Interaktion ist in,
Multimedialität scheint zunächst an Boden verloren
zu haben. Die Moralisten der Netzgemeinde haben die
Argumente auf ihrer Seite: die Geburt des Netzes erfolgte
zwar nicht aus dem Geiste des Dialogs, aber das Netz schrieb
bald diesen auf seine Fahnen und proklamierte, anders zu
sein als all die anderen elektronischen Medien: nicht
Einbahnstraße für Couchpotatos, sondern
interaktiv; sichtbarstes Zeichen dafür: der Link. Die
Navigationsalternativen der Nonlinearität (oder
Multi-Linearität) wurden als Befreiung der Leser vom
Despotismus des Schreibers ausgegeben. Man feierte den Tod
des Autors, allen voran die Autoren selbst. Später
entdeckte man, dass die Autoren Wiedergänger sind und,
wie alle Wiedergänger, sogar mehr Macht besitzen denn
als Lebende: nun kontrollierten sie sogar noch die
Assoziationen ihrer Leser, indem sie durch den Link
Assoziationsstränge markierten, vorgaben,
aufdrängten. Die Assoziation wurde mechanisiert, sie
huldigte dem Gott Link; dessen Meister aber war der
Autor.
Alvar Freudes und Dragan
Espenschieds Schreibprojekt
Assoziations-Blaster
ist die Antwort auf das Dilemma. Das hat die Jury des
Ettlinger
Intenet-Literaturwettbewerbs
mit einem Preis quittiert, denn das ist, wie Michael
Charlier in der Laudatio
betont:
|
nicht nur einfach
eine lustige Idee, sie ist auch in hohem Maße
"webgemäß" Jeder der des Weges vorbei
kommt, kann sich beteiligen, gibt "seine 2 cent",
wie es im Netz heißt, dazu. Aber auch nicht
mehr. Kein einzelner kann den Kurs bestimmen und
eine Tendenz vorgeben, das Projekt führt sein
vom Entwerfer nur im Umriss skizziertes Eigenleben
und entwickelt hier und da geradezu
hinterhältigen Eigensinn
|
In diesem von jedem
Internetsurfer erweiterbaren Text-Netzwerk ("net.art /
Netzkultur-Projekt", heißt es im Content-Tag der
Source) ist zwar die Produktion von Assoziationen durch
Verlinkung auf die Spitze getrieben, aber der Meister des
Links ist nicht mehr der Autor bzw. die Autoren, sondern ein
Connectionmaker im Hintergrund, der selbst keine anderen
Assoziationen hat als die, auf die er programmiert wurde.
Wie funktioniert das genau?
"Der Assoziations-Blaster
ist ein interaktives Textnetzwerk, in dem sich alle
eingetragenen Texte automatisch miteinander verlinken", so
heißt es in der Selbstbeschreibung. Er ist eine
riesige Datenbank, die eine Liste von Stichworten verwaltet,
sowie die Texte der verschiedenen Autoren, die diesen
Stichworten zugeordnet sind (man schreibt einen neuen Text
immer zu dem Stichwort des gerade geöffneten Textes.
Weist der neu eingegebene Text Worte auf, die schon als
Stichworte registriert sind, verwandeln sich diese Worte in
Links zu jenen Texten, die diesen Stichwörtern jeweils
zugeordnet sind.
Es handelt sich hierbei zwar
um zwangsläufige, aber zugleich 'flüssige Links',
die kaum länger als einen Augenblick halten, weil per
Zufallsgenerator immer wieder zu einem anderen Text aus
derselben Rubrik gelinkt wird. Wer da die Zurück-Taste
drückt, um nun etwa dem zuvor vernachlässigten
Link zu folgen, wird also nicht auf den soeben verlassenen
Text stoßen, sondern auf einen anderen, der dem
gleichen Stichwort zugeordnet ist. Und wer nun Vorwärts
drückt, findet nicht mehr den soeben verlassenen Text,
sondern wieder einen anderen aus der Rubrik des gleichen
Stichworts.
Der Assoziations-Blaster
lässt offenbar nichts zu wünschen übrig, was
Interaktivität, Intertextualität und offene
Linkstruktur betrifft. Jan Ulrich Hasecke nennt ihn am 12.
10. 1999 in der Mailingliste
Netzliteratur zu
Recht ein gelungenes Beispiel für offene Netzliteratur:
indem Freude und Espenschied das Projekt konzeptionell auf
dem Thema Verlinkung aufbauen und diese automatisch
vorgenommen wird, "greifen die beiden eine zentrale Funktion
des Netzes auf und spielen damit."
Das heisst allerdings nicht,
dass man nun die Wiedergänger los wäre. Zwar setzt
das Programm die Links, aber wer diesem die Stichworte
eingibt, sorgt letztlich auch für die Verlinkung. Und
wer gibt die Stichworte ein? Der in der Autorhierarchie
schon etwas gestiegen ist: "Gibt es kein passendes
Stichwort, muß ein neues in die Datenbank eingetragen
werden. Das ist allen Teilnehmern möglich, sobald sie
ein paar Texte in den Assoziations-Blaster getippt haben."
