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Großer Bedarf und geringe Aussichten:
Internet und Schule

Interview mit Peter Schlobinski

Peter Schlobinski, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Hannover, hat durch Arbeiten wie "Chatten im Cyberspace", "Sprache und Kommunikation im Internet" sowie die Herausgabe der Deutschunterricht-Themenhefte Das Internet - Sprache, Literatur und Kommunikation (1/00) und Hypertext - Hyperfiction (2/01) die neuen Medien vielfältig auch ins akademische und pädagogische Bewusstsein gebracht. Roberto Simanowski sprach mit ihm über die Situation der neuen Medien an deutschen Schulen und Universitäten. 


dd: Herr Schlobinski, Sie geben nach dem Themenheft Das Internet - Sprache, Literatur und Kommunikation im Rahmen der Zeitschrift "Der Deutschunterricht" nun das Themenheft Hypertext - Hyperfiction heraus. Lässt dies auf ein zunehmendes Interesse der Schulen an digitaler Literatur schließen?

PS: Das Interesse ist leider noch begrenzt. Es gibt zwar einzelne Projekte, doch obwohl die Vermittlung von Medienkompetenz eine zentrale Aufgabe des Deutschunterrichts ist, geschieht im Hinblick auf Internet und digitale Literatur viel zu wenig. Das von Ihnen genannte Themenheft hat die Funktion, die Lehrer zu informieren und Anregungen für die Beschäftigung mit Hyperfiction zu geben. Ein Problem vieler Deutschlehrer ist die Tatsache, dass sie selbst nicht über eine entsprechende Medienkompetenz verfügen. Man kann nur hoffen, dass, wenn endlich jüngere Lehrer eingestellt werden, sich dies schrittweise ändern wird.

dd: Da muss man freilich zugleich hoffen, dass diese im Internet mehr getan haben, als Tickets bestellt oder mp3-Dateien runtergeladen. Ihr Universitätsstudium wird sie jedenfalls kaum auf das Verständnis und die Vermittlung neuer künstlerischer Ausdrucksformen in den digitalen Medien vorbereitet haben.

PS: Das ist richtig. Und auch die jetzige Ausbildung der Deutschlehrer hinkt der Entwicklung hinterher: Viel zu wenig wird an den Universitäten in die Vermittlung von Medienkompetenz investiert. Es ist zu befürchten, dass wir weiterhin Lehrer produzieren, die zwar klassische Literaturwissenschaft beherrschen, aber den neuen medialen Ausdrucksformen relativ hilflos gegenüber stehen. An dieser Stelle muss eine Bildungsoffensive erfolgen.

dd: Da Hyperfiction mitlerweile oft eine Mischung aus Wort, Bild und Ton darstellen, entsteht die Frage, inwieweit man überhaupt noch von Literatur sprechen kann. Welche Folgen hat dies für den Unterricht? Werden die Literaturlehrer künftig mit den Kunst- und Musiklehrern interdisziplinäre Kurse anbieten?

PS: Ich bin nicht Literaturwissenschaftler, denke aber, dass Literatur immer offen definiert wurde, man denke an konkrete Poesie, Arno Schmidt usw., und ich halte das für vernünftig. Was den Deutschunterricht betriftt - Theater- und Filmanalyse spielen hier ebenso eine Rolle wie die Analyse von Zeitungen und Zeitschriften. Von daher ist Hyperfiction originärer Gegenstand des Deutschunterrichts.

Hinsichtlich der Folgen für den Unterricht sind zwei Ebenen zu betrachten. Das eine ist die bereits oben erwähnte Vermittlung von Medienkompetenz, und hier bietet sich fächerübergreifender Projektunterricht geradezu an. Nebenbei auch mit dem Mathematik-/Informatikunterricht. Auf der anderen Seite kommt meiner Meinung nach dem Deutschunterricht die wichtige Aufgabe zu, die neuen Medien kritisch zu begleiten. Welche Auswirkungen hat das Internet auf die Kommunikation, verändert sich die Funktion von Schrift, entsteht eine oberflächliche Scheinperfektion, hinter der die Inhalte zurücktreten, führt die Flüchtigkeit und die Beschleunigung der Information zu Nachlässigkeiten in der Textformulierung, zum Umgang mit Sprache? All dies sind Fragen, die im Deutschunterricht thematisiert werden können / sollten.

