Webtagebücher, Panoptismus und Prostitution Webtagebücher stellen
ein besonderes Phänomen der Literatur im Netz dar, das
sich von seinem Printvorbild nicht nur durch
Multimedialität (Text plus Foto und z.T. Video),
sondern auch durch sofortige Veröffentlichung und
Dialog mit dem Publikum unterscheidet. In den Beispielen
Tina und Jennifer kommt hinzu, dass beide sich ständig
durch Kameras, die in ihrer Wohnung installiert sind,
aufnehmen lassen und diese Aufnahmen ins Netz stellen. Ihre
Berühmtheit beruht somit zum größten Teil
auf der besonderen Qualität ihres
Exhibitionsimus. Dieser Exhibitionismus ist
zugleich die Kehrseite der Beobachtung, die mit der
digitalen Existenz der Individuen Gestalt annimmt. Indem
Tina und Jennifer ihre Überwachung selbst installieren,
machen sie die Überwachung bewusst. Die
öffentliche Nacktheit Jennifers betont, was in mancher
Hinsicht ohnehin der Fall ist, und läßt die Idee
aufscheinen, den Beobachter durch Umarmung
abzuwehren. Bleibt diese Idee des
Widerstandes durch Datenmüll recht fraglich, so ist die
Webpage des Holländers Alex van Es, die
tatsächlich Daten über Müll preisgibt,
jedenfalls das Gegenteil. Wenn Alex Informationen über
seinen Warenverzehr preisgibt und sogar Einblicke in seinen
Computer gewährt, vermittelt er Daten von wirklichem
Wert für jene, die potentiell an einer Erkundung des
Individuums interessiert sind. Hier, und nicht in den Fotos
über Jennifers sexuelle Handlungen, liegt der
eigentliche Akt der Prostitution. |