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Zur Fiktion des Computerzeitalters hg. v. Martin Klepper, Ruth Mayer und Ernst-Peter Schneck, Berlin und New York: de Gruyter 1996, 295 S. Rezension* von Roberto Simanowski Während in den USA ein
bunter Haufen von Cyber-Freaks den Evolutionssprung plant,
wie Gundolf Freyermuths Führer durch den
High-Tech-Underground "Cyberland" (1996) vor Augen
führt, schlagen in Deutschland die Anthroposophen
Alarm, die das Thema inzwischen auch für sich entdeckt
haben und mit ihrem Buch "CyberSpace. Virtual Reality" von
1996 gleich in beide Schlagwortkataloge drängen. Die
kontinentale Konstellation der Visionäre und Mahner
verwundert kaum, denn der Bezug Amerikas ist die Technik und
die Pop-Musik, der Bezug der Anthroposophen die ganze
Schwere europäischer Kulturgeschichte. Befriedigen kann
freilich beides nicht, wenn es nur auf die Wiederholung
mentaler Muster hinausläuft und einerseits
naiv-begeistert die Vision von der guten Technik
fortschreibt, andererseits konservativ-besorgt in jeder
Veränderung des Gegeben einen Anschlag auf die
Daseinsgrundlagen des Menschen argwöhnt. Aber die
Sachlage läßt zur Zeit einfach zuviel Raum
für Klischees, noch weiß man nicht, wohin die
Reise geht, noch gibt es kaum empirische Untersuchungen,
kaum Datenmaterial - da hält sich jeder an seine
Ideen. Das angezeigte Buch
"Hyperkultur" entkommt diesem Dilemma auch nicht, hat aber
einen entscheidenden Vorteil: sein Gegenstand existiert
bereits, was man mit Blick auf jene Überlegungen zur
psychosozialen Relevanz von Virtual-Reality-Erlebnissen oder
zur Kopplung von Computer und Gehirn so nicht sagen kann.
Das Buch kümmert sich in erster Linie um Hypertexte,
und die gibt es tatsächlich, die werden (vor allem
freilich in den USA) seit circa 10 Jahren geschrieben und
gelesen, für die werden sogar in Deutschland, wie zum
Beispiel von der "Zeit" im Sommer 1996, schon
Literaturwettbewerbe veranstaltet. Was ist ein Hypertext? Im
vorliegenden Buch heißt es im Fachjargon: interaktive
Textdateien. Das wichigste an dieser Definition ist der
Numeruswechsel: ein Hypertext sind viele Texte, eine
Sammlung von vernetzten Textbausteinen, ein Text, von dem
aus durch das Anklicken markierter Wörter verschiedene
neue Texte aktiviert werden können, in dem also
sogenannte Links oder Hot-words auf andere Textpfade
verweisen. Ein Hypertext ist nicht mehr linear, sondern
netzartig. Insofern die Segmente, in die die Links
führen, auch mit Bild und Ton belegt sein können,
ist der Hypertext nicht einmal mehr bloß Text. Man
spricht, solang es sich nicht um wissenschaftliche 'Texte'
handelt, besser von Hyperfiction. Das Besondere daran ist
nicht die elektronische Materialisierung, die bloß
digitale Existenz, sondern das Verknüpfungsverfahren.
Dessen Konsequenzen sind unter anderm, daß der Leser
durch das Angebot verschiedener Links, nach Belieben von
Datei zu Datei surfend, sich seinen eigenen Textzusammenhang
herstellen kann, es den Text also nicht mehr gibt, sondern
immer nur einen ganz individuellen des Rezipienten.
Das mag banal klingen in
einer Zeit, da nicht nur ausgewiesene Konstruktivisten den
Textbegriff gern durch den des Kommunikats ersetzen, den Ort
der Bedeutungsherstellung vom Text zum Leser verschieben und
beim Repetionsprozeß lieber von Bedeutungszuschreibung
als von Bedeutungsentnahme sprechen. Aber es geht hier nicht
um die je verschiedene Wahrnehmung des Gleichen, es geht um
die Wahrnehmung des Unterschiedlichen. Nicht mehr liest der
Rezipient, was der Produzent ihm vorsetzt, von der ersten
zur letzten Zeile (in zugegebenermaßen anderer Weise
als sein Nachbar), sondern ist gezwungen, sich den Text
selbst zusammenzustellen, in einer Auswahl und Reihenfolge,
die der Autor mehr oder weniger nicht bestimmen kann und
will. Das verändert die Hierarchie der
Autor-Text-Leser-Triade grundsätzlich und erfordert im
übrigen einen Bonmotwechsel in der Textwissenschaft -
statt "der Text sagt mehr als sein Autor" heißt es
nun: "der Autor kennt seinen Text nicht". Dies war freilich schon 1961
bei Raymond Queneau der Fall, als der seine Hunderttausend
Milliarden Gedichte schrieb, die aus zehn Sonetten
bestanden, welche jedoch auf verstärkten Seiten so
gedruckt waren, daß man zeilenweise blättern und
somit alle Zeilen aller Seiten miteinander kombinieren
konnte. Niemand, auch nicht der Autor, hat jemals den ganzen
Text dieses schmalen Buches lesen können. Schon bei
diesem nichtelekronischen Vorläufer des Hypertextes
wurde deutlich, daß der Autor, wenn er solcherart
seine Autorität der gezielten Textlenkung aufgibt, auch
keine bestimmte Botschaft mehr, und zwar nicht einmal der
Intention nach, vermitteln kann. Die Lektüre des
Hypertextes dient nicht mehr der Vermittlung einer
bestimmten Weltsicht, sie ähnelt eher einem
Computerspiel. Die Literatur wäre somit schon rein
strukturell aus der noch immer aus der Aufklärung
nachwirkenden Pflicht zur Vervollkommnung ihrer Leser
entlassen. Was will sie noch, was kann sie noch
leisten? Eine klare Antwort kann das
vorliegende Buch freilich nicht geben, aber es gibt einem
immerhin erst einmal die notwendigen Fragen in die Hand.
