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Netzliteratur im literarischen Netz

Interview mit Hermann Rotermund

Hermann Rotermund studierte Germanistik und Soziologie und promovierte mit einer Arbeit über „Ästhetische Bedürfnisse". Er war Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen (1977 bis 1983), Organisator der Bremer Literarischen Wochen und anderer Kulturveranstaltungen (1983 bis 1988) sowie Leiter eines Redaktionsbüros (1988 bis 1995). Rotermund konzipierte und koordinierte das Internet-Angebot von Radio Bremen und ARD und baute für die ARD den ersten Multimedia-Kanal im digitalen Fernsehen auf. Er ist Autor, Übersetzer und Herausgeber von Sachbüchern. Roberto Simanowksi sprach mit ihm über Wettbewerbe zur 'Netz'-Literatur, deutsche Netzliteraten, Dichtung und Technik, Cyberoper und E-Books.

dd: Herr Rotermund, Sie waren Mitorganisator und Juryvorsitzender des von ZEIT und IBM sowie später auch ARD Online und Radio Bremen ausgerichteten Internet-Literaturwettbewerbs 1997 und 1998, der im Grunde die deutsche Szene der digitalen Literatur erst geschaffen hat. Wie kam es zu diesem Wettbewerb? Welche Absicht verfolgte er?

HR: Die wesentliche Absicht war, die Produktion von digitaler Literatur - gleich welcher Gestalt - überhaupt anzuregen. Dabei spekulierten die Organisatoren unter anderem auch auf Beiträge von Autoren traditioneller Literatur. Es stellte sich allerdings heraus, daß zwar eine ganze Reihe ungedruckter Lyrik eingereicht wurde, ansonsten jedoch ein großer Teil der Einsendungen von bislang literarisch nicht hervorgetretenen Autoren produziert worden war. Vielfach wurde auch deutlich, daß die Phantasie der Initiatoren über die Möglichkeiten der Teilnehmer weit hinausgeschossen war. Die künstlerische Qualität der meisten Beiträge des ersten Wettbewerbs war ernüchternd.

Dd: Sind die bekannteren Autoren traditioneller Literatur ausgeblieben, weil sie in der Technik den natürlichen Feind der Literatur sehen?

HR: Das will und kann ich nicht unterstellen. Es würde auch bedeuten, daß diese Autoren die technische Umgebung, in der sie ihre Literatur produzieren, nicht wahrnähmen. Und viele Autoren gehen ja virtuos mit der Technik des Typographeums um und reflektieren die Produktionsbedingungen der Buch- oder Zeitschriftenherstellung. Ich nehme vielmehr an, daß viele Autoren sich vor drei oder vier Jahren noch überhaupt nicht mit den Möglichkeiten digitaler Literatur auseinandergesetzt hatten - und daß diejenigen, die es bis heute getan haben, bewußt nicht Gehversuche auf einem noch kaum markierten Gelände machen.

Die Entdeckung des Internet als öffentlichen Previewer für die eigene Kladde (im Falle von Goetz sogar preisgekrönt) ist bislang nicht mit der Entdeckung und dem Ausprobieren der spezifischen Möglichkeiten digitaler Literatur einhergegangen. Web-Anthologien wie „Null" waren und sind Sammelstellen traditioneller Literatur, und es gilt wohl für eine Weile als chic, dort mit einer Arbeit vertreten zu sein. Für mich bleibt die Frage offen, ob die Wegmarkierungen der künftigen digitalen Literatur von Konvertiten oder Doppelbegabungen gesetzt werden oder von genuinen Produzenten digitaler Literatur ohne Vergangenheit im Typographeum.

dd: Der erste Wettbewerb lud 1996 "zum Spiel mit den Grenzen zwischen Schrift, Datensatz, Bild und Graphik" ein, forderte aber, dass es sich bei den Beiträgen "nach wie vor um Literatur" handeln müsse, mit dem Zusatz: "um welche Art von Literatur allerdings, ist völlig offen". Sollte die Ausrichtung aufs Wort, die sich ja auch in der Beschränkung der Beiträge auf magere 60KB äußerte, dieses Experiment einer "Fortsetzung der Literatur mit anderen Mitteln" überschaubar halten?

