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Eine
besondere Form der interaktiven Textproduktion ist das
Text-Karten-Spiel Solitaire.
Dieses von Helen Thorington geschriebene, von M.R. Petit mit
Grafiken versehene und von John Neilson programmierte Spiel
besteht darin, aus drei Haufen Karten zu ziehen, die auf
Klick einen bestimmte Grafiken zeigen, auf einen weiteren
Klick, den Text, der sich dahinter verbirgt. Diesen kann man
dann der Geschichte am rechten Bildrand hinzufügen,
oder man zieht, wenn er nicht zum Lauf der Geschichte passt,
eine neue Karte. Findet man dabei einen Joker, darf man
einen eigenen Text eingeben und der Geschichte
hinzufügen.
So entwickelt sich
allmählich eine Geschichte, die einerseits vorgegeben
ist, andererseits Raum zur Beteiligung lässt. Das
Ergebnis kann dann unter einem frei gewählten Namen und
mit einem Titel versehen in die Galerie
gestellt werden, wo auch die bisherigen Solitaire-Produkte
einsehbar sind. Dort erscheint der zusammengestellte Text
dann als Bildgeschichte, bestehend aus den Texten und
zugehörigen Grafiken.
Dieses Text-Grafik-Programm
ist faktisch eine Mischung aus dem Einsamkeitsspiel
Solitaire und dem Partygag der reihum auf einen Zettel
notierten und dann halb abgedeckten Zeilen, die
weitergeschrieben werden müssen, bis die entstandene
Geschichte am Ende zum Vergnügen aller vorgelesen wird.
Hier ist die Produktion allerdings zum Großteil schon
vollzogen, so dass die Aufgabe eher darin besteht, aus den
angebotenen Texten einen passenden auszuwählen. Wer mit
den Angeboten nicht zufrieden ist, muss warten, bis er einen
Joker zieht und wieder selbst eine Zeile eingeben
darf.
Wenn es in der
Begrüßung heisst "Welcome to Solitaire... a
narrative experiment that combines the fun of a card game
with the challenge of telling a good story" so liegt diese
Herausforderung genaugenommen in der Geduld, die man
aufbringen muss, bis man seine eigene gute Story zusammen
hat. Und dies bedeutet im Grunde, man muss warten, bis man
wieder einen Joker findet, um dem entstehenden Text die
eigene Idee einschreiben zu können. Wer dies nicht tut,
wird auf eingebene provokative Sätze wie "He takes out
a rusty screwdriver and shafts him in the neck....." einen
Fortgang der Geschichte erhalten, der das schreckliche
Ereignis völlig ignoriert.
Dies wirkt dann nicht nur
komisch, sondern macht auch deutlich, dass es sich hier
wirklich um Solitaire handelt. Man ist allein mit dem
Text-Programm, man hat nicht all die Leute um sich, die auf
einer Party auf einen solchen Satz mit einer entsprechenden
Antwort reagieren müssten, deren Art und weitere Folgen
das Amüsement erhöhen, wenn schließlich der
Gesamtext (bzw. der gemeinsam gestaltete Unsinn) vorgelesen
wird. Statt dieser Gruppendynamik der Zeilen-Geschichten
(wer hat wie worauf reagiert), findet man hier nur die
Genugtuung, die Solitaire zu geben fähig ist: mit viel
Geduld etwas in die richtige Ordnung gebracht zu haben. Und
es bleibt solitary bis zum Schluss, denn es gibt keine
Anerkennung der erbrachten Leistung, da die Galerie der
gesammelten Texte unmoderiert ist und die Ergebnisse ohne
Auszeichnung der wirklich stimmigen Beispiele versammelt.
Schade eigentlich.
Gleichwohl bietet dieses
Text-Solitaire eine interessante Alternative zum Original,
wo es nur um die Ordnung von Symbolen geht. Hier geht es um
die Ordnung von Texten, wie schwer und geduldsintensiv auch
immer dies sein mag. Dass manche diese Geduld nicht
aufbringen, zeigt die Geschichte Blood,
in der nichts zueinander zu passen scheint. Dass es nicht
aussichtslos ist, zeigt die Geschichte "After
all loneliness is prescious",
die durch nur zwei Joker-Eingaben eine recht stimmige
Gender-Trouble-Love-Story erzeugt.
Davon abgesehen hat es
natürlich seinen eigenen Reiz, beim Lesen der in der
Galerie versammelten Geschichten zu sehen, wie die immer
wiederkehrenden Karten/Grafiken/Sätze in
unterschiedlichen Kontexten ihre Bedeutung verändern.
Insofern eine Art Hypertext ganz ohne Links. Durchaus nicht
ohne Lesevergnügen. Und was das Schauvergnügen
betrifft, so sind das unprätentiöse,
prägnante Design und die wunderschönen Grafiken
hervorzuheben, die in guter Nachbarschaft mit dem
dunkel-melancholischen Ton der Texte leben und damit auch
auf dieser Ebene eine stimmige Repräsentation dessen
geben, was Solitaire dem Namen und der Handlung nach
bedeutet.
Ihr
Kommentar

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