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Fevzi Konuks "Digital Troja"
Ernst und Komik bewegter Bilder

von Roberto Simanowski

Abstract

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Clinton, Atomspaltung und Computerviren

Seit 1997 richten die Saarbrückener Stadtwerke einen Wettbewerb für Kunst im Netz aus und vergeben den «net_award». Titel des Wettbewerbs und Besetzung der Jury (v.a. ProfessorInnen der bildenden Künste sowie Mediendesigner) lassen kaum erstaunen, dass die Ausgezeichneten die Verteilung von Text und seinen Nachbarmedien Bild, Ton und Film anders gestalten, als man es von Pegasus oder dem Ettlinger Wettbewerb für Internet-Literatur her kennt. Hier nehmen sich Künstler des Mediums an, die von der visuellen Kunst kommen; bewegte Bilder sind da mindestens ebenso wichtig wie bewegende Worte.

Fevzi Konuk, Preisträger des Jahres 1998, hat Malerei an der HBKsaar studiert, übrigens ebenso wie Leslie Huppert, Preisträgerin von 1997. Der 1964 in Ankara Geborene nimmt sich in seinem "Digital Troja" einen "aesthetischen Vergleich zwischen dem 'Trojanischen Krieg' mit seinen Helden und Göttern, und den Auseinandersetzungen mit den Helden, Handys und Maschinen der Gegenwart" vor. Was das vorgegebene Thema des Wettbewerbs betrifft - "Energie im weitesten Sinne" -, ist Fevzi Konuk geschickt genug, den mythischen Ort seines Geburtslandes mit dem speziellen Interesse der Saarländischen Stadtwerke zu verbinden: "Die Geschichte der Technik ist auch eine Geschichte der Herrschaft. Über die Natur. Über ihre Energienformen und Ressourcen. […] Unser Fortschritt ist untrennbar mit der Entwicklung, Evolution unserer Maschinen verbunden. Energie erzeugen! Energien verschleudern! …" Das Thema selbst, Auseinandersetzung mit dem Krieg, ist zusätzlich ehrenhaft. Schauen wir also, worum es geht.

Die Web-Galerie der Saarbrückener Stadtwerke linkt auf eine Startseite mit folgenden Rubriken: Intro, Bemerkung, Statement, Fazit, Actors sowie ein >Eingangs<-Link. Die >Intro< legt den Akzent dreimal auf künstlerische Meditation: "über einen mythischen Krieg ... über die neuzeitlichen, Techno-Kriege ... über Waffen und Ihre äesthetischen Wirkungen" (sic! zu beiden Schreibfehlern) und endet mit der provokanten Erklärung: "Nichts ist schöner als ein nukleares Feuer. Nichts ist schöner als Homers Helena." Die >Bemerkung< ist engagiert ("Immer fortgeschrittenere Möglichkeiten die Energien, welche die Natur uns anbietet, zu manipulieren. Es verlangt auch ein Mitwachsen unserer Ethik, stellt uns in eine neue, komplexere Verantwortung. Ein bewußter Umgang mit der Hightech ist erstrebenswert"), das >Statement< ist drohend ("Ich traue den neuen Technologien nicht. Aber ich werde mich hier nicht darüber äußern. Dieser Diskurs wird in Zukunft noch mit brutaler Härte geführt werden"), das >Fazit< ist zynisch: "Wo gehobelt wird, fallen auch Späne". Die Rubrik >Actor< führt 6 Figuren des Trojanischen Krieges auf (diesen Links folgen wir später), der Klick auf den Eingangs-Link bringt schließlich zu folgender Index-Seite

Die Index-Seite beginnt mit einer automatisch aktivierten Tondatei: "Yesterday is yesterday, if we tried to recapture it we would only loose tomorrow", so Bill Clinton oder jemand, der wie Bill Clinton klingt. Das schlägt das Thema an und lässt zugleich an Willy Brands Ausspruch denken: Wenn wir aus der Vergangenheit nicht lernen, werden wir die Zukunft nicht meistern. Diesen beiden gegensätzlichen Ton-Dokumente jüngeren Datums antwortet, parteiergreifend für Brand, das Bild, das uns wenn nicht in das Yesterday so doch in die Vergangenheit führt, und zwar mitten hinein: Troja scheint schon zu brennen, aber Achilles ist noch auf dem Weg zu seiner tödlichen Begegnung mit Paris, auf dem Weg zum Trojanischen Pferd. Ein nach der Theorie der Malerei gut gewählter punktum temporis, der das Geschehene mit dem verbindet, was, wie wir wissen, geschehen wird.

Das Bild klärt zugleich seine eigene Ikonographie: die Schiffe der Archaier, die verdunkelte Sonne, das scheinbar brennende Troja, Achilles, dessen Ferse. Der Akzent der Erstbegegnung mit Konuks "Digital Troja" liegt, wen sollte es wundern, auf dem Tod: des Lichtes, einer ganzen Stadt, des scheinbaren Siegers Achilles.

Der Klick mitten aufs Bild bringt zur Seite >Extrainformation<, die unten abgebildet ist. Die linke Menüleiste dieser Seite bleibt lange Zeit unzugänglich, weil eine Java Application geladen wird. Diese erweist sich dann als die Öffnung einer roten Kugel - Trojan Horse genannt -, aus der etwas wie Gewehrläufe steigt, aus denen etwas wie Abschussqualm steigt, der sich dann zu den Begriffen Virus 1 und Virus 2 wandelt.

Die aufwendige Animation kann als Spaltung eines Atoms gelesen werden, das aber Trojanisches Pferd genannt wird und eigentlich ein Virus ist, womit die versprochene Anwendung des antiken Krieges auf die Gegenwart begonnen hat. Zu dieser Lesart führt die unter dem Punkt >Trojanisches Pferd< folgende Erklärung über einen Computer-Virus, der sich Trojanisches Pferd nennt. Den Lesern wird das Herunterladen dieses Virus' zum Gebrauch gegen persönliche Feinde (aber auch zum Kampf gegen fundametalistische Gruppen) angeboten, wobei man zuvor jedoch per E-Mail Adresse und Absicht angeben soll. Das ist unschwer erkennbar schon Teil des Werkes selbst.

Die Menüpunkte Warnung! und Achtung! wiederholen beide noch einmal die Meldung über Computerviren. Ihre eigentliche Funktion besteht wohl darin, auf die Kugel aufmerksam zu machen, die sich in der rechten oberen Bildhälfte dreht und nun einen Teil des erschienenen Textes verdeckt. Man ist versucht, die Kugel mit der Maus fortzuschieben und stellt fest, dass dies möglich ist. Man kann sie in der Tat per drag and drop aus dem Bild bringen. Die Pointe liegt darin, dass die Kugel wiederkommt, an die alte Stelle. Ein überraschender Effekt mit Sinn: ein Hinweis auf die Unentrinnbarkeit all dessen, womit diese Kugel zuvor symbolisch aufgeladen wurde? Fevci Konuk beginnt sein Werk, das durch die byte-intensive Kugel-Pferd-Kernspaltung-Virus-Transformation unerträglich lange Ladezeiten zumutet, mit semantischem Tempo.

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