich
schon deutlich, dass man als Autor im Internet ein
weitergefächertes Publikum hat als bei Lesungen - und
schon mal härter angegangen wird.
dd:
Worauf zielten die Beschimpfungsmails, womit wurde
gedroht?
FK: Die
Gemäßigten" wollten uns den Untergang der
abendländischen Kultur unterschieben, die
Heftigeren" fuhren das typische Stammtisch-Arsenal von
Kastration bis Verbrennen auf. Originelles gab's da
nichts.
dd:
So gefährlich also kann digitale Literatur werden. Wenn
der Mailbutton zu spontanen Beschimpfungen einlädt,
ermuntert dann auch die Replay-Funktion zur Eröffnung
eines ausgiebigen
Autor-Leser-Dialogs?
FK: Mit einem
Leser/User hat das so stattgefunden - die meisten Mails
erforderten aber keine Reaktion von unserer Seite bzw. haben
uns alles andere als ermutigt, Kontakt aufzunehmen. Sobald
sich in der digitalen Leserschaft aber differenziertere
Meinungslager herausgebildet haben, glaube ich schon, dass
da eine send/respond-Streitkultur entstehen
könnte.
dd:
Zum Verhältnis von Text und Technik. Im Content-Tag der
"Aaleskorte" heisst es, dass Frank Klötgen für den
Text verantwortlich ist und Dirk Günter für die
Produktion. Wenn ein Songtexter und ein Website-Designer
sich zusammentun, entsteht daraus digitale Literatur? In
welches Ressort gehört z.B. die Auswahl der
Bilder?
FK: Die Abgrenzung
Text und Produktion beschreibt jene Gebiete, die dem
Einzelnen allein vorbehalten waren. Alle anderen Schritte,
die zur Gestaltung der "Aaleskorte" nötig waren, haben
wir gemeinsam vorgenommen. Das Sammeln von Bildern,
Bestimmen der Bildausschnitte, die Gestaltung der
Navigationselemente/-wege war tatsächlich Teamarbeit im
besten Sinne. Mittlerweile ist das Verständnis
darüber, was der andere so anstellt, viel
größer geworden - und es werden auch
Vorstöße in das jeweils fremde Terrain gewagt.
Bei unseren neueren Arbeiten wird die Abgrenzung der
jeweiligen Verantwortungsbereiche schwieriger fallen.
Ich glaube auch nicht, dass
die scharfe Abgrenzung zwischen Autor und Techniker im Fall
von Internet-Literatur zu guten Ergebnissen führen
wird. Wenn der Autor nicht prinzipiell in der Lage ist, den
Hypertext weitgehend allein zu fabrizieren, wird er m.E.
auch keine Internet-Literatur herstellen (daher von meiner
Seite no chance zu den Versuchen, Printautoren der besseren
stories wegen anzuheuern) - ebenso wenig Hilfe sollte man
sich von einem technischen Hintermann versprechen, der zum
Erfüllungsgehilfen degradiert ist.
dd:
Wie schätzt du die deutsche Szene der digitalen
Literatur ein?
FK: Ich denke nicht,
dass man da schon von einer Szene sprechen kann. Momentan
schweisst doch eher das Gefühl zusammen, im gleichen
Medium tätig zu sein - jedoch mit völlig
unterschiedlichen Projekten, die z.T. auch wegen des
ideologischen Ballasts, den man in den Jahren so für
sich angesammelt hat, gegensätzlich ausgerichtet sind.
Tatsächlich denke ich,
dass die Szene der digitalen Literatur in Deutschland, die
sich bislang herausgebildet hat, Schwierigkeiten haben wird,
ihre Pionierarbeiten als solche darstellen zu können,
sobald die ersten Verlage größere Projekte
angehen. Ich befürchte, dass die Pioniere dieser
Gattung noch ausgemacht werden und auch die
Literaturwissenschaft sich nicht die Mühe machen wird,
nach anderen Ursprüngen zu fragen - die bis dahin
eventuell auch unauffindbar sind. Soviel ich weiß, ist
die Pegasus-Adresse nicht mehr erreichbar und damit die
Dokumentation des Wettbewerbs allenfalls noch offline
vorhanden. Da z.b. der Anbieter unserer privaten Domain vor
kurzen pleite gegangen ist, existiert die "Aaleskorte"
momentan nicht mehr im Netz.
dd:
Apropos Wettbewerbe: Deren Ausschreibungskriterien sind ja
immer wieder ein Problem für beide Seiten. Du sprichst
vom gleichen Medium mit völlig unterschiedlichen
Projekten. Haben sich in diesem Medium bereits eigene Genres
herauskristallisiert, die ihren je eigenen Wettbewerb
bräuchten?
