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"internet @ Schule"

Ein Buch von Ass. Prof. Dr. Werner Stangl vom Institut für Pädagogik und Psychologie an der Johannes Kepler Universität Linz

RS: Dein Buch wirbt mit dem Slogan "Was LehrerInnen immer schon über das internet wissen wollten". Wie kam es zu diesem Buch?

WS: Nach Abschluß meiner Studie 1998 "internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internets im Unterricht an Österreichs Schulen", die ich im Rahmen meiner universitären Forschung durchgeführt hatte, wurde von vielen - von KollegInnen, TeilnehmerInnen an der Untersuchung, von BesucherInnen meiner übrigen internet-Seiten, von Verlagen - an mich herangetreten, diese Studie einem größeren Kreis in Form einer "papierenen" Publikation zugänglich zu machen. Insbesondere wünschten sich LehrerInnen, die an der Untersuchung teilgenommen hatten, eine Erweiterung der Arbeit in Richtung Arbeitsbehelf bei der Einführung des internets an Schulen, jedoch weniger als technische Einführung, sondern vielmehr als pädagogische und didaktische Anleitung.

RS: Das Buch bietet auch "Prinzipielle Überlegungen aus lern-, motivations- und sozialpsychologischer Sicht". Wie lauten dazu die Headlines?

WS: 
- Handlungsorientierung bei aktiv lernenden SchülerInnen
- Kommunikation/Interaktion über den Schulrand hinaus
- Konfrontation mit komplexen Problemstellungen und Situationen
- Anknüpfen an Vorwissen und Erfahrungen der SchülerInnen mit den neuen Technologien
- von SchülerInnen selbstinitiierter und -gesteuerter Unterricht
- Bevorzugung teamorientierter Lern- und Arbeitsformen
- Angleichung/Annäherung von Lern- und Arbeitswelt

RS: Werden Internet und Computer die Lehrer ersetzen?

WS: Nein! Aber es wird zu einer veränderten LehrerInnenrolle mit Abkehr von der Funktion der reinen Stoffvermittlung hin zur Initiierung, Organisation und der Begleitung von Lernprozessen und dem verstärkten Einbeziehen der Interessen und Erfahrungen der SchülerInnen kommen. Notwendig ist auch eine Änderung des Berufsbildes der LehrerInnen bei der Berufsentscheidung, in der Ausbildung und in der Öffentlichkeit.

RS: Wie zufällig ist die Bildung der Zukunft, wenn die Ankunft der Informationssuche auf einem mitunter ja recht willkürlichen Klickreflex des Zeigefingers beruht? 

WS: Das gehört zu den schon "traditionellen" Vorurteilen gegenüber dem Medium, für das noch keine geeignete Didaktik existiert - wie übrigens für andere Medien wie Video und CD-ROM auch. Der Umgang mit einem Medium muß erlernt werden im Sinne einer neuen Kulturtechnik. Schon heute kann man zwei Gruppen von internet-NutzerInnen erkennen: die größere Gruppe der im Datenozean mehr oder minder (absichtlich?) hilflos dahintreibenden und die kleinere der sicher Navigierenden, die gezielt jene Häfen ansteuern, welche gefüllte und organisierte Speicher besitzen.

Berufsfelder, die in Richtung Informationsbroker oder - manager gehen, werden in Zukunft daher noch an Bedeutung gewinnen. Es wird aber auch technologische Unterstützung (und Abhängigkeiten!) von realen und virtuellen Agenten geben. Dieses gesellschaftliche Problem der "Informationsverlierer" bzw. "-frustrierten" halte ich für größer als alle anderen. 

RS: Du versprichst Aufklärung über "Mythen und Sagen, die sich um dieses Medium ranken". Zum Beispiel?

WS: Dazu nur ein paar Kapitelüberschriften:
- Die (Un)Sicherheit von web-browsern
- Unsichtbare Datenspuren im net
- Viren - ... und solche, die keine sind
- 1984 - Big Brother is Watching You
- "Hack"-Opfer schlagen zurück
- Internet-Sucht
- Natascha1976 und SexyMaus29

RS: Was leistet das Internet im Unterricht für dessen Interdisziplinarität und Internationalität? 

WS: Die traditionelle Differenzierung des Unterrichts in Fächer und in Zeiteinheiten wird aufgegeben werden müssen. Die Information im internet ist - wie in der Welt draussen - nicht in einzelne Disziplinen aufgeteilt. Daher wird über kurz oder lang der Fächerkanon an unseren Schulen aufgebrochen werden. Damit werden unsere heutigen "FachlehrerInnen" umzugehen lernen müssen. 

