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Akademische Kritik
Aspekte und ästhetische Kriterien

von Roberto Simanowski



Abstract - Struktur

Im Forum des Netzromans Die Säulen von Llacaan verweist jemand am 11. 2. 1999 unter der pfiffigen Überschrift "Kleines Fundstück: Wir in der germanistischen Wissenschaft :o)" auf ein Referat von Sabrina Ortmann zur Netzliteratur: 
 

Die gute Sabrina schwingt heftig den Theoriehammer, manchmal etwas trocken, aber ich fands trotzdem spannend, weil einem doch einiges davon vertraut ist. :o) Aber hättet ihr gewußt, daß Llacaan Kollaborative Hyperfiction ist???*grins* Oder daß Roger demzufolge nach der Theorie einer gewissen Ruth Nestvold eine Parallele zu James Joyce und Alfred Döblin darstellt? ;oP (Jaaaa, Roger, Du - oder eigentlich wir alle - wirst jetzt nämlich richtig wissenschaftlich erforscht!) ... Jedenfalls, wer sich mal voll die Germanistikdröhnung geben will, kann es ja gern mal lesen. Ich fand es interessant. :o)

Rogers Antwort ist clever genug: 

 Ja klar kenne ich das. Der Vergleich ist übrigens gar nicht so weit hergeholt. "Ulysses" und "Berlin Alexanderplatz" waren frühere Zweige von Llacaan. Als die Imagemap zu kompliziert wurde habe ich sie rausgetrennt und unter einem Pseudonym veröffentlicht...

Ist das der Anfang einer wunderbaren Freundschaft? Der Ton ist angemessen: gewollt theoretisch auf der einen Seite, betont locker auf der anderen. Die Begegnung beider Parteien könnte problematischer ablaufen, denn wissenschaftlich erforscht zu werden mag einem ja ganz recht sein, auch wenn man die Genugtuung, derart ernst genommen zu werden, hinter Frotzeleien verbirgt. Was aber passiert, wenn dabei mehr als Vergleiche mit großen Dichtern der Vergangenheit herauskommen? Was, wenn die Kriteleien beginnen! Zieht dann der Dichter dem mäkelnden Germanisten wieder den nichtlesenden vor? 

Der Germanist ist natürlich der Meinung, daß der kritische Kommentar, der das künstlerische Genie zwingt, seine Kreativität poetologisch zu reflektieren, mehr hilft als eine Menge gutgelaunter Ignoranz. Im vorliegenden Falle sieht er seine Aufgabe sogar als doppelte Mission der Aufklärung.  

1. Gegen das voreilige Wissen:

Lesen im Internet ist wie Musikhören übers Telephon. Während es aber gewiß niemandem einfiele, Telemann mit der Telekom ins Haus zu holen, haben sich viele Menschen von der Vorstellung einer Literatur im Internet beeindrucken lassen. Literatur im Netz ist eine Totgeburt. Sie scheitert schon als Idee, weil ihr Widersinn womöglich nur noch von Hörspielen aus dem Handy übertroffen wird. 
Christian Benne in DIE ZEIT (37/1998)

Christian Bennes Kommentar klingt flott und beeindruckt noch viel mehr durch seine böswillige Ignoranz. Das Lesen im Internet ist natürlich nur mit Musik aus dem Handy vergleichbar, wenn man "Krieg und Frieden" am Computerschirm liest, und wer das tut, ist selber Schuld. Daß es nicht um das Einscannen gedruckter Texte geht, sondern um das Herstellen nicht druckbarer, weiß auch Christian Benne. Die Probleme digitaler Literatur sind ganz anderer Art, als von ihm verkündet. Sie lauten Desorientierung, Ermüdung und Betrug ums Happy End. Aber dieser Kommentar ist repräsentativ für die Haltung so vieler, die glauben, aus Liebe zur Literatur so etwas ominöses wie digitale Literatur von sich weisen zu müssen. Ihr Problem ist, zuviel zu wissen. Sie fühlen sich aus Zeitungsberichten wie dem oben zitierten reichlich informiert und wenden sich, denn ein Großteil dieser Literatur-Liebhaber sitzt auf Universitäten, lieber wieder der literarischen Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts zu. 

