dd:
Der Linzer Literaturwettbewerb um den
Marianne-von-Willemer-Preis setzt zwei entscheidende
Beteiligungsbeschränkungen: 1. teilnehmen durften nur
Autorinnen, 2. die Beiträge sollten "in spezifischer
Weise in ihrer Produktion und/oder Präsentation auf der
Nutzung von Internet basieren". Brauchen beide Zielgruppen
eine besondere Lobby? Provokant formuliert: Sollen Frauen an
Technik herangeführt
werden?
AW: Im Hinblick auf
Kunst und ihre Institutionen brauchen Frauen, wohl nicht nur
in Österreich, sehr wohl eine Lobby (Schon Ihre Frage
"Sollen Frauen an Technik herangeführt werden?"
bestätigt das). Wer nicht kommerziell mit
Technologie und Medien arbeitet, braucht diese Institutionen
umso mehr. Die Ausschreibung selber sehe ich auch
problematisch. Wie kann ein Wettbewerb in einem Medium, das
vor allem durch seine weltweite Ausdehnung bestimmt ist, die
deutsche Sprache und die Zugehörigkeit zu
Österreich, Schweiz oder Deutschland zur
Teilnahmebedingung machen, ohne dabei die Verwendung von
Englisch und Übersetzung nicht einmal anzusprechen.
Auch liessen die gewählten Formulierungen alles
offen.Irgendwie scheint mir immer noch alles in den
Anfängen zu stecken. Auch die Jury mußte zum Teil
erst mit den Bedingungen des Internets vertraut gemacht
werden. Aber dass ihr dominoa dann doch gefiel, wo,
entgegen ihrer Erwartung, nicht einmal eigene Texte
verwendet wurden, auch dass der Wettbewerb für 2002
wieder ausgeschrieben wird, spricht wiederum für die
Verantwortlichen. Leider haben die Kulturpolitiker eben
selten die richtigen Theoretiker, die sie
beraten.
dd:
Wie kam dominoa zustande? Wie fanden sich die fünf
Autorinnen? Was machen diese, wenn sie keine Netzprojekte
erstellen?
AW: Die Natur von
dominoa deutet darauf hin, dass keine der Frauen in
der Gruppe eine Autorin ist. Es waren die verschiedenen
Fähigkeiten und Erfahrungen der einzelnen Frauen, die
dominoa ermöglicht haben. Von mir kam die Idee
und ich habe die Zusammenarbeit koordiniert. Das Konzept
konnte sich nur gemeinsam entwickeln: die Grafikerin
entwickelt neue Kriterien, die Programmiererin kennt die
Bedingungen, Vorstellungen verändern sich, damit das
Spiel überhaupt funktioniert. Vielleicht war es ja die
Zusammenarbeit selber, die der Anlass für die
Projektgruppe-dominoa war.
Medienprojekte im
allgemeinen werden immer komplexer und sind mehr und mehr
das Ergebnis der Arbeit in verschiedenen Teams und nicht
mehr das Ergebnis von einzelnen, die alles
können.
Die Projektgruppe-dominoa
setzt sich wie folgt zusammen:
- Petra Harml-Prinz:
Grafikerin, Studium an der Hochschule für Gestaltung
Linz, seit 1984 selbständig in der Wirtschaft
tätig.
- Angelika Mittelmann:
Informatikerin, beschäftigt in der VOEST-ALPINE
STAHL LINZ GmbH als Organisationsentwicklerin,
Innovations- und Wissensmanagementprojekte,
Lehrbeauftragte an der Universität Linz.
- Renate Plöchl:
Germanistin, Studium in Salzburg und Berlin, seit 1986 im
Kunst- und Kulturbetrieb tätig, Projekte zur
"weiblichen Schrift".
- Ilse Wagner:
Germanistin, Studium in Salzburg, arbeitet als
Pädagogin und an zahlreichen Theater-Projekten als
Regisseurin und Puppenspielerin.
- Anja Westerfrölke:
Künstlerin, Studium in Salzburg, Linz und Lodz,
Polen. Rauminstallationen, Objekte, Videofilme,
Multimedia- und Internetprojekte. Ausstellungen im In-
und Ausland.
dd:
Welche Internet-Projekte haben Sie bisher entwickelt?
