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von Roberto
Simanowski Susanne Berkenhegers
Zeit
für die Bombe,
die beim Pegasus Wettbewerb 1997 zu Preisehren kam, ist
die "Geschichte einer Liebe und einer Bombe", wie es kurz,
aber nicht falsch in der Annotation des
Online-Literaturmagazins Hyperfiction
heißt. Viel mehr läßt sich auch nicht
sagen, außer daß die Geschichte in Moskau
spielt, der "Verbrecherstadt. Wo nur noch die Taxis ticken,
aber niemand weiß, wie spät es ist." Dort
stolpert Veronika aus dem Zug geradewegs in die Arme eines
verschneiten Studenten, Iwan, der kurz darauf Veronikas
Koffer in den Händen hält, die ihrerseits
verstört davonläuft, weil sie mit Vladimir
gerechnet hatte, der sie aber gerade mit einer Blondinen
betrügt... Die Geschichte
Im vorliegenden Fall bringt
dies jedoch keine Vorteile. Um der Default-Variante gar
nicht erst den Vorrang vor den anderen Links zu geben, um
unter den Alternativen nicht eine eigentlich richtige
und mehrere eigentlich falsche Entscheidungen anzubieten,
sind alle abwegig. Man weiß nie so recht, wie
man von A nach B gekommen ist, wie das alles
zusammenhängt, wer wer ist und was das nun bedeutet. -
Das ist allerdings nicht weiter schlimm, denn die Autorin
legt einen so erfrischenen Stil vor, daß man sich gern
per Links wahllos durch ihr Wort-Reich tragen
läßt, in dem von einem "träge gestrandeten
Frauenkörper" auf Vladimirs Bett die Rede ist oder es
heißt: "Veronika lächelte wie eine ganze
Landschaft, während Iwan vorbei an den
Kofferträgern immer näher kam. Die Zeit riß
sich mächtig am Riemen, schnurgerade schlich sie den
Bahnsteig entlang." Erfrischend ist auch der
Umgang der Autorin mit den Lesern. Wer etwa an einer Stelle
(wir sind in einem dunklen Lokal) den falschen Link
wählt, erhält eine Strafrunde, muß in die
Küche zum "Spüldienst [...] während
draußen die Geschichte in immer größeren
Brocken voranrollt." An anderer Aber nicht jede Wendung an
die Leser erinnert diese an ihren Leser-Status, manche
machen im Gegenteil den Leser zu einer Figur des Textes.
Insofern bedient diese Hyperfiction - wie viele andere auch
- in recht ambivalenter Weise, was Bolter und Grusin mit
Blick auf die neuen Medien Weg!
Verschwindet! Zerfallt zu Staub! Selber bequem in
der warmen Stube hocken und sich dann
genüßlich lesend an meinem Unglück
aufgeilen. Ich verachte Euch. Mitgefühl habt
Ihr? Pah! Ihr könnt Euch gleich selber
bemitleiden. Seht, was ich hier in meiner dreckigen
Hand halte. Die erkundete im übrigen Veronikas
Inneres, schon lange bevor Ihr überhaupt ein
Wort von ihr gelesen habt. Was wollt Ihr also? Habt
Ihr sie inzwischen erkannt, meine kleine
Handgranate. Also wirds jetzt
bald?
