Internet und Schule Interview mit Peter Schlobinski
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PS: Das Interesse ist
leider noch begrenzt. Es gibt zwar einzelne Projekte, doch
obwohl die Vermittlung von Medienkompetenz eine zentrale
Aufgabe des Deutschunterrichts ist, geschieht im Hinblick
auf Internet und digitale Literatur viel zu wenig. Das von
Ihnen genannte Themenheft hat die Funktion, die Lehrer zu
informieren und Anregungen für die Beschäftigung
mit Hyperfiction zu geben. Ein Problem vieler Deutschlehrer
ist die Tatsache, dass sie selbst nicht über eine
entsprechende Medienkompetenz verfügen. Man kann nur
hoffen, dass, wenn endlich jüngere Lehrer eingestellt
werden, sich dies schrittweise ändern wird. dd:
Da muss man freilich zugleich hoffen, dass diese im Internet
mehr getan haben, als Tickets bestellt oder mp3-Dateien
runtergeladen. Ihr Universitätsstudium wird sie
jedenfalls kaum auf das Verständnis und die Vermittlung
neuer künstlerischer Ausdrucksformen in den digitalen
Medien vorbereitet haben. PS: Das ist richtig.
Und auch die jetzige Ausbildung der Deutschlehrer hinkt der
Entwicklung hinterher: Viel zu wenig wird an den
Universitäten in die Vermittlung von Medienkompetenz
investiert. Es ist zu befürchten, dass wir weiterhin
Lehrer produzieren, die zwar klassische
Literaturwissenschaft beherrschen, aber den neuen medialen
Ausdrucksformen relativ hilflos gegenüber stehen. An
dieser Stelle muss eine Bildungsoffensive
erfolgen. dd:
Da Hyperfiction mitlerweile oft eine Mischung aus Wort, Bild
und Ton darstellen, entsteht die Frage, inwieweit man
überhaupt noch von Literatur sprechen kann. Welche
Folgen hat dies für den Unterricht? Werden die
Literaturlehrer künftig mit den Kunst- und Musiklehrern
interdisziplinäre Kurse anbieten? PS: Ich bin nicht
Literaturwissenschaftler, denke aber, dass Literatur immer
offen definiert wurde, man denke an konkrete Poesie, Arno
Schmidt usw., und ich halte das für vernünftig.
Was den Deutschunterricht betriftt - Theater- und
Filmanalyse spielen hier ebenso eine Rolle wie die Analyse
von Zeitungen und Zeitschriften. Von daher ist Hyperfiction
originärer Gegenstand des
Deutschunterrichts. Hinsichtlich der Folgen
für den Unterricht sind zwei Ebenen zu betrachten. Das
eine ist die bereits oben erwähnte Vermittlung von
Medienkompetenz, und hier bietet sich
fächerübergreifender Projektunterricht geradezu
an. Nebenbei auch mit dem Mathematik-/Informatikunterricht.
Auf der anderen Seite kommt meiner Meinung nach dem
Deutschunterricht die wichtige Aufgabe zu, die neuen Medien
kritisch zu begleiten. Welche Auswirkungen hat das Internet
auf die Kommunikation, verändert sich die Funktion von
Schrift, entsteht eine oberflächliche Scheinperfektion,
hinter der die Inhalte zurücktreten, führt die
Flüchtigkeit und die Beschleunigung der Information zu
Nachlässigkeiten in der Textformulierung, zum Umgang
mit Sprache? All dies sind Fragen, die im Deutschunterricht
thematisiert werden können / sollten. dd:
Vielleicht kann man sogar sagen, dass der Deutschunterricht
vor allen anderen Fächern gefordert ist. Denn in diesem
Falle bietet das neue Medium ja nicht nur einen neuen Ort,
sondern auch einen neuen Gegenstand der Wahrnehmung. Die
Gleichungen und Gesetze der Chemie und Physik zum Beispiel
können in den neuen Medien anschaulicher gemacht
werden, ändern sich aber nicht. Literatur dagegen wird
im Netz nicht nur in neuer Weise präsentiert wie
beim PS: Ich gebe Ihnen
völlig Recht. Zudem ist die Vermittlung von
Schreib- und Lesekompetenz auf der Folie von (neuen) Medien
curricular als Aufgabe des Deutschunterrichts verankert. Der
Deutschunterricht also ist der Ort, wo auf Grund
inhaltlicher und medienpädagogischer Aspekte neue
mediale Formen behandelt werden müssten. dd:
Wie schätzen Sie die Situation neue Medien und
Hochschule generell ein? PS: Die Hochschulen
haben wesentlich zur Demotisierung des Internet beigetragen,
wenn nunmehr auch die Ökonomisierung alles zu
überlagern scheint. Allerdings haben die geistes- und
sozialwissenschaftlichen Disziplinen hierbei nur einen
geringen Anteil gehabt und dies ist heute auch noch so. Die
Infrastruktur an den Hochschulen ist in der Regel
hervorragend, die Nutzung dieser Struktur geschieht indes
sehr unterschiedlich. Eine wichtige Frage an den Hochschulen
ist die der virtuellen Lehre. Hier tut sich einiges. Die
Meinungen pendeln zwischen den Polen Hoffen auf
Kostenersparnis durch Personalabbau und neuen effektiven
Lernformen hin und her. dd:
Telelearning und Virtual Campus stellen zwar neue effektive
Lernformen dar, bedeuten didaktisch aber oft auch einen
Rückfall in den Frontalunterricht. Die Errungenschaften
der kommunikativen und gar der konstruktivistischen
Pädagogik scheinen mir eher aufgehoben in komplexen,
interakrtiven Hypertext-Modellen wie sie z.B. George P.
