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Kunst, Künstlichkeit und Kommunikationsmedien hg. v. Eckard Hammel, Essen: Die Blaue Eule 1996 (215 Seiten, 38,- DM) Rezension* von Roberto Simanowski Synthetische Welten ist ein
Titel, der vieles umfassen kann: mediale,
künstlerische, künstliche Welten und - da alle
Wahrnehmung auf Konstruktion beruht, "alle Welten", wie
Wolfgang Welsch zuspitzt, "im Grunde künstliche Welten
[sind]" (162) - selbst natürliche. Eine idealer
Dachbegriff also für einen Vortragsband. Gerade
deswegen aber auch ein recht hinterhältiger, der
schnell den zweiten Teil seiner Bedeutung, die
künstliche Einheit, ins Zentrum treten läßt.
Dies geschieht zumindest, wenn man sich nicht bemüht,
den so offenkundigen Zusammenhalt der Teile explizit zu
machen. Von einer solchen Anstrengung kann allerdings keine
Rede sein angesichts des kurzen Vorworts, das als
Verbindungsglied nur eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel
Kunst und Kommunikationsmedien nennt. Auf dieser haben die
Autoren der neun Beiträge das Thema aus der Perspektive
ihres jeweiligen Schwerpunktes dargestellt; zwei
Gespräche mit Jean Baudrillard und Oswald Wiener, den
"Pionieren der gegenwärtigen Diskussion über die
Neuen Medien" (7), wurden hinzugesetzt - fertig war ein
weiterer Band zu einem Top-Thema der Gegenwart.
Wenn der Zusammenhang nicht
überzeugt, kann man noch immer die Vielfalt des
Versammelten genießen. Das fällt jedoch schwer,
wenn der Einzelbeitrag sich als verkleinerte Kopie des
Ganzen erweist, wie Norbert Bolz' "Ästhetik als neue
Leitwissenschaft. Kommunikationsdesign und neue Medien".
Dieser Text, der der Ästhetik die
Schlüsselstellung in der gegenwärtigen
Wissenschaft zuschreibt, weil sie nicht nur eine Theorie der
schönen Künste, sondern die Lehre von der
Wahrnehmung ist, spricht zu vieles zu kurz an und hat es
allzuoft weniger auf eine klare Gedankenführung
abgesehen als auf griffige Formulierungen. Einige davon
bleiben ohne Erklärung - inwiefern z. B. ist die Kunst
"heute nicht mehr das schlechte Gewissen der modernen
Gesellschaft, sondern ihr Frühwarnsystem" (13) -,
andere laden zu weiteren Überlegungen ein: die
Häuserfassaden von Las Vegas und Tokyo als
"Bildschirmarchitektur", die "Feedbackarchitektur" der
kybernetischen Stadt (18). Eckhard Hammels und Gerhard
Redas "Guts & Cuts 4 Thrill Kill Cult. Über
Splatter Movies, Serial Killers und das Problem filmischer
Authentizität" vergißt vor lauter Freude am
Nacherzählen grusliger Filme den zweiten Teil seines
Untertitels. Der Text ist ein spezifischer Filmführer,
der nicht nur erklärtermaßen die doch spannende
semantische Differenz zwischen "echt" und "gestellt" gar
nicht erst diskutieren will, sondern auch die mitgelieferten
Ausgangspunkte für eine Theoretisierung der Lust am
Horror (wie die wollüstig applaudierenden und
kreischenden Zuschauer einer äußerst grausamen
Hinrichtung von 1757) ungenutzt läßt. Die
abschließende Pointe, das Furchtbarste für die
Horror-Fangemeinde sei die Zensur, das "Zerstückeln"
wehrloser Filme, kann dafür nicht lang genug
entschädigen. Rudolf Heinz hat es mit
"Video-Kunst. Offener Brief an den Leser über Effekte
realisierter Phantasmen" auf Provokation angelegt. Sein Text
ist ungewöhnlich, aber auch gesucht kompliziert, wie
ein Beispiel schnell zeigt: "Selbst auch das visible Totum,
syn-chron er-sehen, so recht auf göttliche Art und
Weise, restiert außen vor und bildet, als unbegrenzte
Oberfläche, grenzziehend ein nicht minder
maß-loses Innen aus, so wie das Panorama-Kugelauge auf
der Gegenseite im Nichts seiner umhüllten
Interiorität rein nur außer-sich agiert." (49).