HR: Ich nehme an, daß den Initiatoren im Jahre 1996 vor allem die amerikanische Hyperfiction bekannt war, die ausschließlich mit Text und Hyperlinks arbeitete. Die Diskussion um die Einbeziehung und Anerkennung multimedialer Elemente entstand erst im Verlaufe des Wettbewerbs. Konsequenterweise war einem Teil der Organisatoren und Jurymitglieder bereits 1997 bei der Festlegung des Wettbewerbs auf den Begriff „Literatur" etwas mulmig. Die ursprüngliche Beschränkung auf 60 KB war von der Vorstellung reiner Textbeträge geleitet - man wollte nicht hunderte von Romanen lesen, sondern auch um der Vergleichbarkeit willen eher kleinere Formen anregen. Beim Pegasus-Wettbewerb 1998 (übrigens das einzige Jahr, in dem der Wettbewerb diesen Namen hatte) gab es gar keine Beschränkungen mehr, da die Anmeldung vorhandener Websites zugelassen war und die Ausschreibung auch keine Gattungsbezeichnung mehr enthielt.

dd: Die Jury hat ihre Enttäuschung über die eingesandten Beiträge nicht verschwiegen. Ein Jahr später sprang sie schon aus dem ersten Satz Ihrer Laudatio: "Er ist im Netz der Netze noch nicht aufgetaucht, der Online-'Ulysses'." War man überhaupt in der Lage, seine Ankunft zu erkennen? Nach welchen Kriterien wurden die Einsendungen bewertet? Konnte man auf irgendwelche Ansätze einer digitalen Ästhetik zurückgreifen?

HR: Die Einsendungen der Wettbewerbe waren öffentlich zugänglich. Hätte die Jury das große, maßstabsetzende, die Rezipienten verstörende Werk übersehen, dann hätte es wohl ein kleineres Netz-Gewitter gegeben. Ich wollte mit meiner damaligen Rede die deutschen „Netzliteraten", deren Verhaltensformen in Diskussionsforen sehr an die WG-Kultur der 70er Jahre erinnerten, ein wenig provozieren und ihnen die Fall- oder besser: Reichhöhe vor Augen führen, die sie noch von bemerkenswerten ästhetischen Produktionen trennte. Abgesehen davon habe ich an mediengeschichtliche Tatsachen erinnert: Alle modernen technischen Medien haben sich ihre Inhalte erst suchen müssen und boten nicht gleich bei ihrer Einführung künstlerische Höhepunkte.

Die Einsendungen wurden von den Juroren, je nach ihrer Erfahrung und persönlichen Einstellung, verschieden bewertet. Es war aber leicht, Grundmuster zu vereinbaren: War ein Beitrag textorientiert und eher erzählend, so wurde er wie eine Erzählung bewertet - ist er gut konstruiert, bereitet er Lesevergnügen, usw. In der Diskussion wurde auch die merkwürdige Kongruenz von guter oder zumindest akzeptabler Story und intelligentem Einsatz hypertextueller Steuerungstechniken festgestellt. Daher gab es im Jahre 1997 keine Schwierigkeiten bei der Einigung auf die Preisträger, die beide textorientierte Einsendungen gemacht hatten. Die wenigen nennenswerten multimedialen Beiträge wiesen individuelle Defekte auf, die eine Preisvergabe verhinderten. Ich erinnere mich an ein wundersam programmiertes, aber staubtrockenes Essay, an ein Abenteuerspiel, das nicht einmal den Versuch machte, sich künstlerisch zu legitimieren und einige weitere Unternehmungen.

In allen Wettbewerben stellten Diskussionsteilnehmer immer wieder die Frage nach den Bewertungskriterien der Jury. Viele wollten anscheinend die Jury nicht als Gruppe einigermaßen umfassend gebildeter und kulturell erfahrener Individuen akzeptieren, sondern wollten Kataloge mit Killer-Kriterien vorgeführt bekommen. Diese Kataloge haben wir verweigert. Deren Aufstellung hätte uns auch das Abenteuer der Entdeckung von neuartiger Spannung, von neuartigem Genuß versauert. Selbstverständlich haben zumindest einige von uns - ich erwähne hier ausdrücklich Dieter E. Zimmer - die Diskussion um die Digitalästhetik verfolgt und kannten den state of the art.

