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Eine Analyse der Auswirkungen hypertextueller Strukturen auf Text und Literatur" Rezension von Anja Rau Nina Hautzinger hat sich
für ihre Magisterarbeit, die 1999 unter dem Titel "Vom
Buch zum Internet? Eine Analyse der Auswirkungen
hypertextueller Strukturen auf Text und Literatur" erschien
(Auszüge online in Leider ignoriert Hautzinger
die bestehende Forschung weitgehend und behauptet, es
hätten sich noch "keine zwingenden Standardwerke
herausgebildet" und man müsse "auf aktuelle
Zeitschriftenartikel oder [
] Texte aus dem
Internet selbst zurückgreifen" (12/13). So stützt
sie sich auf eine kleine, wenn auch eklektische Auswahl an
Theorien und das ist auch der Grund, warum es ihr nicht
gelingt, die von ihr rezipierten Texte oder ihren eigenen
Ansatz zu kontextualisieren. Hautzinger schreibt die
Debatte um die Verdrängung des Buches durch den
digitalen Text fort (mit all seinen Auswüchsen wie der
Postman'schen Frage, ob der Bildtext den Leser verdumme) -
und diese Debatte kann literaturwissenschaftlich nur auf dem
Umweg über Kriterienkataloge zur Bestimmung
hochwertiger Literatur geführt werden. Nicht umsonst
bewegt sich Hautzinger im Dunstfeld der
ZEIT/IBM-Internet-Literatur-Preise, deren Jury immer
versucht und gefragt war, einen quantifizierbaren
Kriterienkatalog aufzustellen, der nicht nur zur Bewertung
der eingesandten Literatur, sondern auch zur Rechtfertigung
ihrer Entscheidungen dienen konnte. Eine Pritchard-Skala
für digitale Literatur
Hautzingers eigene Hinweise
an Autoren digitaler Texte, wie diese ihre Literatur
ansprechender und hochwertiger gestalten könnten (z.B.:
"Netzliteraten sollten [
] visuelle Elemente in
ihre Texte integrieren." [53]), erscheinen ungebeten
und überheblich - gerade aus der Tastatur einer
Kritikerin, der Online- und Offline-Literatur zu
unterscheiden nicht in den Sinn kommt, die weder ASCII-Art
(anläßlich ihrer Analyse von Martina Kieningers
Der Schrank. Die Schranke.) noch einen Textgenerator
(in Peter Berlichs CORE) erkennt und auch mit Frames
wenig anfangen kann. Dennoch muß dieser Arbeit zugute
gehalten werden, daß es dem Analysekapitel durchaus
gelingt, ein Vokabular und eine Strategie zur Beschreibung
eines noch nicht etablierten, sich rapide
weiterentwickelnden literarischen Genres zu
finden. An dieser Stelle sollte man
aber auch das Genre "Magisterarbeit" mit seinen
Sachzwängen und Restriktionen mitdenken. Hautzinger
muß zu viel Seiten-Zeit darauf verwenden, ihr Thema
einem vermutlicherweise relativ unbeleckten Publikum
nahezubringen und die inzwischen fast unüberschaubare
Menge an sogenannter 'Sekundärliteratur' (On- und
Off-line) in einen konzisen Forschungsüberblick zu
pressen. Diese Aufgabe wird dadurch nicht leichter,
daß schon die inzwischen etablierten Standardwerke
dazu neigen, das Feld digitale Literatur unter jedem
denkbaren Gesichtspunkt, nicht nur im Rahmen der Fachgebiete
ihrer Autoren, abzudecken. Diese Unsitte übernimmt
Hautzinger und wird gleichzeitig von den zeitlichen Vorgaben
einer Magisterarbeit (ca. 6 Monate Bearbeitungszeit!) zu
argen Verknappungen und Pauschalisierungen gezwungen, so
daß ihre Arbeit unterkomplex erscheint. Zu bedenken ist ebenso,
daß in einer Magisterarbeit im Fachbereich Germanistik
die Aufarbeitung amerikanischer Theorien nicht gefordert ist
und vielleicht auch nicht goutiert wird. Die amerikanische
Hypertextdebatte sowie generell amerikanistische
Ansätze der Cultural Studies erscheinen mir
jedoch zur Kontextualisierung der Hypertextszene
unerläßlich. Nicht zuletzt hätten die
Vorgaben ihrer Examensarbeit Hautzinger nicht davon abhalten
müssen, den Text für die Veröffentlichung zu
überarbeiten. Und auch ihre obsoleten Text- und
Autorenbegriffe ("Text [...] konstituiert sich als
schriftliche Form des Ausdrucks mit Hilfe von Buchstaben und
Worten. Diese [...] Aussage besitzt einen vom
Schreiber intendierten Sinn.") lassen sich nicht mit
Genrezwängen begründen. Ungeachtet dieser
Mängel gelingt es Hautzinger, einige der aktuell
wichtigsten Fragen zum Thema digitale Literatur zu stellen
und dabei auch über den von ihr anfänglich
gesteckten Rahmen der Ablösungs-Debatte hinauszugehen:
sie fragt nach den konkreten Unterschieden zwischen
Netzwerk- und Papier-Literatur, nach der Auswirkung von
Netzliteratur auf den Literaturbetrieb, nach
(Nicht-)Linearität und Geschlossenheit, nach der Rolle
des Lesers digitaler Literatur und nach der Rolle des
Autors, um nur einige der in dieser Arbeit angerissenen
Themenstellungen zu nennen. Es ist schade, daß
Nina Hautzinger dem (laut Klappentext und eigener Aussage)
wichtigsten Teil ihrer Arbeit, der Textanalyse, nur etwa ein
Fünftel des Gesamttextes widmet und sich darüber
hinaus weitgehend auf aus der Forschung zusammengetragene
(aber inzwischen an anderer Stelle durchaus in Frage
gestellte) Gemeinplätze über digitale Literatur
beschränkt. Im Rahmen einer germanistischen
Magisterarbeit ist es dennoch zu loben, daß die
Autorin sich überhaupt dieser jungen Literaturform
angenommen hat. - Und es ist zu hoffen, daß sich
Hautzingers Erkenntnis, daß in der existierenden
Theorie "[d]er konkrete Bezug zur Literatur und vor
allem die Analyse und Interpretation von Netzliteratur
[
] fast immer [fehlt
]" (17),
als Arbeitsansatz auch kommender Auseinandersetzungen mit
digitaler Literatur durchsetzt. >>>Nina Hautzinger:
Vom Buch zum Internet? Eine Analyse der Auswirkungen
hypertextueller Strukturen auf Text und Literatur.
Mannheimer Studien zur Literatur- und Kulturwissenschaft,
Band 18. St. Ingbert: Röhrig
Universitätsverlag,
1999.131 S., DM. 32,- |