AW: Als bildende
Künstlerin habe ich immer auch mit verschiedenen Medien
gearbeitet. In Zusammenarbeit mit der Kanadierin Betty
Spackman sind mehrere Arbeiten im Internet entstanden, die
auch Bestandteil von größeren Projekten
sind:
http://www.yorku.ca/BodyMissing/artists/plot
(1996)
http://www.aec.at/fleshfactor/readingroom (1997)
http://www.artphalanx.at/projekte/arttraffic/strand
(1999)
dd:
"Dominoa" ist eine Art Spiel mit Textkarten. Man muss 49
vorhandene Textkarten aufdecken, ohne dabei eine Karte
zweimal anzuklicken. Die Aufgabe ist also, sich zu erinnern,
welche Karten bereits gelegt wurden. Anhaltspunkte
dafür sind die 7 Vergrößerungsstufen des
Textes (die größte lässt nur einen Teil
eines Buchstaben erkennen, die kleinste soviel Text, wie ein
Absatz hat) und sein Farbfeld. Jede der 7
Vergrößerungsstufen kommt in jeder der 7 Farben
nur einmal vor. Wer dies im Auge behält, wird alle 49
Karten nur einmal legen und damit eine Spielqualität
von 100 % erreichen. Insofern handelt es sich hier um ein
Aufpassspiel, das, so scheint es, die 7 Bücher der 7
österreichischen Autorinnen, aus denen die Textzitate
genommen sind, nur als Staffage gebraucht. Ist das
Text-Spiel "Dominoa" der Abschied vom Text, die Verwandlung
des literarischen Textes zum Schatten seiner selbst im Event
eines Kartenspiels?
AW: Sie haben
das Spiel schon in der
dd-Besprechung
sehr verständlich erklärt (auch weniger
bewertend). Ich habe hier nur einige Vorschläge und
übermittle dazu noch die Beschreibung des Spiels aus
dem Katalog des ArsElectronica Festivals
2000.
-"Dominoa" ist eine Art
Spiel mit Textkarten... Textfelder vermittelt vielleicht
eher die zweidimensionale Wirkung des Java-applets,...
domino ist kein Kartenspiel, vielleicht als Metapher eher
Bausteine... Man muss 49... niemand muss, es gibt
auch UserInnen die nur ganz bestimmte Felder anklicken...
vorhandene Textkarten aufdecken, ohne dabei eine Karte
zweimal anzuklicken. Die Aufgabe ist also, sich zu erinnern,
welche Karten bereits gelegt wurden. Anhaltspunkte
dafür sind die 7
Vergrößerungsstufen des Textes... jeweils
7 Vergrößerungsstufen von 7 verschiedenen
Texten... (die größte lässt nur einen Teil
eines Buchstaben erkennen, ...zeigt nur den Teil eines
Buchstaben... die kleinste soviel Text, wie ein Absatz
hat... etwa einen Absatz) und sein Farbfeld... es
gibt Versionen ohne farbige Markierungen, z.B. für
PuristInnen... Jede der 7 Vergrößerungsstufen
kommt in jeder der 7 Farben nur einmal vor. Wer dies im Auge
behält, wird alle 49 Karten nur einmal legen und damit
eine Spielqualität von 100 % erreichen. Insofern
handelt es sich hier um ein Aufpassspiel, lieber:
"Aufmerksamkeit", wird bei Mediengestaltung
inzwischen schon als gestalterisches Kriterium
bewertet... das, so scheint es, die 7 Bücher der 7
österreichischen Autorinnen, aus denen die Textzitate
genommen sind, nur als Staffage gebraucht. Ist das
Text-Spiel "Dominoa" der Abschied vom Text, die Verwandlung
des literarischen Textes zum Schatten seiner selbst im Event
eines Kartenspiels?
Katalogtext:
Der Gewinn ist der
Text
dominoa ist
ein Literaturspiel im Internet, das die Lust am Spiel und
die Lust am Text gleichermaßen anspricht. Das
Spielmaterial sind Textseiten aus Büchern von
österreichischen Autorinnen. Ausgehend von identen
Buchseiten werden die verschiedenen Texte wie im
klassischen Dominospiel als Bausteine aneinandergereiht.
Jeder Text steht in sieben Größenvarianten zur
Verfügung: vom lesbaren Text bis zum
aufgelösten graphischem Element eines
Buchstabenfragmentes.Text war immer auch schon Bild. Das
Medium Internet stellt diesen Zusammenhang erneut in den
Mittelpunkt: Text setzt sich ständig neu zusammen,
wird in seiner Größe und in seinem Format
verändert, ist in Bewegung. Es entsteht eine
veränderte Aufmerksamkeit. Verändern sich
dadurch auch die Texte?