Zurück. Die
Beschimpfung ist, wie sich später herausstellt,
durchaus berechtigt. Denn der Leser schaut nicht nur Iwans
Unglück zu, er verursacht es gewissermaßen: er
hat die Zeitbombe gezündet. Die Autorin hat ihren Leser
in eine Figur des Textes verwandelt, und sie hat ihn
schuldig gemacht, als sie ihn auf diese Stelle stoßen
ließ: Wollen
wir nicht alle immer etwas drücken oder
drehen, irgendwo draufklicken und ganz ohne
Anstrengung etwas in Bewegung setzen? Das ist doch
das Schönste. Iwan, tu's doch einfach,
drück den kleinen Schalter! Dies ist wohl im doppelten
Sinne die Zündstelle des Textes, der hier zum Metatext
wird und sein eigenes Medium reflektiert. Es geht um die
Gestik des Klickens im Netz, das vom Schreibtisch aus dies
und jenes geschehen läßt, ohne mit bösen
Folgen rechnen zu müssen, zu wollen. Die Folgen
trägt in diesem Falle Iwan, den die gezündete
Bombe schließlich zerreißen wird. Die Autorin
führt ihre Leser raffiniert in eine Falle, wo es nur
noch gilt, auf den Schalter der Bombe zu klicken oder eben
die Backtaste zu benutzen. Die Leser werden sich kaum
abhalten lassen, sie werden größtenteils den
Schalter wählen, schon um zu sehen, ob tatsächlich
was passiert. Genau dies ist die Gefahr der
Klick-Konstellation, die längst Obsession geworden ist:
die Bereitschaft, sich aus reiner Neugierde auf die Gefahren
anderer Leute einzulassen. Im Grunde geht es aber um
mehr, es geht ums Lesen überhaupt. Es geht um den
Schiffbruch mit Zuschauer, wie Hans Blumenberg einmal die
Rezeptionssituation umschrieb: die Beobachtung des
Untergangs der anderen vom festen Land aus. Die
psychologische Funktion dieses Vorgangs hatte Lukrez schon
vor 2000 Jahren geklärt: Süß
ist's, anderer Not bei tobendem Kampfe der
Winde In Berkenhegers Geschichte
wird genau diese Situation thematisiert, wenn Iwan den
Lesern die warme Stube vorwirft:
"Selber
bequem in der warmen Stube hocken und sich dann
genüßlich lesend an meinem Unglück
aufgeilen." Allerdings hat die Autorin die Situation um zwei
Aspekte wesentlich verändert: sie macht den Leser
zum Auslöser des Unglücks und sie droht ihm
Konsequenzen an. Im ersten Fall hat sie sehr genau
gearbeitet, im zweiten recht nachlässig. Zuerst das
Lob. An jener Stelle, da die
Leserin gezwungen wird, den verhängnisvollen Schalter
zu drücken, löst der aktivierte Link einen Vorgang
aus, der dann nicht mehr aufzuhalten ist. Die nächsten
Seiten laufen automatisch ab. Man könnte meinen, an
Iwans Stelle gehandelt zu haben. Und wenn dieser den Koffer
sofort wieder zuschlägt, um nicht die ihm noch
verbleibene Zeit zu sehen, so vollzieht der Leser diese
Abwehr des Wissens gewissermaßen nach, indem die
entsprechende Seite für ihn ebenfalls sofort
'zugeschlagen' wird. Betrachtet man die Szene genau, wird
allerdings klar, daß man nicht in Iwans Lage versetzt
wurde, denn auf der nach dem Schalterklick erscheinenden
Seite heißt es: "Iwan drückte..." Man ist nicht
selbst Iwan geworden, sondern hat diesen veranlaßt,
den Schalter zu drücken; man wird in die Geschichte
gezogen, aber nicht als Opfer, sondern als Täter. Ohne
diese zwischengeschaltete Seite ergäbe sich eine
völlig andere Perspektive, und um die es der Autorin
aber gerade nicht ging. Sie wollte, daß der Leser von
der Ferne per Klick Prozesse auslöst, die für
andere tödlich sind. Die in der Printliteratur oft
gesuchte Konstellation, daß der Leser der Mörder
ist, kann im Feld der elektronischen Literatur recht einfach
umgesetzt werden. Allerdings fehlt die
Einlösung der versprochenen Vergeltung. Iwans Vorwurf
des Zuschauens aus der warmen Stube folgte der Satz:
"Mitgefühl habt Ihr? Pah! Ihr könnt Euch gleich
selber bemitleiden. Seht, was ich hier in meiner dreckigen
Hand halte." Was Iwan in der Hand hält, ist eine
Handgranate. Es ist nicht klar, woher die plötzlich
stammt, aber darum geht es auch gar nicht. Es geht darum,
daß sie nie zum Einsatz kommt. Nun muß es gewiß
nicht so sein, daß, wie es bei Anton Tschechow
hieß, in einer Geschichte kein Gewehr an der Wand
hängen dürfe, mit dem nicht auch geschossen
würde. Wenn das Gewehr nicht zum Einsatz kommt,
ist dies immerhin eine wesentliche Aussage, die nur nach
dessen Erwähnung funktioniert. Im vorliegenden Fall
gibt es jedoch keinerlei Anzeichen dafür, daß
sich Iwan mit den Lesern versöhnt. Konsequenterweise
hätte er die Handgranate einsetzen müssen, als der
Leser ihn veranlaßte, auf den tödlichen Schalter
zu klicken und damit genau das tat, was Iwan ihm
hinsichtlich Schiffbruch und Zuschauen (bzw. Auslösen)
vorgeworfen hatte. Spätestens aber hätte er die
Handgranate werfen müssen, wenn der Leser am Ende
erneut auf den Schalter drückt (ja, man muß ihn
noch einmal drücken; was nicht ganz plausibel ist).