dd: Vielleicht kann man sogar sagen, dass der Deutschunterricht vor allen anderen Fächern gefordert ist. Denn in diesem Falle bietet das neue Medium ja nicht nur einen neuen Ort, sondern auch einen neuen Gegenstand der Wahrnehmung. Die Gleichungen und Gesetze der Chemie und Physik zum Beispiel können in den neuen Medien anschaulicher gemacht werden, ändern sich aber nicht. Literatur dagegen wird im Netz nicht nur in neuer Weise präsentiert wie beim Gutenberg-Projekt, sie entsteht auch als ästhetisches Ereignis in völlig neuer Weise: als multineares, interaktives, animiertes Wort-Bild-Ton-Geflecht. Und ähnliches gilt für die Malerei. Wer, wenn nicht der Literatur- und Kunstunterricht soll die neuen Schreib- und Lesekompetenzen vermitteln! 

PS: Ich gebe Ihnen völlig Recht. Zudem ist die Vermittlung von Schreib- und Lesekompetenz auf der Folie von (neuen) Medien curricular als Aufgabe des Deutschunterrichts verankert. Der Deutschunterricht also ist der Ort, wo auf Grund inhaltlicher und medienpädagogischer Aspekte neue mediale Formen behandelt werden müssten.

dd: Wie schätzen Sie die Situation neue Medien und Hochschule generell ein?

PS: Die Hochschulen haben wesentlich zur Demotisierung des Internet beigetragen, wenn nunmehr auch die Ökonomisierung alles zu überlagern scheint. Allerdings haben die geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen hierbei nur einen geringen Anteil gehabt und dies ist heute auch noch so. Die Infrastruktur an den Hochschulen ist in der Regel hervorragend, die Nutzung dieser Struktur geschieht indes sehr unterschiedlich. Eine wichtige Frage an den Hochschulen ist die der virtuellen Lehre. Hier tut sich einiges. Die Meinungen pendeln zwischen den Polen Hoffen auf Kostenersparnis durch Personalabbau und neuen effektiven Lernformen hin und her.

dd: Telelearning und Virtual Campus stellen zwar neue effektive Lernformen dar, bedeuten didaktisch aber oft auch einen Rückfall in den Frontalunterricht. Die Errungenschaften der kommunikativen und gar der konstruktivistischen Pädagogik scheinen mir eher aufgehoben in komplexen, interakrtiven Hypertext-Modellen wie sie z.B. George P. Landow von Brown University mit dem Victorian-Web entwickelt und propagiert oder wie sie am German Department in Seattle mit dem Vienna-Web als "elektronische Dialektik im Sokratischen Sinne auf der Basis von Hypertext" angedacht werden. Und auch im Hinblick auf die Nutzung von Hypertext im Unterricht haben Untersuchungen gezeigt, dass noch nicht das Klicken, sondern erst die Beteiligung an Modellierung und Strukturierung des Hypertext-Dokuments den kognitiven Stil eines pluralistischen, kritischen Denkens fördert. Mir ist kein ähnliches Projekt im deutschen Kontext bekannt und angesichts der aufwendigen, inhaltlich oft recht vagen Schulen-ans-Netz-Aktionen frage ich mich manchmal, ob man nur noch technisch den "Anschluss an die Wissensgesellschaft der Zukunft" sucht (so AOL-Europe-Chef Andreas Schmidt auf der Cebit 2000 in diesem Zusammenhang) und die deutsche Tradition einer kritischen Reflexion der eingesetzten Bildungsmethoden aufgegeben wurde. Werden ökonomische und didaktische Ambitionen im Feld der digitalen Medien in Deutschland überhaupt zusammengedacht?