Wer diese Art mag, wird sie dem Autor als Auflockerung
danken, die anderen sollten indes keine Spielverderber sein
und alles als Spott auf die Textsorte wissenschaftliche
Abhandlung sehen. Ohne Ironie, aber mit um so
mehr Klarheit (und einigen Bildbeispielen) berichtet dagegen
Lutz Hieber über Künstlerinnen und Künstler
in politischen Bewegungen der Gegenwart. Er lenkt den Blick
auf so vernachlässigte Medien wie bedruckte T-Shirts,
Button, Aufkleber, Fotokopie und das 'Poster' für den
Privatgebrauch. An ihnen zeigt Hieber den politischen
Protest US-amerikanischer Aufklärungskampagnen
über AIDS sowie deren untergründigen Diskurs durch
die Implantierung entsprechender Symbole in der
Öffentlichkeit und (indem diese auf weit sichtbaren
Transparenten in Wahlveranstaltungen geschickt plaziert
werden) selbst in den öffentlichen Bildmedien. Da statt
der früheren Bibelsprüche heute die Kenntnis von
Werbeslogans zum grundlegenden Wissensbestand der
europäischen und nordamerikanischen Bevölkerung
gehört, wird das Paradigma der Werbeästhetik
aufgegriffen und in den Dienst des politischen Protestes
gestellt. Jochen Hörischs "Leser
oder Schnittstelle Mensch. Öffentlichkeit im
multimedialen Zeitalter" beginnt mit einem Schlagertext der
frühen 30er Jahre, der indirekt die kulturellen,
medialen und mentalen Veränderungen im Zeitalter
industrieller Massenkommunikation thematisiert. Hörisch
stellt die Epoche der Buchkultur als kurze Episode in der
Menscheitsgeschichte dar, als Ausnahmefall um 1800, dem bald
wieder die analphabetischen Medien den Rang abliefen:
Fotografie, Grammophon, Film, Tonband, Video. Die List der
Geschichte besteht nun darin, daß das Ende des Buches
nicht das der Schrift ist, denn diese hat in PC und Internet
durchaus ihren Platz, und zwar mit dem zweifelhaften Erfolg,
daß immer mehr Leser zu Autoren werden. Dietmar Kamper versucht in
"Je mehr Zufall, desto mehr Spiel. Ein Versuch über das
Kontingente" seinem Thema auch formal gerecht zu werden.
Obgleich manche Absätze aus nur vier Sätzen
bestehen - "Alle Symetrie ist zuletzt die von Innen und
Außen. Die aber stimmt nicht. Deshalb steigt der
Lärm an, je näher man kommt. Die Augenmacht endet
im weißen Rauschen, in der absoluten Information"
(114) -, fühlt der Leser sich vom Autor mitunter so
alleingelassen, daß Verstehen eine Frage des Zufalls
wird. Kohärenz dagegen bei Friedrich Kittler, der in
"Farben und/oder Maschinen denken" wieder viel
Mathematikgeschichte vorbringt, außerdem auf
Heideggers "blutiges Drama" (124) zwischen Geist und Natur
eingeht, die leider nicht ausgeführte These aufstellt,
daß oft Breakdowns, Fehler und Störungen, am
Anfang wissenschaftlich-technischer Entdeckungen stehen, und
mit der schönen Geschichte von der nutzlosesten
Maschine der Welt endet, an der man einem Schalter auf "ON"
oder "OFF" stellen kann, wobei in der "ON"-Stellung eine
künstliche Hand aus dem Maschinendeckel kommt, die den
Schalter wieder auf "OFF" legt. Mike Sandbotes Beitrag
"Mediale Zeiten. Zur Veränderung unserer Zeiterfahrung
durch die elektronischen Medien" bietet einen
systematisierenden Überblick über aktuelle
medienphilosophische Grundpositionen zum Thema Zeiterfahrung
und ihr Wandel. Dabei wird der informationstheoretische
Materialismus Virilios, Kittlers und Baudrillard ebenso