Hier hätten sich die
beiden Textebenen treffen können, indem die Autorin der
Bildschirm des Lesers 'explodieren' bzw. implodieren
läßt. Daß dies nicht geschah, kann zwei
Gründe haben: die Umsetzung war technisch nicht zu
bewältigen oder sie durfte aus erzähllogischen
Gründen nicht erfolgen, da es das Ende der Geschichte
bedeutet hätte. Der erste Fall ist
unwahrscheinlich. Die Autorin hat nicht den Eindruck
vermittelt, sie könne keine metaphorische Umsetzung
einer Bombardierung des Lesers programmieren. Der
Möglichkeiten gibt es viele, und sei es, wie in
Victory Garden, ein zersprungener Text, gefolgt von
einem schwarzen Screen, oder diverse andere
Der andere Fall ist jedoch
nicht weniger unverzeihlich; er würde nur zeigen,
daß die Autorin den inneren Forderungen der eigenen
Geschichte nicht gewachsen war. Dann hätte das 'Gewehr'
der angedrohten Attacke in der Tat lieber nicht an der Wand
hängen sollen. Das wäre besser gewesen, als die
grimmige Wendung Iwans ans Publikum - die durch die
tatsächliche Funktion des Rezeptionsvorganges als
Handlungsauslöser zunächst viel her macht - in
ihrer Was den Fortgang der
Geschichte betrifft, so wird Iwan schließlich von der
Bombe zerissen (nebst 32 Passanten), als er auf dem Bahnhof
der abfahrenden Veronika nachschaut. Aber der Leser ist es,
der den Knopf drückt. Wer seine Tat bereut, kann den
Film zurückdrehen. Ein Link führt weit in den Text
zurück, aber auch unweigerlich wieder zum gleichen
Ende. Abfahrt und Tod geben der
Geschichte einen natürlichen Abschluß. Trotzdem
bleiben viele Fragen offen. Wer alle Textsegmente liest,
findet immerhin heraus, daß Veronika Vladimir ein
halbes Jahr zuvor in einem Bus in Moskau kennengelernt
hatte, sofort mit ihm ging zum SM-Sex in seiner Wohnung und
dann den Auftrag erhielt, eine Bombe für die "Rettung
der russischen Seele" zu besorgen. Es bleibt unklar, wie und
gegen wen die Bombe ursprünglich zum Einsatz kommen
sollte. Es bleibt unklar, ob Iwan, diese Inkarnation der
russische Seele schon vom Namen her, absichtlich ihr erstes
Opfer wurde. Daß man es gar nicht wissen kann, deutet
die Autorin an, wenn sie das Unverständnis ihrer Heldin
zugibt: Sie
träumte nur mehr von jener Zeit in Moskau, die
sie nicht verstand, die wie ein Igel
zusammengeschnurrt war. [...] "Wie hing das
nur alles zusammen?", wollte sie wissen. Nun, wir wissen es auch
nicht. Aber vielleicht verlöre die Geschichte durch
Klarheit. Ihr Reiz besteht, abgesehen von vielen gelungenen
Formulierungen, gerade in ihrem frech-koketten Verwirrspiel
mit dem Leser. Die Autorin wußte vielleicht nicht so
recht, welche Geschichte sie erzählen sollte, aber
dafür hat sie es recht gut getan. |