PS: Dass das Internet gerade konstruktivistisches Lernen fördere, wird immer wieder betont. Chancen werden gesehen im Entwickeln gemeinsamer Arbeiten, im kooperativen Produzieren neuer Ideen usw. Demgegenüber findet in der Praxis in der Tat nicht selten eine neue Art von "Frontalunterricht" statt, wobei die Rückkopplung mit dem Dozenten effektiver ist. Ich glaube, dass sich Hybridstrukturen entwickeln werden, dass Teleteaching komplementär zu klassischen Lern- und Lehrformen genutzt wird. Natürlich hängt dies auch vom jeweiligen Fach ab, von der kommunikativen Reichweite - man denke an kooperative Lehrformen über Ländergrenzen hinaus, von didaktischen Intentionen usw. Es macht einfach keinen Sinn, ein Musikinstrument abgelöst von der konkreten Schüler-Lehrer-Interaktion zu lernen.

dd: Welche Rolle kommt in diesem Zusammenhang den staatlichen Institutionen bzw. sonstigen Geldgebern zu?

PS: Ein echtes Problem bei der Finanzierung sind neben den Anschaffungskosten die Folgekosten. Zum einen jene Kosten, die aus der aktuellen Anschaffung resultieren, zum anderen die Kosten aufgrund der schnellen Alterung der Technik. Hinzu kommen Personalkosten für Wartung, Bedienung etc. Für Hochschulen ist dies (noch) finanzierbar, Schulen stoßen schnell an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Entweder sichert der Staat die Finanzierung oder private Sponsoren müssen die Finanzierungslücke decken. Letzteres mit allen Folgen...

dd: Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang noch einmal auf das Missverhältnis von Curricula in den Universitäten und Bedarf an Medienkompetenz in den Schulen zurückkommen. Wäre es eine vorläufige Lösung, wenn die Schulen von privaten Kursanbietern das Know How einkauften, das den Lehramtsstudenten auf den Universitäten bisher nicht vermittelt wird? Hätte ein solches Dienstleistungsmodell eine Chance auf Finanzierung und auf eine Lobby, so lange Schulen der gleichen administrativen Regelung unterstehen wie die Universitäten?

PS: Das kann ich mir gut vorstellen. Ich hatte selbst die Idee, mit Studenten zusammen ein solches Serviceangebot aufzubauen. Wir haben das mal durchkalkuliert und es rechnet sich, wobei die Klientel nicht nur aus (zukünftigen) Lehrern bestehen sollte. Allein meine anderen Verpflichtungen und die bürokratischen Hürden haben mich zurückschrecken lassen...

dd: Was bedeutet heute medienkompetent zu sein? Wie könnte die unterrichtsspezifische Umsetzung aussehen, welche Modelle gibt es bereits?

PS: Medienkompetent zu sein heisst, Kenntnisse und Fähigkeiten der Mediennutzung (Computer, Internet etc.) ausgebildet zu haben und den Umgang mit Medien kritisch reflektieren zu können. Für den Bereich Neue Medien finden sich Hinweise in dem Buch von Wilfried Hendricks (Hg., 2000) "Neue Medien in der Sekundarstufe I und II", speziell zum Deutschunterricht gibt es Vorschläge in dem Buch von Matthis Kepser (1999) "Massenmedium Computer. Ein Handbuch für Theorie und Praxis des Deutschunterrichts". Von einer angewandten Medienpädagogik sind wir jedoch noch weit entfernt.

dd: Künftig also nur geringe Chancen für Bewerber, die keine Homepage besitzen oder nicht wenigstens ihre Bewerbung per Email schicken?

PS: Sicher. Wer nicht grundlegende Anforderungen unserer Mediengesellschaft erfüllt, läuft Gefahr, zu den Verlierern dieser Gesellschaft zu gehören. Von daher ist eine zentrale Frage, wie wir sicherstellen, dass alle die Möglichkeiten erhalten, Medienkompetenz zu erwerben und Zugang zu den neuen Medien zu erhalten.

dd: Hoffen wir, dass entsprechende Publikationen online und in einschlägigen Print-Periodika - wie z.B. Der Deutschunterricht - ihren Teil in dieser Hinsicht beitragen. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.


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