Landow von Brown University mit dem PS: Dass das Internet
gerade konstruktivistisches Lernen fördere, wird immer
wieder betont. Chancen werden gesehen im Entwickeln
gemeinsamer Arbeiten, im kooperativen Produzieren neuer
Ideen usw. Demgegenüber findet in der Praxis in der Tat
nicht selten eine neue Art von "Frontalunterricht" statt,
wobei die Rückkopplung mit dem Dozenten effektiver ist.
Ich glaube, dass sich Hybridstrukturen entwickeln werden,
dass Teleteaching komplementär zu klassischen Lern- und
Lehrformen genutzt wird. Natürlich hängt dies auch
vom jeweiligen Fach ab, von der kommunikativen Reichweite -
man denke an kooperative Lehrformen über
Ländergrenzen hinaus, von didaktischen Intentionen usw.
Es macht einfach keinen Sinn, ein Musikinstrument
abgelöst von der konkreten
Schüler-Lehrer-Interaktion zu lernen. dd:
Welche Rolle kommt in diesem Zusammenhang den staatlichen
Institutionen bzw. sonstigen Geldgebern zu? PS: Ein echtes
Problem bei der Finanzierung sind neben den
Anschaffungskosten die Folgekosten. Zum einen jene Kosten,
die aus der aktuellen Anschaffung resultieren, zum anderen
die Kosten aufgrund der schnellen Alterung der Technik.
Hinzu kommen Personalkosten für Wartung, Bedienung etc.
Für Hochschulen ist dies (noch) finanzierbar, Schulen
stoßen schnell an die Grenzen ihrer
Möglichkeiten. Entweder sichert der Staat die
Finanzierung oder private Sponsoren müssen die
Finanzierungslücke decken. Letzteres mit allen
Folgen... dd:
Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang noch einmal auf das
Missverhältnis von Curricula in den Universitäten
und Bedarf an Medienkompetenz in den Schulen
zurückkommen. Wäre es eine vorläufige
Lösung, wenn die Schulen von privaten Kursanbietern das
Know How einkauften, das den Lehramtsstudenten auf den
Universitäten bisher nicht vermittelt wird? Hätte
ein solches Dienstleistungsmodell eine Chance auf
Finanzierung und auf eine Lobby, so lange Schulen der
gleichen administrativen Regelung unterstehen wie die
Universitäten? PS: Das kann ich mir
gut vorstellen. Ich hatte selbst die Idee, mit Studenten
zusammen ein solches Serviceangebot aufzubauen. Wir haben
das mal durchkalkuliert und es rechnet sich, wobei die
Klientel nicht nur aus (zukünftigen) Lehrern bestehen
sollte. Allein meine anderen Verpflichtungen und die
bürokratischen Hürden haben mich
zurückschrecken lassen... dd:
Was bedeutet heute medienkompetent zu sein? Wie könnte
die unterrichtsspezifische Umsetzung aussehen, welche
Modelle gibt es bereits? PS: Medienkompetent
zu sein heisst, Kenntnisse und Fähigkeiten der
Mediennutzung (Computer, Internet etc.) ausgebildet zu haben
und den Umgang mit Medien kritisch reflektieren zu
können. Für den Bereich Neue Medien finden sich
Hinweise in dem Buch von Wilfried Hendricks (Hg., 2000)
"Neue Medien in der Sekundarstufe I und II", speziell zum
Deutschunterricht gibt es Vorschläge in dem Buch von
Matthis Kepser (1999) "Massenmedium Computer. Ein Handbuch
für Theorie und Praxis des Deutschunterrichts". Von
einer angewandten Medienpädagogik sind wir jedoch noch
weit entfernt. dd:
Künftig also nur geringe Chancen für Bewerber, die
keine Homepage besitzen oder nicht wenigstens ihre Bewerbung
per Email schicken? PS: Sicher. Wer nicht
grundlegende Anforderungen unserer Mediengesellschaft
erfüllt, läuft Gefahr, zu den Verlierern dieser
Gesellschaft zu gehören. Von daher ist eine zentrale
Frage, wie wir sicherstellen, dass alle die
Möglichkeiten erhalten, Medienkompetenz zu erwerben und
Zugang zu den neuen Medien zu erhalten. dd:
Hoffen wir, dass entsprechende Publikationen online und in
einschlägigen Print-Periodika - wie z.B. Der
Deutschunterricht - ihren Teil in dieser Hinsicht
beitragen. Haben Sie vielen Dank für das
Gespräch. |