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Web-Tagebücher in Europa und Amerika
der Ruhm des Banalen, Panoptismus, Datenmüll und Prostitution

von Roberto Simanowski

Abstract - Struktur - Download (zip 0,4MB) - span. Fassung in Hipertulia

Es ist eine banale Feststellung, dass jede Website eine öffentliche Darstellung der eigenen Person (oder Firma) ist. Die Vorstellung geschieht gewöhnlich in der Art, in der man gesehen werden will. Man präsentiert seinen Lebenslauf, seine Arbeit, Veröffentlichungen, Erfolge, man listet Links auf, um seine guten Kontakte zur Welt zu belegen, und wenn wir ein Foto hinzufügen, mag dies locker sein, im Garten, mit dem Partner, der Partnerin, den Kindern im Gebirge, aber wir haben uns nicht im Bad fotografieren lassen oder bevor der Hosenstall geschlossen ist oder die Bluse übergetan. Dies ist der ganz normale Exhibitionismus im Web. Im folgenden ist von den Ausnahmen zu reden.

Das ist Tina, während sie sich die Hose anzieht. Ein Bild von ihrer Webpage, auf der sie Fotos ausstellt, die automatisch von Kameras aufgenommen werden, die in ihrer Wohnung installiert sind. Die nicht mehr aktuellen Fotos wandern in eine Galerie bzw. in ein Fotoalbum, das für jeden zur Besichtigung ausliegt wie Tinas Tagebuch, Bilder von Freunden, Kurzlebenslauf und andere Informationen.

Online-Tagebücher sind ein weitverbreitetes Randphänomen der Elektroliteratur, und rund die Hälfte ihrer Schreiber betrachtet sich selbst in der Tat als Schriftsteller (statistisches Material zu Alter, Geschlecht, Beruf, Absicht, Dichtung und Wahrheit der Online Tagebücher gibt Linda Roeders Artikel Personal Web Pages). Eingermaßen bekannt ist das Tagebuch von Reinald Goetz, was aber geschieht, wenn die Autoren nicht so berühmt und stilsicher sind wie Goetz und wenn sie ihre Tage nicht allein mit Text, sondern auch Fotos und sogar Videos festhalten? Nun, sie werden berühmt. Das ist das Konzept, das hinter Tinas autobiographischem Unternehmen steht: nichts auf ihrer Website deutet auf eine der besonderen Qualitäten hin, die gewöhnlich zu Bekanntheit und Ruhm führen, außer eben den Mut zu haben, berühmt zu werden.

Belege für das Gelingen sind die Fangemeinde mit eigenen Chatgroups (in der die allgemeinen Themen besprochen werden), die Einladungen zu Radio- und Fernsehsendungen, sowie die Zahl von 290 000 Besuchern, die Tina den Werbekunden für April 1999 nennen kann. Der Erfolg ist medienübergreifend und zielt vielleicht ohnehin auf die traditionellen Medien (wann bekommt Tina ihre eigene Fernsehshow?), auf jeden Fall schaut er sich dort die Tricks ab (vgl. das Buchstabenrätsel, mit dem man ein Tina-T-Shirt gewinnen kann), mit denen man eine Öffentlichkeit aus dem Nichts etablieren kann. Dies ist mit dem Kauf einer Website und mit ein wenig Exhibitionismus heute möglich: die spektakuläre Präsentation des Unspektakulären; vielleicht die zeitgemäße Form, Toilettenbecken zu signieren und ins Museum zu bringen.

Was den Exhibitionismus betrifft, so läßt sich dieser jedoch durchaus steigern, wie das Beispiel Jennifer zeigt, der amerikanischen Tina (oder ist Tina die deutsche Jennifer?).

Es ist das gleiche Konzept des beobachteten Alltags, nur findet man den ganzen Alltag, also auch Jennifer nackt und beim Sex. Dass dies zum Leben gehört, ist Jennifers Argument gegen den Verdacht der Pornografie. Dem liegt ein entscheidender konzeptioneller Unterschied zu Tina zugrunde: Jennifers Kamera setzt die Fotos automatisch ins Netz, es gibt keine Zensierung vor ihrer Veröffentlichung.

Neben Fotoalbum, Tagebuch und Traumtagebuch bietet Jennifers Website auch eine selbstgebastelte Videoshow, in der sie mit Freunden über die Dinge des Lebens spricht. Selbst eine Abteilung Screen Shot Du Jour existiert, mit Bildern, die ästhetisch reizvoll oder einfach funny sind. Ein Beispiel für letzeres ist folgendes, bei dem der Weg auf den Betrachter zuzugehen scheint, da sich die Bildschärfe von oben nach unten aufbaut und damit die Steine sukzessive aus dem Hinter- in den Vordergrund Gestalt annehmen. Ein Effekt, der im übrigen die Segnungen leistungsschwacher Kabel und Computer verdeutlich.