Das Problem scheint mir bis heute zu sein, daß die deutschen Netzliteraten die wissenschaftliche Diskussion gar nicht zur Kenntnis nehmen, sondern ihre Wahrnehmung auf Gegenstände beschränken, die die Weihen der deutschen Plauderforen erhalten haben. In diesen habe ich nicht entdeckt, daß die bereits 1994 erschienene umfassende Begriffsbestimmung des Hypertexts von Stefan Freisler (in: Deutsche Sprache 22/1, S. 19-50) jemals aufgegriffen worden wäre, um ein einziges Beispiel zu nennen.

dd: Warum gab es keinen Pegasus 1999?

HR: Die vier Träger, also auch Sponsoren, des Pegasus 1998 konnten sich auf keine neue Veranstaltung einigen. Im Verlauf des Wettbewerbs realisierten die Partner IBM, ZEIT, Radio Bremen und ARD online ihre Interessen in unterschiedlicher Weise, es gab innerorganisatorische Verstimmungen. Mit dem tatsächlichen Wettbewerb, also der Anregung von Netzkunst, hatten diese Verstimmungen nichts zu tun.

dd: Seit dem Sommer 2000 sind die Beiträge des Wettbewerbs nicht mehr online zugänglich. Das hat in der Netzgemeinschaft zu einiger Verstimmung geführt, da somit faktisch die einzige Bibliothek zum Thema für unbestimmte Zeit geschlossen wurde. Die Netzgemeinde hat zur Selbsthilfe gegriffen und die auf der Pegasus-CD-ROM gepressten Beiträge online verfügbar gemacht. Welche Archivierungsverantwortung entsteht mit der Netzliteratur, wie und von wem sollte diese wahrgenommen werden?

HR: Ich bitte, es mir nicht als Zynismus auszulegen, wenn ich die Empirie über ein Verantwortungspostulat stelle: Der Computer ist als Speichermedium unsicherer als das Typographeum. Das kann und werde ich nicht bejammern. Ich arbeite selbst seit 1984 mit dem PC und habe von einigen Jahrgängen meiner schwankenden Produktivität nur Ausdrucke oder Toncassetten, aber keine Dateien mehr. Der größte Witz ist, daß es von meinem 1988 erschienenen Roman inzwischen weder eine Datei noch ein irgendwo auftreibbares Restexemplar gibt. Trotz aller Backup-Strategien wird uns das technische „Feature" der Flüchtigkeit der digitalen Speicher in den nächsten Jahrzehnten begleiten. Ihre Aussage, die Netzgemeinde habe zur „Selbsthilfe" gegriffen, scheint mir eine merkwürdige Erwartung zu implizieren: Die Aggregatoren von Inhalten sollen das Interesse und die Verpflichtung zur Sicherung der Daten haben. Ich frage mich zunächst, ob die Urheber selbst dieses Interesse haben - und von welchem Ewigkeitsstandpunkt aus die Aufbewahrung jedes geglückten und mißglückten Versuchs, sich auf dem Feld der digitalen Literatur zu produzieren, sinnvoll ist.

***

dd: Kommen wir vom Bewahren zum nicht minder strittigen Punkt des Benennens. Die Schwierigkeiten, den eigentlichen Gegenstand zu definieren, umfassen sowohl Bestimmungs- wie Grundwort: Ist Netz-Literatur notwendig ans Netz gebunden? Inwiefern ist sie noch Literatur? Diese Unklarheiten führen auch bei den Ausschreibungen solcher Wettbewerbe immer wieder zu Missverständnissen und Verärgerungen. Wie sollte man künftige Wettbewerbe ausrichten?

HR: Definitionsprobleme lassen sich nicht per Dekret beseitigen. Einige Jahre nach der Einführung des Radios gab es Begriffe wie „Radiospiel" und „Hörbühne", erst nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich eine Ästhetik des Hörspiels in Deutschland wirklich aus. Die Anregungen für die Definition einer im Wachsen und Werden befindlichen ästhetischen Gattung können nicht vom Katheder kommen, sondern nur durch die Produktionen - obwohl selbsternannte Netzliteraten absurderweise das Gegenteil fordern.

Ich plädiere seit einigen Jahren dafür, Wettbewerbe für Netzliteratur oder Netzkunst so zu organisieren wie seriöse und über Jahrzehnte anerkannte Literaturpreise - nämlich ohne die Nennung irgendeines Kriteriums außer vielleicht der Entstehungszeit und der Eigenschaft, nicht als kommerzielle Auftragsproduktion entstanden zu sein. Die bei Sponsoren beliebte Benennung eines Wettbewerbsthemas lehne ich ab, ein thematischer Wettbewerb könnte den „offenen" Wettbewerb höchstens in Form eines Sonderpreises ergänzen.