2. Die zweite Seite der Aufklärung richtet sich gegen das mangelnde Wissen. Das Problem der digitalen Literatur ist ihr besonderes distributives Verfahren: der Autor ist zugleich der Verleger. Während manche dies als Befreiung der Poesie aus institutionellen Zwängen feiern, formulieren es andere eher kritisch als Verlust der Qualitätskontrolle, der meist weder dem Autor und noch weniger dem Publikum bekommt. Sollte man, um die digitale Literatur vom Generalverdacht des Hobbydichtertums zu befreien, nicht wenigstens post festum Aussagen über ihre Qualität treffen? Sollte man nicht die Spreu vom Weizen trennen und den Skeptikern zeigen, was digitale Literatur ästhetisch vermag? Dies klingt um so vermessener, als hier einer noch gar nicht entwickelten künstlerischen Ausdrucksform schon mit akademischen Interessen zu Leibe gerückt werden soll. Wer ist es, der da mit Steinen werfen will? Und vor allem mit welchen Steinen?! 

Hier nimmt der Germanist Zuflucht in die Geschichte und verweist auf einen Dichter, der im deutschen Kontext so gut als Vorläufer der Hyperfiction gelten kann wie im englischen sein bewundertes Vorbild Laurence Sterne. Die Rede ist von Jean Paul, Zeitgenosse und Gegenspieler Goethes, der den klassischen Stil der Harmonie und genauen Linienführung mit seinen Abschweifungen und Patch-Work-Texten radikal unterlief. Jean Paul war, mit dem Titel eines Hypertextmagazins gesagt, ein Writer on the Edge. Zugleich schrieb er jedoch eine Ästhetik, mit der er das poetische Geschäft rational zu fassen suchte. Ein Kernpunkt seiner Aussagen war, daß die Literaturkritik nicht dogmatisch alte Kategorien auf neue Werke anwenden dürfe, sondern sich auf die ästhetische Eigenlogik des Werkes einlassen müsse. Er solle am jeweiligen Gegenstand eine je eigene „neue Dichtkunst" entwickeln. Zu einer Rezension gehöre "eine Zurückführung des Urteils auf bekannte oder auf neue Grundsätze, daher eine Rezension leicht eine Ästhetik im kleinen wird". Jean Paul nennt dies "Liebe für Wissenschaft und für Autor zugleich".  

Diese Doppelliebe sei der Ausgangspunkt einer akademischen Betrachtung; sie verlangt, sich auf das einzelne Werk und seine Details einzulassen, sie verlangt andererseits, es nach bestimmten Grundsätzen zu beurteilen (denn in den Grundsätzen liebt der Germanist die Wissenschaft, also sich selbst). Die Grundsätze sind allerdings das Problem: es gibt sie kaum. Die Doppelklage der Jury des Literatur-Wettbewerbs Pegasus ist da bezeichnend: eine Klage nicht nur über die mangelhafte Qualität der Einsendungen, sondern auch über den Mangel an Kriterien, mit denen dies beschrieben werden könnte. Dieser Mangel wird um so akuter, wenn die Jury dann die getroffene Entscheidung mit mehr als dem gemeinsamen Votum begründen muß. Spätestens da braucht man klare Kriterien, denn spätestens da wollen auch die Dichter - die ohne Preis - wissen, was an dem preisgekürten Werk eigentlich preiswürdig ist. 

Es ist nicht so, daß es keine Kritik der digitalen Literatur gäbe; es gibt nur keine wissenschaftlich reflektierte. Statements findet man allerhand, zum Beispiel auf dem internet literatur webring, in dem sich mehr als 100 Leute zusammengeschlossen haben, die Literatur im Netz produzieren oder/und lesen und mit ein- bis fünfzeiligen Kommentaren sowie einer Zensur von "schlecht" bis "ausgezeichnet" versehen. Die Begründungen sind direkt, erfrischend und unbekümmert subjektiv - und werden einem hartnäckigeren Zweifler nicht genügen. Die Frage ist, wie tief man sich auf die Texte einlassen soll. Welche Beachtung sollen die Details erhalten, aus denen das Ganze gemacht ist? Inwiefern soll man seine Maßstäbe der Bewertung reflektieren und theoretische klären? 