Dies alles erinnert an die Hoffnung der 70er Jahre, die Videotechnik werde zu einer aktiven, kommunikativen Nutzung des elektronischen Mediums führen und die Macht des öffentlichen Fernsehens brechen. Daß dies hier in Verbindung mit dem veröffentlichten Tagebuch und Fotoalbum geschieht und mit der Ausstellung der Screen Shots zudem die Macht der Galerien umgangen wird, veranlaßt, von einer gezielten Gegenkultur und vielleicht sogar Avantgarde unserer Zeit zu sprechen.

Man kann dies alles freilich als das Ausleben einer exhibitionistischen Veranlagung abtun. Tina unterstützt diese Lesart, wenn sie die Frage nach der Entstehung des Projekts mit der Gegenfrage beantwortet: "Aber......... darf man denn hier in Deutschland nicht einfach ein bisschen 'exhibitionistisch' sein ;-) ?" Auch für die Medien liegt diese Perspektive aus einsichtigen Gründen gewöhnlich am nähsten. Aber das Phänomen ist komplizierter, als der schnelle Griff zu magnetischen Schlagwörtern deutlich macht. Schauen wir uns Jennifers Exhibitionismus genauer an.

Auf Jennifer scheint der Vorwurf des Exhibitionsimus voll und ganz zu passen, setzt sie doch auch Fotos ins Netz, auf denen sie nackt oder gar sexuell aktiv ist. Eines dieser Fotos gibt allerdings Anlass zu einer tieferen Betrachtung. Jennifer ist nicht einfach exhibitionistisch, sie ist es in doppelter Weise: Sie stellt nicht nur Nacktfotos von sich ins Netz, sie stellt sich auf diesen, ganz in der traditionellen Art der Exhibitionisten, auch nackt ans Fenster. Sie zeigt also auch noch ihren Exhibitionismus.

Damit nicht genug, Jennifer suggeriert zugleich, nicht exhibitionistisch zu sein. Nicht, weil sie zur Seite schaut, statt ihren Opfern ins erschrockene Antlitz, sondern weil sie durch die ästhetisch raffinierte Präsentation (man beachte nur den Faltenwurf des Vorhangs und die Schlaufe an der linken Seite) herausstellt, daß es ihr eigentlich um Kunst gehe, und zwar in der konventionellsten Form. Dieses Foto ist offenbar kein Schnappschuß der automatischen Kamera, es scheint organisiert zu sein, es ist räumlich und farblich perfekt abgestimmt und offenbar später unter die Zufallsbilder gemischt. Ist dies der Beweis dafür, dass es Jennifer nicht um Gegenkultur geht, sondern um den Zugang zur etablierten? Eine Vermutung, die sich mit Blick auf ihre Screen Shot-Galerie, ihre Traumgeschichten und Gedichtversuche noch erhärtet. Hat Jennifer gar kein Konzept des Widerstandes? Will sie einfach entdeckt werden?

Nun, die Inszenierung dieses Fotos widerlegt nicht den Aspekt des Widerstandes, im Gegenteil, gerade sie verkörpert ihn. Wenn man genau hinschaut, wird klar, dass das Foto nur so tut, als zeige es Jennifer am Fenster. Wie die Daten am Rand aussagen, spielt die Szenerie an einem Wintertag zwanzig vor neun am Abend. Das Licht kann also keins der Straße sein. Ausserdem wäre der Vorhang fürs Von-draußen-rein-Schauen am falschen Platz. Jennifer hat sich nicht ans Fenster gestellt, sondern auf eine Bühne. Das Foto suggeriert zunächst ersteres, aber nur, um Jennifers Konzept nachdrücklicher zu verbildlichen. Der Inhalt dieses Fotos ist nicht Jennifers nackter Leib, sondern der Akt seiner Präsentation: Jennifer zeigt uns ihr Zeigen. Sie tritt ans 'Fenster', um sich den Spähern, die sie davor ahnt, auszusetzen. Sie weiß, es gibt kein Entrinnen, also drängt sie sich auf. Dies ist ihr Widerstand, und sie zeigt ihn uns, damit wir ihr folgen, nicht in ihr Zimmer, sondern in unsere, an die Computer, diese modernen Fenster, vor die Kameras. Nackt, ist die Message, sind wir sowieso, es kommt darauf an, es mit Absicht zu sein. Haben wir hier die tiefere Bedeutung der Webtagebücher?