Sein erklärtes Anliegen ist, die beiden
Stoßrichtungen der hyperkulturellen Entwicklung vor
Augen zu führen: "die tiefgreifende Veränderung,
die traditionelle Repräsentationsstrukturen (die
Sprache, die Literatur, die Kunst) durch den Gebrauch der
Computertechnologie erfahren und die symbolische Bedeutung,
die diese Technologie in der kulturellen Inszenierung (der
Literatur, der Kunst, der Theoriedebatte) gewinnt" (6). Mit
anderen Worten: es geht um Cyberspace zum einen als Medium
zum anderen als Gegenstand des Textes. Die 16 Beiträge
unterteilen sich demnach in zwei Gruppen: einem
theoretischen und deskriptiven Teil zum Hypertext folgen
Spekulationen zur computertechnologischen Vereinnahmung und
Transformation der Wirklichkeit, für die wiederum
konventionell strukturierte, also lineare literarische Texte
den Bezugspunkt darstellen. Der theoretische Teil bietet
zwar zunächst eine ganz grundsätzliche
Einführung in Aufbau und Strukturprinzipien
gängiger Hyperfictions, ist aber wesentlich mehr als
ein Propädeutikum. Denn die Autoren nehmen nur ein
bißchen Rücksicht auf Nichtkenner der Materie,
wenn sie wie Ruth Nestvold und Hannah Möckel-Rieke
zunächst Funktionsweise und Fachbegriffe klären
und die Konsequenzen für Literaturmarkt und
Rezeptionsweise reflektieren oder wenn sie wie Heiko Idensen
umfangreich informieren über verschiedene Hypertexte,
Internet-Projekte und nützliche http-Adressen. Die
Autoren steigen sehr bald auf einer höheren Ebene in
die Diskussion ein. Dort ziehen sie bestimmte Thesen, zu
denen sich der Neuling erst noch durcharbeiten muß,
schon wieder stark in Zweifel. Zum Beispiel die Sache mit
der Interaktivität und Leserautonomie, die oft als
Demokratisierungs- und Dehierarchisierungseffekt des
Hypertextes angepriesen wird. Nachdem der
Literaturwissenschaftler und Lyriker William Dickey die
Bedeutung der Computeranwendung für sein eigenes
Selbstverständnis als Autor illustriert hat, attackiert
Hilmar Schmundt die These von der neuen
Souveränität des Lesers und hält mit Bezug
auf den Topos des Technisch-Erhabenen fest, daß die
Leser der "Kontingenz und Willkür bedrohlicher Gewalten
und geheimnisvoller Sprachspiele während ihrer
Navigation durch den Hyperspace ausgeliefert" sind, die
Leserautonomie also "durch das Überangebot
undurchschaubarer Entscheidungszwänge" ausgehebelt wird
(60f.). Die Rede von der Interaktivität enttarnt
Schmundt angesichts der unantastbaren Tiefenstruktur der
Programme und der "repressiven Toleranz", die der Hypertext
jedem Gegendiskurs entgegenbringt, als neue "große
Erzählung" im Lyotardschen Sinne. Spätestens hier sieht
der uninformierte Leser, auf welch komplexer theoretischer
Ebene die Diskussion bereits angekommen ist und welche
Bezüge zu den namhaften Denkern der letzten beiden
Jahrzehnte sich herstellen lassen. Neben Lyotard sind das
zum Beispiel Derrida, DeMan und Barthes als Vordenker der
Hypertextästhetik. Hanjo Berressen verweist auf Deleuze
und Guattari mit ihrem Rhizom-Begriff, der als Symbol des
assoziativen, wurzellosen Denkens in einem azentrischen,
nicht hierarchischen und asignifikanten System sehr gut den
Hypertext, als Text des ewigen Werdens und der "diskursiven
Nomadologie" (124), beschreibe. Christoph Schirmer erkundet
den Zusammenhang von Hypertext, Hysterie und Surrealismus
mit Hilfe des Subjektbegriffs bei Foucault und Lacan und
erörtert die ästhetischen und
gesellschaftspolitischen Innovationen, die jeweils in der
offenen, assoziativen Vernetzungsstruktur des hysterischen
Denkens, der écriture automatique und des Hypertextes
liegen. Schließlich entführt Friedrich Kittler
unter dem Titel "Wenn das Bit Fleisch wird" in die
Festkörperphysik, in die Welt der Leiterplatten und
Siliziumchips. Er umreißt die "digitale Evolution" und