Die Versuche, allgemeine ästhetische Kriterien zu bestimmen, kommen von den Dichtern selbst. So schreibt z.B. ELBEHNON in der Website-Diskussion der Pegasus-Teilnehmer am 20.10.98 zur Frage, ob Interaktivität ein notwendiger Bestandteil von Internet-Kunst ist:  

ich glaube ja, da ich der meinung bin, dass jede kunstform ihre spezifischen, nicht in andere formen transportierbaren eigenschaften hat und jedes kunstprodukt, das diese spezifischen eigenschaften nicht reflektiert, sein thema verfehlt.

Das klingt nach einem  tragfähigen Kriterium: jede Kunstform hat ihre spezifischen Möglichkeiten, etwas auszudrücken. Das Medium führt seine eigene Ästhetik mit sich; ELBEHNON sieht sie für das Internet in der Interaktivität begründet, worunter er jedoch nicht die Möglichkeit des Lesers versteht, zwischen einigen vorgegebenen Alternativen auswählen zu können. ELBEHNON erklärt am 21.10.98: 

in der tat kann man nicht von interaktivitaet sprechen, wo nur ein paar knoepfe gedrueckt werden sollen, auf dass die maschine (die software, wer auch immer) anders reagiere als ohne diesen knoepfedruck. das ist zum beispiel das verfahren von hypertext. interaktivitaet liegt da m.E.nicht vor, allenfalls ein anders, evtl besser gegliederter praesentationsaufbau.

Wirkliche Interaktivität gibt es demnach nur in Chatgroups und im Austausch von E-Mails, womit allein die Gruppen 2 und 3 der zur digitalen Literatur aufgestellten 0Typologie die Kriterien von Internetliteratur wirklich erfüllen würden und die klassische Hyperfiction, mit der alles begann, verloren hätte. Aber sind Interaktivität und Kollektivität tatsächlich die einzigen ästhetischen Kategorien, die dieses Medium mit sich führt?  

Abgesehen davon, daß die meisten Einsendungen zum Pegasus-Wettbewerb dies schon einmal nicht bestätigen, bedient auch die amerikanischen Szene diese Forderung kaum noch, wo vielmehr einen Trend zurück zum Autor zu beobachten ist. Und was ist mit der gemeinsamen Sprache Strom, die der digitalen Literatur zugrundeliegt? Was ist mit der spezifischen Navigationsstruktur? Was mit der spezifischen Rezeptionssituation: am Computerbildschirm und z.T. vom Autor beeinflußt? Der Versuch, das Terrain zu ordnen, erbringt mindestens folgende 6 Kriterien der Betrachtung: 

1. Multimedialität:
Die zugrundeliegende Sprache des Stromes, die die verschiedenen Ausdruckssprachen des Wortes, Bildes, Tones kompatibel macht, stellt die Frage der multimedialen Kompetenz. Dies führt entweder zur Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten (des Wortes, des Bildes, des Tones usw.), zur Vereinigung des Spezialistentums in Personalunion oder, im schlimmsten Fall, zum Dilettantismus auf einem oder mehreren Feldern des ästhetischen Ausdrucks. 

2. Technik-Ästhetik:
Die Ästhetik der digitalen Literatur ist in hohem Maße eine Ästhetik der Technik, denn die künstlerischen Ideen müssen in die Materialität des Stroms überführt werden, ehe sie auf der Ebene sinnlicher Vernehmbarkeit erscheinen können. Dieser Umstand eröffnet mindestens vier
Fragerichtungen: 1. der Autor muss neben der ästhetischen eine technische Kompetenz aufweisen; 2. der Autor wird zum Leser (der Software); 3. neben das inhaltliche Zitat tritt das technische, womit die Frage des geistigen Eigentums auch zu einer der Rechenfähigkeit wird; 4. die Wahrnehmbarkeit der technisch generierten Ausdrucksformen hängt vom technischen Equipment der Leser ab.