Das entscheidende Problem ist für mich, welchen Gegenstand ein Wettbewerb haben soll: eine Produktionsidee oder eine fertige Produktion? Werden fertige Produktionen verlangt, so erhalten wir maximal einen Wettbewerb von der Qualität eines Hochschul-Videopreises - es sei denn, zur Einreichung von Beiträgen wären auch Medienunternehmen zugelassen, die ihre Auftragsproduktionen bewerten lassen. Ich plädiere daher für den Förderwettbewerb, der multimediale Ideen bewertet und ihre mediengerechte Realisierung ermöglicht.

dd: Digitale Avantgarde, Wettbewerbe, Stipendien: Wie verhalten sich auf dem Feld digitaler Literatur Genie und Handwerk, Schöpfung und Produktion? Und wie verkauft man sowas?

HR: Zum Verhältnis von Genie und Handwerk empfehle ich die Lektüre einer Dürer-Biographie. Wer nicht über eine umfassende Kenntnis der Techniken verfügt, kann auch nichts Bemerkenswertes zur Darstellung bringen, höchstens etwas bemerkenswert Dummes oder Peinliches. Der Computer wird durch das Internet zu einem Medium, das die Integration aller bisherigen Medien besorgt. Die Trennung von Text, Bild, Audio, Video, Animation, Kommunikation usw. ist unter diesen Bedingungen relativ willkürlich. Wer als Autor auf die traditionellen Arbeits- und Kommunikationstechniken des Typographeums fixiert war, kann nicht automatisch mediengerechte Beiträge für das Internet produzieren.

Diese Erkenntnis ist im Grunde trivial, und Medien wie der Film oder das Hörspiel haben dafür schon Beispiele geliefert. Die Produktionsweise des Films - mit der arbeitsteiligen Trennung von Autorenleistungen (eventuelle literarische Vorlage, Treatment, Drehbuch), Regiearbeit und Produktion - erscheint mir dabei als artverwandt. Wobei es interessant ist, daß der Regisseur immer als der eigentliche Autor des Films erscheint, während Drehbuch, Kamera und Schnitt die „Stabsstellen" besetzen und die literarische Vorlage höchstens noch aus Marketinggründen Erwähnung findet.

Größere multimediale Produktionen unterscheiden sich in ihrem Aufwand inzwischen nicht mehr von Fernsehproduktionen. Man muß sie ganz ähnlich planen, sie müssen sich als Projekte bei Geldgebern bewähren, sie müssen sich auf dem Markt bewähren. Ich sehe hier eine große Chance für eine neue Art von Lektoraten, Agenturen und Verlagen, die als Filter und Empfehlungsmaschinen für solche Produktionen arbeiten. Ein Teil der im Netz vorhandenen Foren und Portale weist schon prototypisch in diese Richtung.

dd: Werden die Hoch- und Fachschulen also demnächst multimedial geschulte Lektoren und entsprechende Lehrer ausbilden müssen?

HR: Die Hochschulen haben noch nie Lektoren ausgebildet und sich auch noch nie danach gerichtet, was sie angesichts der Situation des Beschäftigungsmarktes eigentlich tun müßten. Da nun inzwischen multimediale Lehrberufe existieren, wird sich jedoch sicher auch etwas im Hochschulsektor tun, zumindest im Sinne von Zusatz- und Nebenqualifikationen von Lehrenden. Es gibt allerdings jetzt schon ein skurriles Mißverhältnis, wenn man sich überlegt, wieviele Lehrende für Literaturberufe es gibt und wieviele für Berufe in den digitalen Medien - und wie sich auf der anderen Seite die Arbeitsplatzsituation entwickelt hat. Ich schätze, daß auf einen gesuchten traditionellen Lektor einhundertfünfzig gesuchte Internet-Redakteure kommen.

Nun bin ich selbst - schon generationsbedingt - ein traditioneller Literaturwissenschaftler, der sich jedoch seit langem für die Medienentwicklung interessiert. Aus meinem Blickwinkel ist die beste Vorbereitung für eine so dynamische und unvorhersagbare Berufsperspektive wie die des Medienarbeiters eine hohe Allgemeinbildung, wie sie am sinnvollsten über Lateinunterricht und ein geisteswissenschaftliches Studium gewonnen werden kann. Es versteht sich von selbst, daß der Umgang mit den digitalen Medien heute immer schon ein Teil des Lebens und Bildungsganges ist; etwas anderes kann ich mir schlechterdings gar nicht mehr vorstellen.

