Wovon ist die Rede, wenn von
Literatur im Netz die Rede ist? Die Texte, die mit den
Begriffen Netzliteratur, Elektroliteratur, Ergodic
Literature, Cybertext oder Hypertext bezeichnet werden,
unterscheiden sich z.T. völlig voneinander und sind oft
mehr oder sogar alles andere als Text. Die Differenzen
solcher 'Texte' bestehen im Hinblick auf ihre
Medialität, ihre Struktur, ihre Interaktivität.
Eines immerhin haben sie gemeinsam, sie liegen in digitaler
Form vor - und an diesem Punkt könnte man zu einer
Begriffsbestimmung ansetzen.
Das Medium, in
dem diese Literatur geschrieben wird, zeichnet sich dadurch
aus, daß es nicht mehr ein bestimmtes Ausdrucksmittel
verlangt oder bevorzugt wie etwa das Buch den Text und das
Radio den Ton. Diese Medien basieren letzlich alle auf dem
Atom und bewahren deswegen klare Grenzen zwischen einander.
Das grundlegene Mittel des Computers ist der Strom. Alles
muß durchs Nadelöhr des binären Codes,
muß erst als An- oder Abwesenheit von Strom definiert
werden. Ist dies geschehen, können die einzelnen
Sprachen dann relativ einfach miteinander verbunden werden;
und die verbesserte Leistungsfähigkeit der Programme
und Computer ermöglicht dies inzwischen auch, ohne
daß man wegen eines integrierten Videoclips einen
Systemabsturz oder eine Viertelstunde Ladezeit
befürchten müsste.
Und weil dieses
digitale
Alphabet der
Bits und Bytes immer die erste Ebene der Darstellung ist,
egal ob es sich nun um Buchstaben, Bilder oder Töne
handelt, ist der Begriff Digitale Literatur ein ganz
treffendes Wort für das, was es hier zu beschreiben
gilt. Die Metapher hält bewußt, daß alles
auf dem gleichen Grundmedium basiert. Sie macht damit die
Existenzvoraussetzung zum Hauptkriterium und nicht den
Existenzort, wie es etwa beim diesbezüglich zu engen
Begriff Netzliteratur der Fall
wäre.
Der mit dem Begriff Digitale
Literaur bezeichnete Gegenstand bleibt indes different
genug. Man kann ihn in mindestens folgende Typen
unterteilen:
1.
Texte, die linear strukturiert und traditionell
verfaßt sind. Sie sind mit Strom geschrieben, aber sie
sind nicht auf die digitale Existenzweise angewiesen. Es
handelt sich um 'unechte' digitale Literatur, um
Schmuggelware gewissermaßen, die das Netz allein
seiner besonderen Distributionsform wegen braucht. Dieter E.
Zimmer nennt diese Texte Literatur im Netz im Unterschied
zur Netzliteratur, die nicht gedruckt werden kann (Text in
Tüttelchen, DIE ZEIT, 7. 11.
1997).
2.
Texte, die linear angeordnet sind, die ihre
Entstehung aber den elektronischen
Kommunikationsmöglichkeiten verdanken und somit aus
produktionsästhetischer Sicht das Netz benötigen.
Solche Texte sind kollaborativ verfaßte Texte, wie
Beim
Bäcker, bei
denen jeder den bisher geschriebenen, im Web ausgestellten
Text fortsetzen kann, oder
Baal
lebt, der per E-mail
an den nächsten Autor gesandt wird, welcher nicht nur
weiterschreiben, sondern das Vorgefundene auch
verändern darf. Der Reiz solcher kollektiv
verfaßten Texte liegt weniger in ihrer literarischen
Qualität als in der abzulesenden Gruppendynamik. So ist
es interessant zu beobachten, wie auf den Text des
Vorgängers eingegangen wird bzw. eben nicht, wie
Machtkämpfe in der weiteren Gestaltung einer
etablierten Figur entbrennen, wie die meisten ihr eigenes
Süppchen kochen und schließlich eine gute Seele
durch einen moralischen Appell den roten Faden zu retten
versucht. Aus soziologischer Perspektive, als Geschichten
über das Schreiben von Geschichten, sind diese Texte
durchaus spannend.
3. Texte, die
ebenfalls linear angeordnet sind, die aber unmittelbar den
spezifischen Kommunikationsmöglichkeiten des digitalen
Mediums entspringen. Sie sind sowohl hinsichtlich der
Produktion wie der Rezeption auf die
Interaktionsmöglichkeiten des Netzes angewiesen. Hierzu
gehören die Rollenspiele (MUDs) und die Chatgroups.
Diese Texte geben noch stärker als Typ 2 Autor- und
Werkbegriff auf und zielen auf die totale Immersion des
'Rezipienten'. Obgleich somit am weitesten vom
traditionellen Literaturverständnis entfernt und eher
dem Spiel zugehörig, wird mitunter hier die eigentliche
Zukunft der digitalen Literatur gesehen (so von Janet
Murray und von Espen J.
Aarseth).
4.
Texte, die eine nichtlineare Struktur aufweisen. Diese
Hypertexte,
wenn es sich um Literatur handelt, auch
Hyperfiction
genannt, eröffnen dem Leser durch die 'multi-lineare'
Anordnung Alternativen der Textzusammenstellung. Die
Möglichkeiten der Textgestaltung beschränken sich
hier, im Gegensatz zu den Typen 2 und 3, auf dessen
Zusammensetzung. Obgleich es Vorformen dieser Texte in der
Printliteratur
gibt, sind sie zum eigentlichen Strukturmodell des
Schreibens erst im Kontext der Digitalität geworden.
Die ersten Exemplare - Afternoon (1987) von Michael
Joyce und Victory Garden von Stuart Mouthrop (1991) -
erschienen vor der Etablierung des Netzes und wurden von
Eastgate
Systems auf Diskette
vertrieben, was auch heute noch, und bei Eastgate unter dem
Slogan serious hypertext, für einen
Großteil der Texte gilt.
5. Texte, die mit
Bild-, Ton- und Videoelementen versetzt sind und eine Art
Gesamtkunstwerk darstellen. Sie erscheinen entweder in
linearer oder in nichtlinearer Form und werden Hypermedia
genannt oder, mit einem erweiterten Textbegriff, ebenfalls
HT. Es handelt sich hier um den gegenwärtig vielleicht
relevantestete Typ, der das hypertextuelle Erbe seines
Vorgängers in die Multimedialität der neuen
technischen Möglichkeiten überführt. Hierher
gehören Werke wie Mark Amerikas
Grammatron,die
beiden Preisträger des Pegasus-Wettbewerbs 1998 -
Die
Aalskorte der Ölig
von Dirk Günter und Frank Klötken (vgl. die
Besprechung
in dichtung-digital) und
Trost
der Bilder
von Jürgen Daiber und Jochen Metzger (vgl. die
Besprechung
in dichtung-digital) - und Stuart Moulthrops neues
Projekt
The
Tomb Robbers.
Es bleiben Textformen, die
je nach Akzentuierung ihrer Struktur oder ihrer
Entsehungsform zuzuordnen sind, wie
etwa
Die
Säulen von Llacaan,
ein kollaborativ verfaßtes Textgebilde, das zugleich
hypertextuell strukturiert ist, indem es
Navigationsalternativen anbietet.
Mai
1999
Ihr
Kommentar

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