verweist auf den Trend der Hardware, sich ihren Benutzern
immer mehr zu entziehen. Die Unergründlichkeit der
Computertechnologie gleiche diese dem großen
Rätsel Leben an, weswegen Kittler recht eigenwillig von
einer "Fleischwerdung" spricht, ohne auf Biochips oder
neuronale Netzwerke abheben zu müssen. Im zweiten Teil werden unter
den Leitmetaphern des Computers - Speichern, Verarbeiten und
Löschen von Daten - veränderte Konzeptionen von
Körperlichkeit, Identität und Wahrnehmung in der
Hyperkultur reflektiert. Ort der fiktionalen Umsetzung
hyperkultureller Prozesse und Spekulationen ist die
Cyberpunk-Literatur, Ausgangspunkt der Überlegungen
also der konkrete Text. Nach Ruth Mayers Einführung und
Begriffsbestimmung zum Genre Cyberpunk behandelt Olliver
Dyens das Dialogverhältniß zwischen Mensch und
Maschine und spricht von der gegenseitigen Befruchtung durch
das Mem (Gedankenvirus), wobei der menschliche Körper
(als Eizelle) vom Cyberspace (als Samen) befruchtet werde.
Ein gedankliches Abenteuer, das der kanadische
Romanistik-Professor ernster meint, als deutsche Leser
erwarten mögen, und das zudem in der Cyborgisierung des
Menschen eine faszinierende Transformation statt einer
beängstigenden Technologisierung des Biologischen
sieht. Jon-K Adams untersucht das
Strukturprinzip und die Ästhetik von Gibsons Roman
Neuromancer (Bibel und Urtext des Cyberpunks), Martin
Klepper sieht mit Rekurs auf Wolfgang Isers
Überlegungen zum Fiktiven und Imaginären in
Gibsons und Piercys Romanen die Inszenierung der Fiktion in
der Fiktion, was dem Rezipienten die Reflexion über die
Fiktionalität des computergenerierten Raumes im Text
eröffne. Ruth Mayer begreift den Cyberpunk-Roman als
Sinnfindungs- und Synthetisierungsmedium "angesichts einer
dezentralisierten und undurchschaubar komplexen postmodernen
Wirlichkeitsordnung" (173), wobei im Gegensatz zu der von
Adams und Klepper behaupteten Metafiktionalität der
Cyberpunk-Literatur der Anspruch auf Unmittelbarkeit
festgestellt wird. Istvan Csicsery-Ronay
entdeckt einen pragmatischen Zug in der
Science-Fiktion-Literatur und schreibt dieser die Aufgabe
der Initiation in sich verändernde Realitäten
sowie einer quasi-religiösen Sinnstiftung zu. Die
gewöhnlich als Unterhaltungsliteratur diskreditierte
Science-Fiktion avanciert somit zur Avantgarde einer
kulturellen Umorientierung, woran der Schriftsteller der
Hyperkultur und Leiter eines elektronischen Verlages im
Internet Mark Amerika anschließt, wenn er in der
Avant-Pop-Bewegung den Brückenschlag zwischen
Hochkultur und Populärkultur
annonciert. Nach den Überlegungen
und Denkabenteuern, die dieses Buch ausbreitet, hat man den
Eindruck, daß in der Cyberpunk-Literatur die ironische
Hilf- und Visionslosigkeit der Postmoderne verabschiedet
wird zugunsten einer auf den Computer abhebenden
Zukunftsvision. Diese ist in mancher Hinsicht anziehend, in
mancher Hinsicht abschreckend, immer jedoch ist sie hoch
spannend und fordert zu Diskussion heraus. Den Rahmen dieser
Diskussion vor Augen zu führen, ist das Verdienst
dieses Sammelbandes. Die Autoren, zumeist noch recht jung,
gehen sehr engagiert zu Werke. Vielleicht benutzen sie dabei
ein bißchen zu oft attraktive, aber das
Verständnis nicht eben fördernde Wörter.
Vielleicht streben sie etwas übertrieben nach
theoretischer Aufrüstung, als wäre der Laie (und
das ist in diesem Falle auch leicht der
Literaturwissenschaftler) nicht auch so schon beeindruckt
genug. Der Rezipient, der die Einladung zur Lektüre
nicht ausschlagen will, sollte jedenfalls zwei Dinge
mitbringen: die Bereitschaft, sich ernsthaft auf scheinbar
Abwegiges einzulassen, und die Fähigkeit, gelassen
abzuwinken, wenn der Pfad denn einmal zu sehr im Abseits
liegt. *Die
Rezension erschien zuvor in: Jahrbuch für
Internationale Germanistik 29/2 (1997), S.
245-249 |