bündig erörtert wie der "medienphilosophische
Postmodernismus" Derridas und Lyotards, de Keckehoves
Zukunftseuphorie hinsichtlich eines radikalen Epochenwandels
in den Strukturen menschlicher Wahrnehmung (von der
visuellen Fixierung zu einem neuen "sensorischen
Vergnügen" durch künftige Cyberspace-Technologien)
und Rortys "kontingenztheoretischer Pragmatismus", ein
radikal 'zeitliches' Denken, das sich selbst als Produklt
von Zeit und Zufall begreift und jede Verehrung einer
"Quasi-Gottheit" ("unser Bewußtsein, unsere
Gemeinschaft") unterläßt (151). Ebenso instruktiv ist
Wolfgang Welschs "Künstliche Welten? Blicke auf
elektronische Welten, Normalwelten und künstlerische
Welten." Phänomenolgisch thematisiert Welsch einige
Charakteristika der medialen Welten und ihrer
Rückwirkung auf die Alltagswelt wie die
"Virtualisierung der Wirklichkeit" als Langzeiteffekt der
Rezeption von Wirklichkeit vor allem über die Medien.
Diesbezüglich übernimmt Cyberspace geradezu eine
aufklärerische Rolle, indem er den "grundsätzlich
konstruktivistischen Charakter von Wirklichkeit" (175) erst
bewußt macht und den leichtfertigen Glauben an die
'Realismus' der (elektronischen) Medien demontiert. Nach
Welsch führt diese Entwicklung im Zuge der Gegenwehr zu
"Revalidierungen": Lob der Langsamkeit, des Statischen,der
Einmaligkeit. Schließlich wird die Reaktion der Kunst
auf die elektronischen Medien in ihren zwei wesentlichen
Varianten beschrieben: dem "Überläufertum und
Beharren" bzw., aus der Perspektive der Gegenseite, der
"avancierten Kunst mittels elektronischer Medien oder
Pseudokunst nach gestriger Art" (181). Das angefügte
Gespräch zwischen Tom Lamberty, Kurt Leimer, Frank Wulf
und Jean Baudrillard über Elemente der Verführung
erörtert das Verschwinden des Menschengeschlechts durch
die Technologie und den Zusammenhang von Medien und
Verführung. Auf die Frage nach der Funktion des
Serienmörders, der die Medien verführe, ihn zum
Star ihrer Berichterstattung zu machen, und von diesen
gleichzeitig zu weiteren Morden verführt werde,
antwortet Baudrillard etwas heikel und selbst im Gestus der
Verführung: "der Serienkiller ist noch ein echter Held.
Er bringt noch etwas vom früheren Typus des
Mörders mit, der noch menschliche Züge trug,
während das System in seiner Banalität einfach
Vernichtung bringt. Durch einen anschaulichen Mörder
versuchen wir quasi die Vernichtung noch einmal zu
exorzisieren. Er ist ein Vertreter dieser Logik, ein Symbol
der Sehnsucht nach dem Tode anstelle von Vernichtung. Eine
Kompensation, bei der vielleicht auch ein
Opferungsprozeß stattfindet." (196) Oswald Wiener gesteht im
Gespräch mit Stan Lafleur "Über Kunst,
Selbstbeobachtung und Automatentheorie" zwar lapidar
über die "Wiener Gruppe": "Wir haben schon daran
gedacht, Leute umzubringen, als Kunstwerk oder so - wenn das
radikal ist. Aber es ist nicht geschehen." (202) Mit dem
Cyber-Space-Vorgriff in Wieners Roman "die verbesserung von
mitteleuropa" (1965), dessen Reflexion von Bewußtsein
und Kommunikation und Beschreibung eines Bio-Adapters zur
Ersetzung organismischer Funktionen durch maschinelle wird
letzlich der Anschluß ans Thema des vorliegenden
Bandes gefunden. *Die
Rezension erschien zuvor in: Das Argument. Zeitschrift
für Philosophie und Sozialwissenschaften 5/97, S.
725-728 |