Das Spiel in den
verschiedenen Varianten, Texte, die visuell gleichwertig
nebeneinander stehen, und als Belohnung ein Einblick in
die Struktur der Website bieten einen möglichen
Zugang zu Literatur im Internet an. Für
spielfreudige Userinnen sind die Spielvarianten: dominoa
für Ungeduldige, dominoa für Logikerinnen,
dominoa für Visuelle, für Puristinnen
oder Ästhetinnen leicht zu erweitern, indem
verschiedene Elemente des Spiels sich individuell
kombinieren lassen.Unabhängig von der jeweiligen
Variante bleibt das Ziel des Spiels alle Felder gesehen
zu haben.Darüber hinaus ist jedes Feld mit den
Seiten des Buches verbunden, aus dem der Text der
einzelnen Autorinnen stammt. Spielgewinn ist die
Lektüre der Texte von Ilse Aichinger, Elfriede
Czurda, Elfriede Gerstl, Tonja Grüner, Elfriede
Jelinek, Friederike Mayröcker, Marlene
Streeruwitz.
dd:
Vielen Dank für den Kommentar zum Kommentar. Ich will,
wenn auch nicht auf dem Begriff des Kartenspiels beharren,
so doch den des Dominospiels anzweifeln. Ein Dominostein
existiert ja eigentlich immer nur in der Mitte des Bildes,
wenn zwei Karten oder Bausteine nebeneinander liegen. Das
Dominoprinzip hingegen beruht auf der Zweiteiligkeit des
Einen, das seinen Zwilling im Anderen sucht. Hat es diesen
gefunden, kann der andere Stein angelegt werden, wobei
dessen mitgebrachte zweite Hälfte die Aufgabe, den
Zwilling zu finden, erneut stellt. In dominoa gibt es keine
andere Hälfte; es gibt nur Einzelteile, wodurch sich
die Aufgabe des Dominospiels gar nicht stellt.
AW: Wir hatten auch
einmal überlegt unsere Arbeit Domina zu
nennen.
dd:
Gut, gehen wir noch einmal ans Ende der vorletzten Frage:
Ist das Text-Spiel dominoa der Abschied vom Text, die
Verwandlung des literarischen Textes zum Schatten seiner
selbst im Event eines Spiels?
AW: Von Anfang an
empfand ich die Arbeit an dominoa als Gratwanderung:
Benutze ich die Texte als Bildmaterial? Bleibt nur mehr die
Ästhetik übrig? Überraschend dann, wieviel
Inhalt allein schon in den Fragmenten zu finden war, dort,
an der Stelle in meiner Wahrnehmung, wo Text und Bild
zusammen kommen. Und bei der gemeinsamen Arbeit dann immer
die Überlegungen, was ist noch lesbar? Bei der Auswahl
der Felder, die Auflösung, Größen und
Ladezeiten. Wie lassen sich trotz Applet die kleinen Steine
aufblasen um sie besser auszuwählen. Wir haben erst
nach 14 angeklickten Feldern die Texte zum Lesen
freigegeben, damit nicht sofort die UserInnen (auch wegen
des Problems mit dem Internet Explorer auf dem PC) die Texte
lesen oder eben nicht lesen wollen sondern nur klicken und
weg sind.
".......Text war immer auch
schon Bild.........." In Handschriften wurde eine ganze
Buchseite mit viel Aufwand mit einem einzelnen Buchstaben
gefüllt. So als wenn die Schreiber wussten, das es
diese Seiten sind, die auch heute unser Interesse erregen
und uns das Weiterlesen versuchen lassen.
Autoren und Autorinnen
werden noch weit mehr zu entscheiden haben, wenn das
Zusammenwirken von Text, Bild, Ton, Video auf den Rechnern
leichter gehen wird: Wer liest meinen Text wie, was filme
ich davon, etc.?
Elfriede Mayröcker ist
da am Telefon schon recht pragmatisch. Obwohl sie selber
kein Internet verwendet: "Ich freue mich, dass Sie einen
Text von mir verwenden." Und so interessant die Texte auf
der homepage von Elfriede Jelinek
(http://ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/ ) sind,
muss ich gleichzeitig aber auch annehmen dass sie diese
Gestaltung so will.
Nicht Agenturen, die
beauftragt werden und dann eigentlich sich selber
präsentieren, sondern Zusammenarbeit verschiedener
Personen wäre wieder eine Antwort. Ich weiß
nicht, wieviele AutorInnen die Präsentation mit in ihre
Arbeit einbeziehen wollen. Literatur im Internet wird aber
immer auch von diesem Medium mitbestimmt werden. Was spricht
dagegen es nicht lieber gleich
mitzugestalten?
dd:
Gab es Publikumsreaktionen zu
"Dominoa"?
