Himmel & Hölle Cyberspace - Realität im 21. Jahrhundert

Dieser Essay handelt nicht von digitaler Literatur im engeren Sinne, sondern von dem, was nach ihr kommen wird: dem 'Ganzkörper'-Erlebnis im virtuellen Raum, das mit Datenanzug, -brille und -handschuh alle Sinne bedient. Der Essay beleuchtet im Vorfeld die zu erwartenden sozialen Paradigmenwechsel und versammelt die Argumente der Befürworter und Opponenten zu Themen wie: Bilderflut und Verlust der Kontemplation, Cybersex, "sozialer Autismus", Gefahren und Gewinn des Identitätsspiels, Doktrin des aktiven Rezipienten, Auswirkung einer Kultur der Simulation auf das soziale Verantwortungsgefühl.

Ein Blick zurück auf die Lesesucht-Diskussion im 18. und auf die Kritik am Kino im frühen 19. Jahrhundert zeigt, wie sehr sich die Diskussionen gleichen. Immer wird vor der Verdummung der Massen gewarnt, vor dem Verlust des distanzierten Denkens, vor der Zerstreuung. Und immer warnt, wer das öffentliche Wort besitzt, nicht ohne Eigennutz vor dem Kommenden. Denn das neue Medium ist mit seinen spezifischen Perspektiven und sozialen Normen v.a. das Medium der neuen Generation, die sich darin von alten Diskursen und deren Autoritäten befreit. Die Kontroverse ums Medium vollzieht sich auch als Generationskonflikt.

Das Phänomen der Zerstreuung wird - als Horror vacui und mit Rückgriff auf Blaise Pascal, die deutschen Frühromantiker und Günther Anders - hinsichtlich seines psychologischen und sozialen Werts als Ablenkung von der Leere und Endlichkeit des eigenen Lebens diskutiert. Pascals Formel vom Unglück des leeren Zimmers ist neu zu formulieren, seit die Leserevolution die Zerstreuung ins Zimmer gebracht hat. Cyberspace eröffnet da ganz neue Aussichten, wenn künftig selbst der Übersee-Urlaub am/im heimischen Computer stattfindet - eine schreckliche Vorstellung, in der andere wegen unseres ressourcengefrässigen Lebens aus erster Hand spaßeshalber schon die Rettung der Welt vermuten.

Die Chance der alten Medien besteht darin, all jene Aspekte der bevorstehenden oder ablaufenden Paradigmenwechsel künstlerisch zu gestalten. Was diesbezüglich einige Filme ("Total Recall", "Johnny Mnemonic", "Strange Days", aber auch Wenders' "Bis ans Ende der Welt") und Bücher (Stanislaw Lem, Gert Heidenreichs "Die Nacht der Händler", Norman Ohlers "Die Quotenmaschine", aber auch die Texte des russischen Symbolisten Jakowlewitsch Brjussow) leisten, ist die Frage des abschließenden Kapitels.