Im Grunde ist es wie im richtigen Leben: wer schon eine
Weile da ist, darf irgendwann die Regeln vorgeben, nach
denen andere sich verhalten, philosophieren oder eben
assoziieren sollen.
Wer schon eine Weile da ist,
kennt freilich auch die Regeln und weiss, sie für sich
arbeiten zu lassen: "Assoziations-Blaster-Profis, die schon
ein paar Stichworte kennen, können versuchen, ihre
Texte so zu formulieren, daß möglichst viele
Stichworte darin vorkommen und diese somit in Links
umgewandelt werden. Dadurch erhöht sich die
Assoziationskraft des Blasters" - und, so möchte man
hinzufügen, es erhöht sich die Einschaltquote
für den eigenen Beitrag. Aber diese Eitelkeit des
Schreibenden muss man gar nicht unterstellen, um hier ein
Problem zu sehen. Schon das implizierte Ziel der
erhöhten Assoziationskraft an sich ist fragwürdig.
Warum soll man dies eigentlich anstreben? Weil alles mit
allem zusammenhängt? Oder nur, damit das Projekt, das
nun einmal auf Assoziation basiert, wächst und gedeiht?
Aber zu welchem Preis?!
Was passiert zB., wenn die
Worte oder oder nicht, und und
aber zum Stichwort erhoben werden, wie es
tatsächlich der Fall ist! Welche
Assoziations-Seriosität besitzen nicht und
oder?! Bei sein und ich, ebenfalls
prominente Stichworte, ist die Sache aus einer
philosophischen Perspektive klarer. Hinter dem ersten aller
Personalpronomen und dem Infinitiv des wichtigstens
Hilfsverbs stehen Welten. Aber die Konjunktionen aber
oder und?! Nun, irgendwie sieht das alles nach dem
doch recht fragwürdigen Leistungsprinzip des
Schneller-Höher-Weiter im Gewand der
Informationsgesellschaft aus. Oder ist dieses Prinzip in der
Informationsgesellschaft gar nicht mehr
fragwürdig?
Freude und Espenschied sind
natürlich zunächst einmal stolz auf ihr
technisches Meisterwerk und deklarieren selbstbewusst: "Alle
eingegebenen Texte werden automatisch miteinander verlinkt
und es entsteht durch das Wunder der Automation endlich das
Informationsnetzwerk, von dem viele dachten das WWW
wäre es bereits." Der Name Vannever Bush taucht in der
Selbstbeschreibung nicht auf, aber Eingeweihte wissen, dass
sich Freude und Espenschied hier in dessem Dienste sehen und
das Vermächtnis erfüllen, das dieser mit seinen
1945 veröffentlichten Artikel "As
we may think"
hinterließ. Da hilft den beiden Organisatoren auch die
Ironie nicht, hinter der sie sich verstecken. Sie verbinden
mit dem Projekt durchaus einen hohen philosophischen
Anspruch, den man so ernst nehmen muss, wie Bush's Apparat
der Memotechnik. Es geht, so die Selbstbeschreibung, dem
Assoziations-Blaster nicht um Assoziation und
Interaktivität um der Assoziation und
Interaktivität willen, sondern, ach die Deutschen, noch
immer um die Erkenntnis dessen, was die Dinge im Innersten
zusammenhält: "Dadurch entsteht eine endlose Kette von
Assoziationen, die dem Zusammenhalt der Dinge schlechthin
auf die Spur zu kommen vermag." Das also ist des Pudels
Kern: nicht Philosophie und Religion muss man studieren,
sondern Informatik. Die Tiefe liegt im
Mehr.
Über das intendierte
Verhältnis von Quantität und Qualität wird
man sich allerdings sogleich wieder unsicher, wenn man die
Maske für den eigenen Beitrag anschaut. Hier
erhält man einen Kommentar - von "sehr mager" über
"oberflächlich" und "interessant" bis zu "literarisch"
-, der auf der Menge des eingegebenen Textes basiert. Dieses
Urteil nach der Logik einer Kaffeemaschine (mehr Wasser =
höherer Eichstrich) führt freilich zu den
seltsamsten Konstellationen zwischen Input und Beurteilung,
wie zwei Screenshots zeigen.

Die bla-bla-Fraktion siegt
vor Descartes. Keine Chance also für Denker? Es
könnte sich um Ironie handeln. Inwiefern? Weil die
meisten Experimente in der Welt der digitalen Literatur
letztlich zu dieser Zuflucht suchen. Manchmal aus
Überzeugung, manchmal aus Mängeln in der Umsetzung
des eigenen Konzepts. Begeben wir uns also in den
Text.
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