AW: Die (wenigen)
Insider, die täglich im Internet sind, waren kritiklos
erfreut. Das Publikum scheint mir eher damit
beschäftigt zu sein, dass sich außer dem
Telefonbuch und der eigenen homepage noch anderes im
Internet finden lässt. Auch die Jüngeren scheinen
eher festgelegte Erwartungen an dieses Medium zu
haben.
dd:
Für die Rezeption von "Dominoa" empfehlen Sie die
Verwendung von Netscape 4.5 auf einem PC, da andererseits
nicht alles so funktioniert wie es soll. Solche
"Browserliteratur", die eine bestimmte technische
Ausrüstung beim Rezipienten voraussetzt, ist nicht
unumstritten. Manche sagen, man solle die Wahrnehmbarkeit
der technisch generierten Ausdrucksformen nicht derart vom
technischen Equipment der Rezipienten abhängig machen.
Andere meinen hingegen, man dürfe sich im Zeitalter der
Farbfilme nicht an den Zuschauern orientieren, die
noch immer an ihrem alten Schwarz-Weiß-Fernseher
festhalten. Das Problem ist ein besonderes Problem digitaler
Ästhetik, da diese in hohem Maße auf Technik
beruht. Und zwar auf einer Technik, die sich so rasant
weiterentwickelt, dass wohl nur 'Freaks' und professionell
Interessierte ihre Ausrüstung immer auf den neusten
Stand bringen werden. Sollen die Autoren das Risisko
eingehen, dass mangelnde Technik bei den Rezipienten zu
Kommunikationsverlusten führt? Oder sollen die Autoren
die Umsetzung ihrer Intentionen den Möglichkeiten einer
Standard-Technik angleichen, was freilich wiederum gleich im
Produktionsprozess zu Kommunikationsverlusten führen
kann?
Rudolf Mittelmann
schreibt: "Zu dieser Frage haette ich gerne
festgestellt, dass man für alles irgendetwas braucht,
sogar zum Lesen eines gewöhnlichen Buches muss man
(gute) Augen haben und vielleicht sogar eine Brille, also
ist es nicht so schlimm, dass man für dominoa
einen Java-fähigen Internetzugang braucht. Und dass
bestimmte (weniger wichtige) Features erst mit Netscape auf
Win PC richtig gut kommen, sehe ich auch nicht als
ungewöhnlich, um andere Arten von Kunst zu geniessen
sind viel einschneidendere Voraussetzungen
selbstverständlich (Ruhe, Theaterbesuch, zufällig
zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, genug Kleingeld
für die Eintrittskarte, etc.)."
dd:
Eine andere Frage: Gibt es eine österreichische Szene
digitaler Literatur und Kunst?
AW: Ich bin mit dem
jährlichen ArsElectronica Festival hier in Linz
aufgewachsen. Gruppen wie times-up und die Stadtwerkstatt
haben jedes Jahr interessante Beiträge entwickelt. Auch
sonst gibt es Projekte im Forum Stadtpark in Graz, basis
wien, etc. Nach Jahren der Faszination an technischen
Innovationen und spektakulären Events wurde aber dieses
Jahr zum ersten Mal eine Ausstellung wie "print on screen"
gezeigt. Über österreichische digitale Literatur
ist mir nichts bekannt.
dd:
Wie schätzen Sie die Zukunft digitaler Literatur und
Kunst ein und insbesondere die Rolle des Textes angesichts
einer aufziehenden Flash-Ästhetik? Haben Sie selbst
weitere Pläne in diesem
Bereich?
Rudolf Mittelmann
schreibt zu dieser Frage: "Ich habe schon etwas dagegen,
dass eine Jury aus einer Rezension eine Flash-Reklame macht,
aber an sich ist Flash auch nur eines von vielen techn.
Hilfsmitteln, um bestimmte visuelle, akustische und
interaktive Effekte gestalten zu koennen, und so eigentlich
wertfrei zu sehen. Beurteilen kann man nur, was draus
gemacht wird, und das ist manchmal sehr gut und manchmal
eher schwach, wie immer. Für das für dominoa
verwendete Java gilt das ganz genauso. "
AW: Ich sehe das auch
so. Programme sind eher nur Werkzeuge, die meisten davon
sind nicht offen, d.h. sie prägen die Gestaltung und
die Inhalte wesentlich mehr, als es den meisten UserInnen
bewußt ist. Nur weil sich Programme mehr oder weniger
komplex präsentieren, vermitteln sie die Illusion einer
"kreativen" Gestaltung.
dd:
Vielen Dank für das Interview.
Ihr
Kommentar

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