FK: Ich glaube schon,
dass eine Unterteilung in Kategorien wie Installation,
Mitschreibprojekt und Hypertext Sinn machen würde - im
erweiterten Sinne eine Abbildung der Bühlerschen
Zeichenfunktionen in Bezug auf die Inszenierung von
Interaktionen im Netz. Die bisherigen Wettbewerbe waren
vermutlich zu stark darauf ausgerichtet, die gesamte
Bandbreite von literarischen Ausdrucksformen im Web zu
präsentieren. Das war insofern hilfreich, als die
stilistische Offenheit Autoren motivierte, im Netz
tätig zu werden. Die zuvor genannten Disziplinen"
sind aber zu verschieden, um beim Publikum für Klarheit
zu sorgen, was von DER Netzliteratur zu erwarten ist. Ebenso
problematisch ist es bekanntermaßen, umfassend
verbindliche Bewertungskriterien zu finden, die gleichzeitig
nicht-literarische Kommunikationsformen ausgrenzen. Fraglich
ist natürlich, ob eine Aufsplittung in unterschiedliche
Disziplinen auch vom quantitativen Output her zu
rechtfertigen ist - und ob hiermit einer Verdrängung
der weniger publikumswirksamen Disziplinen Vorschub
geleistet wird.
dd:
Habt ihr Vorbilder im Bereich der digitalen
Literatur?
FK: Wir zeigen wenig
Disziplin im Lesen anderer Texte. Die Liste notierter Links
von Texten, die man noch zu lesen plant, ist wesentlich
länger als die der bereits gelesenen. Auch wenn ich
für mich selbst nichts Interessanteres als das
Verfassen von Texten/die Wiederaufbereitung von Texten
für das Internet sehe, muss ich zugeben, dass mir das
Lesen von Hypertexten oft mühsam bis lästig
erscheint. Mag sein, dass die eigene intensive
Beschäftigung mit dem Medium zu einer Art
Computerabstinenz verpflichtet, vielleicht sind auch einfach
die meisten Texte nicht interessant genug, aber in der Regel
breche ich mit dem Lesen sofort ab, wenn ich meine, den
Navigations-/Interaktions-Rhythmus, der dem Text zugrunde
liegt, erkannt zu haben. Bisher wüßte ich kein
Beispiel, in dem mich der Text/die Geschichte hiernach noch
gefesselt hätte. In diesem Sinne ist mein interaktives
Lesen mehr ein Scannen von Effekten - da ich mir mehr
erhoffe, bislang noch ohne wirkliche
Vorbilder.
dd:
Robert Coocer klagt in seinem jüngsten Essay
Literary
Hypertext: The Passing of the Golden
Age"
über die Multimedialisierung der Literatur im Internet
und sieht eine Tendenz zum Film als dem passivstem der
Medien im Vergleich zur Interaktivität des Hypertextes.
Auch einige Vertreter der deutschen Szene beharren auf dem
interaktiven Charakter der Netzliteratur als derem genuinen
Merkmal und unabdingbarer Verpflichung. Ihr habt die
"Aaleskorte" als Film bezeichnet und zugleich mit einer
Pseudo-Interaktivität der Navigationswahl ausgestattet.
Wenn ihr ein Manifest der digitalen Literatur schreiben
müsstet, wie würden die ersten Sätze
lauten?
FK: Vom genuinen
Merkmal zur unabdingbaren Verpflichtung - das ist das
Wettrüsten für eine Abwehrschlacht, an dem man
sich als Autor nicht beteiligen sollte. Die
Manifestfreudigkeit der digitalen Autoren finde ich in einem
so offenen und sich derart rasant entwickelnden Medium
eigenartig. Als würde man schon jetzt versuchen, die
eigenen Herangehensweisen gegen fremde Entwicklungen zu
konservieren, indem man sie zum Standard erhebt. Mir fehlen
für solche Standards aber noch eine ganze Reihe
spannender Werke, als dass sie mir sympathischer oder
wichtiger als der Experimentiergeist sein
könnten.
dd:
Das ist eine Erwartung, der man sich gern anschließt.
Ich bin gespannt auf euern Web-Krimi und bedanke mich
für das Interview.
Ihr
Kommentar

home