Abstract - Struktur -Download (zip 0,7MB) - Kommentare - Interview Der Film "Aaleskorte" in der Presse Der Sieger des letzten
Pegasus-Wettbewerbs wäre 1997 nicht einmal in die
Vorrunde gelangt, sondern wegen Überschreitung der
Umfangsbegrenzung disqualifiziert worden. Ein Jahr
später waren die Beschränkungen faktisch
aufgehoben, und offenbar störte die Jury auch nicht,
dass Die
Aaleskorte der Ölig
[da die ZEIT ihr Pegasus-Archiv aufgelöst hat, wird
das Werk hier in der Form zugänglich gemacht, in der es
auf der Pegasus-CD-ROM präsentiert ist; alle Rechte liegen bei den Autoren] sich statt
als Literatur als Film vorstellte. Der wie im Kino
ablaufende Vorspann vermeldet "OmU, Dauer: 5 min",
führt "Darsteller" auf und spricht von "Drehbuch" und
"Regie". Die mitgegebenen Pressestimmen sind
ausschließlich Filmzeitschriften entnommen: "...poetisch,
sphärisch, kontrovers. Und trotz
interfreundlicher Kompakt- Klasse ein erstaunlich
vielschichtiger Film." BLICKLINIE FILM "DIE AALESKORTE DER
ÖLIG ist ein komplexes Drama - eine Sammlung
zufälliger Zutaten nach Ihrem eigenem
Drehbuch." TV TOMORROW "Man kann diesen
Film wieder und wieder sehen - es wird nie derselbe
sein." SIEHZU Natürlich ist der
Metatext auch ein bisschen Paratext und gibt Informationen
über den zu erwartenden Film: "eine Sammlung
zufälliger Zutaten nach Ihrem eigenem Drehbuch", die
man "wieder und wieder sehen" kann, ohne dass sie dieselbe
sein wird; und im Vorspann heißt es: "Drehbuch und
Regie: zuschauergeneriert". Was soll das heißen?! Ist
das ein Versprechen oder eine Drohung? Die nächste
Seite gibt Aufklärung: Zunächst
müssen Sie Ihr Drehbuch für die
Aaleskorte der Ölig zusammenstellen. Keine
Angst, diese Mühe kostet Sie ganze zwanzig
Mausklicks - dann startet der Film. Die Aufgabe
besteht darin, sich durch die fünf Protagonisten
(Erzähler, Ölig, Hohmann, Aal, Kinder) zu klicken
und damit die Das Verfahren der Wahl ist
einfach, seine Durchführung weniger; es wird nicht
klar, nach welchen Kriterien man entscheiden soll. Einzige
Anhaltspunkte sind die wechselnden Sprüche unter den
Fotos der Protagonisten, deren Bedeutung für das Ganze
allerdings nicht erkennbar sind. Nun, die Enttäuschung
hält sich in Grenzen; man bleibt gespannt, worauf die
Sache hinaus will, denn die Untertitel sind in der Art von
Head Lines formuliert, die jede Menge schrecklicher
Geschichten versprechen: Und worum geht es? Um es
kurz und platt zu sagen: die 20 Szenen berichten mit
skurrilen Texten und Bildern von der Tötung und dem
Verkauf eines Aals. Die Die weiteren 18 Szenen
berichten vom Besuch der Ölig auf dem Fischmarkt, von
der Tötung des Aals, vom schlechten Gewissen, das die
Ölig dabei beschleicht, und von ihrer Heimfahrt. Hat
man alle Die Autoren sahen das voraus
und konfrontieren ihre Leser nun mit folgendem Angebot:
- THE END -
...andererseits: Es
liegen 6,9 Milliarden Versionen der Aaleskorte
bereit, die darauf warten, von Ihnen abgedreht zu
werden. Sollte Ihnen noch
einiges rätselhaft oder unklar geblieben sein,
empfehlen wir eine Neuverfilmung des Plots. Sie
werden den Film mit anderen Augen betrachten und
immer mehr Licht in´s Dunkel bringen.
Also los, es gibt
noch viel zu entdecken! Dieses Angebot ist der
eigentliche Gag, und es ist eine Zumutung, nicht nur wegen
des ruppigen Tones im letzten Satz. Hier wird der Leser
verspottet, wenn ihm mehr Erfolg bei ausdauernder
Aufmerksamkeit versprochen wird. Was heißt denn das:
"sollte Ihnen noch etwas unklar geblieben sein"?! Als
wäre das Ganze nicht darauf angelegt!
Man nehme nur die Bedenkt
man das Angebot der Perspektivenvielfalt, wird schnell klar,
dass die Autoren nur auf Betrug aus sein können. Sie
versprechen, die Neuverfilmung werde einen die Sache mit
neuen Augen sehen lassen und "immer mehr Licht in's Dunkel
bringen". Woher wollen sie das wissen, da sie ihr Publikum
auf Lesewege schicken, die sie selbst nie gegangen sind? Die
Leser mögen nach dem ersten Durchlauf beginnen, das
Textgeflecht in seinen verschiedenen Varianten zu
rezipieren. Werden sie damit etwas ent-decken, was zuvor im
Text versteckt wurde? Niemand kann all die
Möglichkeiten vorwegnehmen, die sich rein rechnerisch
als Navigationsoptionen ergeben. Die Autoren haben keine
Kombinationen angelegt, die immer mehr Licht ins Dunkel
bringen könnten, sondern mechanisch einen
Perspektivenreichtum kreieren lassen, der sich in seiner
Übertreibung erschöpft. Sie bieten den Lesern
Texte an, die sie selbst nie gelesen haben. Im gleichen
Moment, da sie ihre Leser ermuntern bei ihnen zu bleiben,
verraten sie ihre Funktion als Autor und verlassen das
Schiff. So scheint alles nur ein
Witz zu sein, ein Spiel mit dem Leser, und das fing ja schon
im Paratext an, mit den gefälschten Pressestimmen. Also
steht unser Urteil fest? Ein gelungener Streich mittels
JavaScript und einer aufgepeppten Sprache, der durch eine
pfiffige Idee und ein multimediales Outfit die Preisrichter
vorschnell für sich einnehmen konnte. Wer diese unsere
Vermutung teilt, hat hier das Ende der Rezension erreicht.
Wer meint, da müsse mehr zu holen sein, folge uns zur
Neuverfilmung. |