Die von vielen erwartete Internationalisierung - etwa durch die Dominanz des Englischen im net - wird von einer starken Regionalisierung gebremst bzw. ergänzt. Es entstehen - vor allem durch Sprache und Interessen - geformte Inseln, die vermutlich immer mehr an Bedeutung - etwa im Sinne von dörflichen Strukturen - gewinnen werden. Aus psychologischer Sicht ist das durchaus positiv zu bewerten, denn die psychische (intellektuelle wie emotionale) Ausstattung des Menschen ist nicht auf Globalisierung hin ausgelegt, sondern auf eng umgrenzte, überschaubare und physisch wie psychisch "begehbare" Räume. Man wird sein virtuelles Dorf zwar von Zeit zu Zeit verlassen, aber nach kurzer Zeit gerne dorthin zurückkehren, genau so, wie man es heute bei Reisen tut. Auch die Schule wird so ein Dorf sein müssen. 

RS: Im Kapitel "Zukunftsperspektiven des internets im Bildungswesen" sprichst du über die Schule als Schlußlicht der technologischen Entwicklung. Welchen Anteil haben daran die zentralen Stellen, welchen die Hochschullehrer, die Schulleiter, die Lehrer, die Schüler?

WS: Das Bildungswesen ist traditionell - teilweise auch mit gutem Grund - ein System, das nur langsame Veränderungen erlaubt. Wenn man die Ausbildung der LehrerInnen betrachtet, so wird hier eine Veränderung erst in Jahren sichtbar werden können. Ich "zwinge" seit Jahren meine StudentInnen dazu, das net praktisch zu nützen; diese werden in den nächsten Jahren in Schulen kommen, die von LehrerInnen dominiert werden, die dem Medium skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Hier kann es sogar kurzfristig zu einer "Spaltung" des Lehrkörpers kommen - mittelfristig wird eine SchülerInnengeneration, die mit dem Medium aufwächst, den Druck weiter in Richtung Integration des internet erhöhen.

Unsere BildungspolitikerInnen (.at) haben die Zeichen der Zeit im Grunde erkannt, unsere Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer hat im Forum Alpbach schon 1997 gesagt: "Der Umgang mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ist Grundvoraussetzung dafür, in der Arbeitswelt der Zukunft bestehen zu können. Die Aufbereitung von Daten zu Informationen und die Nutzung dieser Informationen zur Problemlösung ist die vierte Kulturtechnik, die jeder Mensch in Zukunft beherrschen muss."

Ich hatte die Gelegenheit, im Anschluß an meine kritische Studie auf "Einladung" mit höchsten Beamten des Ministeriums zu sprechen. Meine Empfehlung damals war, "best practice" zu unterstützen, und nicht mit Gewalt (eben gegen Lehrerwiderstand) das internet in die Schulen zu zwingen. Nach einer neueren Umfrage nützen dreiviertel der LehrerInnen das net zur Unterrichtsvorbereitung. Zwar bezweifle ich diesen hohen Prozentsatz, aber die Differenz zur Schülernutzung wird geringer, denn viele LehrerInnen haben Kinder, die das internet wie selbstverständlich für ihre schulische Arbeit nützen.

RS: Grenzen und Gefahren des Internet-Einsatzes im Unterricht? 

WS: Grenzen sehe ich die selben wie bei allen Medien, denn auch das Buch oder eine CD-ROM kann die Realerfahrung nicht ersetzen. Schule ist ja auch dadurch definiert, daß in einem Schonraum die Vorbereitung auf eine außerhalb liegende Realität erfolgen soll. Das internet nun ist Medium und ein Stück dieser Realität zugleich - zumindest wenn man die derzeitige Durchdringung des Alltags durch das net beobachtet.

Gefahren sehe ich derzeit keine, denn einzelne Phänomene, die heute häufig als solche bezeichnet werden (Rassismus, Pornographie) werden meist von Ignoranten oder schlagzeilenhungrigen Medien übertrieben dargestellt. Als Pädagoge erkenne ich hier eher einen Erziehungs- und Bildungsauftrag. 

siehe Werner Stangls Aufsatz "Hemmende Rahmenbedingungen bei der Einführung des internet an österreichischen Schulen"