***

dd: Sie haben auf dem Symposium InterSzene das Projekt einer multimedialen Cyberoper vorgestellt. Ist das digitale Gesamtkunstwerk die Zukunft der Netzliteratur?

HR: Das digitale Kunstwerk muß natürlich nicht immer „Gesamtkunstwerk" sein, das alle aufzählbaren Künste und Techniken mit seiner Integrationsleistung überzieht. Eine medienbewußte und traditionskritische Auswahl der Techniken hingegen würde ich verlangen. Alles andere liefe auf einen unbewußten Oulipismus hinaus: auf den Versuch, ein Buch ohne den Buchstaben „e" zu verfassen. Das von mir verfolgte Projekt bezieht seine Spannung daraus, daß eine literarische Vorlage interaktiv dramatisiert werden soll, wobei die Musik eine wesentliche Rolle spielen soll. Die Ausschöpfung der Interaktionsmöglichkeiten des Stoffes und gleichzeitig der im Internet gängigen und möglichen Techniken ist ein Abenteuer, in das Autoren, Multimedia-Designer, Komponist und Programmierer geschickt werden. Eine Bewerbung um das Sigel „Netzliteratur" ist damit nicht verbunden. So etwas ergibt sich dann möglicherweise mit größerem zeitlichen Abstand. Wenn ich lese, daß Bob Dylan nun für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen wird, wirft das für mich ein bestätigendes Seitenlicht auf die Nichtbeachtung der vorhandenen Gattungen und Niveauverordnungen.

dd: Sie sind Mitglied der Jury des E-Book-Awards 2000. Wird das E-Book das Buch der Zukunft sein? Wird es die digitale Literatur der Zukunft sein?

HR: Das Buch der Zukunft ist das Buch. Es ist in den meisten seiner Anwendungsfälle in seiner Nutzerfreundlichkeit und Flexibilität kaum zu überbieten. Die Zukunft des Buchs als Medium, also des Typographeums, wird im Medium Computer realisiert, an die Stelle des „Buchs der Bücher" ist das Internet getreten. Das ist eine dramatische medienhistorische Tatsache, deren Wirkung in jeder Bibliothek angeschaut werden kann. Sie geht aber weit darüber hinaus: Unser Wissens- und Welterwerb geschieht nicht mehr durch das frühere Leitmedium Buch, das ohnehin schon eine Teilabdankung zugunsten des Fernsehens vollzogen hatte, sondern durch das umfassende, weltumspannende Computernetz.

Zurück zum E-Book: Es ist eine Variante des Buchs, die ihre Praktikabilität unter Beweis stellen muß. Das Lesen und Betrachten von Display-Inhalten ist etwas anderes als das Lesen und Betrachten von Büchern. Mir persönlich leuchtet jedoch schon jetzt der Vorteil der Wissensaneignung über gut aufbereitete Sachliteratur in digitaler Form ein. Wie gern hätte ich das gesamte Grimmsche Wörterbuch, ausgerüstet mit vielen Hyper-Sprungmarken und einer komfortablen Suchfunktion, in der Größe eines Palmtops immer bei mir!

Einen unverändert ins E-Book konvertierten Roman akzeptiere ich zwar als Reiselektüre, aber nur dann, wenn die E-Book-Funktion eine Teilfunktion eines universellen Taschencomputers ist. Ein dediziertes zusätzliches E-Book möchte ich nicht auch noch mit mir herumtragen. Das E-Book bietet immerhin die Chance, ein Gefäß für eine neuartige, digitale Literatur zu werden. Der Taschencomputer mit seinen derzeit eingeschränkten multimedialen Fähigkeiten wäre in meinen Augen ein interessantes Spiel- und Erprobungsfeld für die digitale Literatur, wie Sie sie nennen. Vielleicht sollte genau dafür ein Wettbewerb ausgeschrieben werden ...

dd: Es kann zumindest nicht schaden sein, schon einmal mit der Planung zu beginnen, denn wenn mit UMTS das Handy zum Personalcomputer wird, wird schon das kleine Display dem multimedialen Spiel Grenzen setzen und vielleicht gar zurück zum Text führen. Ich danke Ihnen für das Interview.


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