3. Performance:
Die Möglichkeit der Animation des Textes führt dazu, daß die Autorin noch den direkten Rezeptionsvorgang des Lesers als Träger einer Aussage nutzen kann, etwa indem die Schnelligkeit eines Vorgangs durch den schnellen Wechsel der Texteinheiten angezeigt wird. Ebenso eignet sich die gewonnene Macht über den Rezeptionsvorgang zur Immersion des Lesers in den Text, etwa wenn bestimmte Ereignisse auf der Handlungsebene (die Auslösung einer Explosion z.B.) durch Aktivitäten auf der Rezeptionsebene (Aktivierung des entsprechenden Links) bestimmt werden.

4. Navigationspflicht:
Neben der Kompetenzkooperation des bzw. der Autoren besteht auch eine geteilte Autorschaft im Autor(en)-Leser-Verhältnis. Der Leser wird veranlaßt, im Rahmen der vom Autor geschaffen Alternativen an der Organisation des Textes teilzunehmen. Leser stellen somit nicht mehr nur verschiedene Kommunikate anhand eines gleichen Textes her, sondern nehmen die subjektive Bedeutungszuschreibung an einem bereits individuell zusammengesetzten Text vor. Dies stellt wirkungsästhetisch die Intentionsmöglichkeit des Autors in Frage und produktionsästhetisch die Einsatzmöglichkeit traditioneller stilistischer Mittel wie Spannungsbogen, Klimax und Endauflösung, und bringt eine Reihe weiterer Aspekte mit sich: intensive statt extensive Lektüre, Verlust der ästhetischen Kontemplation, Banalisierung oder Unterstützung der konnotativen Offenheit des Textes durch seine kombinatorische. 

5. Links:
Der Link repräsentiert bestimmte Organisationsmöglichkeiten des Textes. Indem er Verbindungen erstellt, unterläßt, versteckt oder falsifiziert, verbindet er nicht nur Aussagen, sondern ist selbst eine. Diese Aussage kann wiederum aus verschiedenen Koordinaten bestehen: Richtung des Links (Wort zu Wort, Wort zu Node, Node zu Node, Link mit mehrere Endpunkten...), Art des Links (one way oder return, Programmierung der Zugänglichkeit...) und Label des Links (explikativ, komplementär, additiv oder dekonstruktiv zum Text im Node). 

6. Bildschirmästhetik:
Eine Folge der Strukturierung der Hyperfiction und ihrer Präsentierung am Bildschirm ist die Verkleinerung der Erzähleinheiten auf ein im Bildschirm faßbares Maß. Da der Scrollvorgang am Bildschirm als nutzerunfreundlich empfunden wird, tendiert der Autor zur bildschirmgerechten Portionierung seines Textes. Dies hält einige Gefahren für die stilistische Umsetzung parat (etwa einen Sitcom-Stil, bei dem es alle 20 Sekunden etwas zu lachen (oder schluchzen) gibt. 

Diese Kriterien könnten als Anhaltspunkte dienen, wenn man sich etwas genauer fragt, wie ein Beispiel der digitalen Literatur aufgebaut ist und eine Idee, eine Erfahrung, ein Gefühl oder eine Beobachtung auszudrücken versucht. Die Möglichkeiten des benutzten Programms müssen dabei natürlich in Rechnung gestellt werden. Darüber hinaus sind freilich die traditionellen Kategorien anzuwenden, die der Einsatz der traditionellen Ausdrucksmittel wie Foto, Film, Text und Musik im einzelnen erfordert. Handlungsaufbau und Charaktergestaltung sind ebenso wichtig wie Bildaufbau, Filmschnitt, Melodieführung sowei der Einsatz stilistischer Mittel (Metaphern, Zitate, Analogien) auf allen Ausdrucksebenen.

Mai 1999


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