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Es ist eine banale
Feststellung, dass jede Website eine öffentliche
Darstellung der eigenen Person (oder Firma) ist. Die
Vorstellung geschieht gewöhnlich in der Art, in der man
gesehen werden will. Man präsentiert seinen Lebenslauf,
seine Arbeit, Veröffentlichungen, Erfolge, man listet
Links auf, um seine guten Kontakte zur Welt zu belegen, und
wenn wir ein Foto hinzufügen, mag dies locker sein, im
Garten, mit dem Partner, der Partnerin, den Kindern im
Gebirge, aber wir haben uns nicht im Bad fotografieren
lassen oder bevor der Hosenstall geschlossen ist oder die
Bluse übergetan. Dies ist der ganz normale
Exhibitionismus im Web. Im folgenden ist von den Ausnahmen
zu reden. Das ist Tina, während
sie sich die Hose anzieht. Ein Bild von ihrer
Online-Tagebücher sind
ein weitverbreitetes Randphänomen der Elektroliteratur,
und rund die Hälfte ihrer Schreiber betrachtet sich
selbst in der Tat als Schriftsteller (statistisches Material
zu Alter, Geschlecht, Beruf, Absicht, Dichtung und Wahrheit
der Online Tagebücher gibt Linda Roeders Artikel
Was den Exhibitionismus
betrifft, so läßt sich dieser jedoch durchaus
steigern, wie das Beispiel Es ist das gleiche Konzept
des beobachteten Alltags, nur findet man den ganzen
Alltag, also auch Jennifer nackt und beim Sex. Dass dies
zum Leben gehört, ist Jennifers Argument gegen den
Verdacht der Neben
Fotoalbum, Tagebuch und Dies alles erinnert an die
Hoffnung der 70er Jahre, die Videotechnik werde zu einer
aktiven, kommunikativen Nutzung des elektronischen Mediums
führen und die Macht des öffentlichen Fernsehens
brechen. Daß dies hier in Verbindung mit dem
veröffentlichten Tagebuch und Fotoalbum geschieht und
mit der Ausstellung der Screen Shots zudem die Macht der
Galerien umgangen wird, veranlaßt, von einer gezielten
Gegenkultur und vielleicht sogar Avantgarde unserer Zeit zu
sprechen. Man kann dies alles freilich
als das Ausleben einer exhibitionistischen Veranlagung
abtun. Tina unterstützt diese Lesart, wenn sie die
Frage nach der Entstehung des Projekts mit der Gegenfrage
beantwortet: "Aber......... darf man denn hier in
Deutschland nicht einfach ein bisschen 'exhibitionistisch'
sein ;-) ?" Auch für die Medien liegt diese Perspektive
aus einsichtigen Gründen gewöhnlich am
nähsten. Aber das Phänomen ist komplizierter, als
der schnelle Griff zu magnetischen Schlagwörtern
deutlich macht. Schauen wir uns Jennifers Exhibitionismus
genauer an. Auf Jennifer scheint der
Vorwurf des Exhibitionsimus voll und ganz zu passen, setzt
sie doch auch Fotos ins Netz, auf denen sie nackt oder gar
sexuell aktiv ist. Eines dieser Fotos gibt allerdings Anlass
zu einer tieferen Betrachtung. Jennifer ist nicht einfach
exhibitionistisch, sie ist es in doppelter Weise: Sie stellt
nicht nur Nacktfotos von sich ins Netz, sie stellt sich auf
diesen, ganz in der traditionellen Art der Exhibitionisten,
auch nackt ans Fenster. Sie zeigt also auch noch
ihren Exhibitionismus. Damit nicht genug, Jennifer
suggeriert zugleich, nicht exhibitionistisch zu sein.
Nicht, weil sie zur Seite schaut, statt ihren Opfern ins
erschrockene Antlitz, sondern weil sie durch die
ästhetisch raffinierte Präsentation (man beachte
nur den Faltenwurf des Vorhangs und die Schlaufe an der
linken Seite) herausstellt, daß es ihr eigentlich um
Kunst gehe, und zwar in der konventionellsten Form. Dieses
Foto ist offenbar kein Schnappschuß der automatischen
Kamera, es scheint organisiert zu sein, es ist räumlich
und farblich perfekt abgestimmt und offenbar später
unter die Zufallsbilder gemischt. Ist dies der Beweis
dafür, dass es Jennifer nicht um Gegenkultur geht,
sondern um den Zugang zur etablierten? Eine Vermutung, die
sich mit Blick auf ihre Screen Shot-Galerie, ihre
Traumgeschichten und Nun, die Inszenierung dieses
Fotos widerlegt nicht den Aspekt des Widerstandes, im
Gegenteil, gerade sie verkörpert ihn. Wenn man genau
hinschaut, wird klar, dass das Foto nur so tut, als zeige es
Jennifer am Fenster. Wie die Daten am Rand aussagen, spielt
die Szenerie an einem Wintertag zwanzig vor neun am Abend.
Das Licht kann also keins der Straße sein. Ausserdem
wäre der Vorhang fürs
Von-draußen-rein-Schauen am falschen Platz. Jennifer
hat sich nicht ans Fenster gestellt, sondern auf eine
Bühne. Das Foto suggeriert zunächst ersteres, aber
nur, um Jennifers Konzept nachdrücklicher zu
verbildlichen. Der Inhalt dieses Fotos ist nicht Jennifers
nackter Leib, sondern der Akt seiner Präsentation:
Jennifer zeigt uns ihr Zeigen. Sie tritt ans 'Fenster', um
sich den Spähern, die sie davor ahnt, auszusetzen. Sie
weiß, es gibt kein Entrinnen, also drängt sie
sich auf. Dies ist ihr Widerstand, und sie zeigt ihn uns,
damit wir ihr folgen, nicht in ihr Zimmer, sondern in
unsere, an die Computer, diese modernen Fenster, vor die
Kameras. Nackt, ist die Message, sind wir sowieso, es kommt
darauf an, es mit Absicht zu sein. Haben wir hier die
tiefere Bedeutung der Webtagebücher? |