Wenn IBM oder die
Saarländer Stadtwerke einen Literaturpreis vergeben,
ist das zweifellos zunächst einmal Imagewerbung. Das
gilt auch, wenn die gesuchte Literatur Bildanimationen oder
Tonelemente aufweisen und sich im Internet befinden soll.
Das Logo der Unternehmen steht so sicher unter dem Werk wie
in der Renaissance- und Barockmalerei der Geldgeber mit im
Bild war. Dies ist das eine Modell; das andere ist der freie
Markt. Es bleibe dahingestellt, ob das Mäzenatentum
(der Person oder Institution) oder das Gesetz des
Publikumsgeschmacks den Künstlern größere
Zwänge auferlegt. Es bleibe demzufolge auch
dahingestellt, ob Preise nach dem subjektiven Urteil einiger
Geschmacksträger oder nach der Objektivität von
Verkaufszahlen vergeben werden sollen. Im folgenden ist von
Preisen zu reden, die anders sind: ausgeschrieben und
vergeben von Privatpersonen, unterwürfig und
arm.
Das Phänomen ist
bekannt. Immer wieder trifft man auf Webseiten, die eine
Rubrik Preise haben, welche meistens Award
heißt. Dort versammeln die Besitzer die
Auszeichnungen, die sie für gutes Design und guten
Inhalt erhalten haben. An solche Preise kommt man mitunter
aus heiterem Himmel, wie die Begründungen zeigen: "Ich
habe mir Deine Seiten angeschaut und freue mich, Dir
mitteilen zu können, daß Du den CoolWebSite-Award
in Gold für Deine Homepage gewonnen hast. Gratulation!
Oliver Kuhlemann".
Der CoolWebSite-Award
geht in diesem Falle an die Website des Antiquariats
Martinaberg.
Martina Berg, die wiederum den Award Hammerstarke
Site vergibt, ist am 8. 10. 99 Besitzer von 73 (!)
Awards und kann uns somit als Extrem-Beispiel dienen. Ob sie
die Preise wirklich verdient hat, mag jeder selbst
prüfen, hier kann nur Auskunft gegeben werden, welcher
Art sie sind. Nehmen wir die letzten drei: Nr. 73 ist der
PSV Bad Ischl Award (Award der Hundeausbildung
Polizei SV Salzburg Bad Ischl), Nr. 72 heisst Martin's
Homepage-Award, als Nr. 71 findet man den DDR
Award von Marco Strauß.
Da die angegebene URL der
Bad Ischler Polizei nicht funktionierte, konnte diese Spur
nicht weiter verfolgt werden; es sei wenigstens der
hinterlassene Fußabdruck wiedergegeben.
Marcos
Website war
zugänglich, zum Unglück der Ausgezeichneten, wie
sich herausstellt. Denn dieser Awardverleiher dürfte
selbst nicht so schnell einen Award gewinnen mit seiner
Kinder-Ästhetik, die alle Buntstifte ausprobieren will
und ein Farbchaos erzeugt, das nur den Augen der Mutter
nicht weh tut. Auch der Inhalt dieser Webpage ist nicht
sonderlich attraktiv mit seinen Links zu
Countdown-2000-Zählern, mit der Wetter-Rubrik, den
Surf-Tips oder mit der DDR-Seite, auf der das alte Emblem
der Organisation der Jungpioniere und einige gebrochene
Links zu anderen Ostalgie-Objekten zu finden sind. Aber
Marco darf das. Sein Foto (er trägt einen "American
Bassball Champignships"- sweater) lässt keinen Zweifel,
dass es sich um einen recht jungen Internetfreund handelt,
der, trotz einer Hörbehinderung (wenn ich das dem
Gästebuch richtig entnommen habe), sich hier Gehör
verschafft.
Was gewinnt Martina Berg,
wenn sie sich von so unkompetenter Stelle auszeichnen
lässt? Und was verliert sie?! Schon die 'Laudatio' ist
peinlich: ""Du hast den DDR-Award gewonnen. In Deiner
Homepage war doch Interessantes drin!" Es ist ungefähr
so, als näme man einen Literaturpreis aus den
Händen von Analphabeten entgegen. Warum verdeckt
Martina mit diesem Award und anderen ähnlichen den des
italienischen SoundtrackKomponisten Ennio Morricone
(Nr. 61), dessen eigene Website
den wirklichen Fachmann verrät? Nun, vielleicht
wäre es unhöflich, den Preis, zumal eines
Minderjährigen, abzulehnen. Vielleicht ist Martina vor
lauter Sammelleidenschaft auch etwas kritiklos geworden.
Aber muss sie das Image ihres eigenen Awards aufs Spiel
setzen und nun ihrerseits Marcos Webpage als "Hammerstarke
Site" auszeichnet, mit immerhin 2 von 3 möglichen
Sternen?! Hatte sie nicht beteuert, dass sie ihren Award
nicht verschenke, sondern "recht hohe Ansprüche" habe?!
Hieß es nicht: "die üblichen privaten Homepages
mit den Themen 'Ich, meine Hobbys und ein paar Links' haben
absolut keine Chance"?! Ach was.
So kommt es raus: einer
steckt dem anderen einen Preis ans Revers, und dann zeigen
sie der Welt stolz ihre Jacken. Daran erstaunt nicht der
Nepotismus selbst, um einmal bei den Fremdwörtern zu
bleiben, sondern dass er so voraussetzungslos funktioniert.
Normalerweise schiebt man sich Geld, Pöstchen und
Preise zu, wenn man mit dem anderen durch Parteibande
verbunden ist, schon einmal zusammen Bier getrunken hat oder
aus dem gleichen Dorf kommt. Hier aber unterstützt man
sich ganz ohne Vorbedingung. Die neue Mafia ist
demokratisch: jeder kann Mitglied werden, der nur einen
Award erfindet. Und damit das einen offiziellen
Anstrich bekommt, kann man seinen Award auch eintragen
lassen; Martina ist zB. bei Osirus'
Award Index
eingetragen und bei Columbus
Online, die
übrigens keinen Preis vergeben, sondern, ganz objektiv,
die "besten 100 Seiten im WWW" nach Hits pro Tag ermitteln -
was der dollar-web.com den ersten Platz einbringt, gefolgt
von Sexseiten und Web-Portalen.
Die Selbstleugnung der
Ausgezeichneten ist jedoch steigerbar: es werden nicht nur
Preise aus unbefugter Hand entgegengenommen, man macht seine
Webpage auch zur Werbefläche, ohne einen einzigen
Pfennig Gegenleistung.
Nr.72 in Martinas
Award-Auflistung, Martin's Homepage-Award, führt
nach einigen Umlenkungen zu einer Webpage, auf der es nun
den ISM-Award
zu gewinnen gibt. Unter der Ausschreibung des Awards wird
zum Einsenden von Vorschlägen aufgefordert. Dass es
sich dabei um die eigene Website handeln wird, wird
unterstellt mit dem abschließenden Satz: "Jau
Ich möchte diesen AWARD haben!" Bemerkenswerter als die
vorausgesetzte Selbstnominierung ist jedoch die Art der
Formulierung. Sie erinnert an das fettgedruckte Ja! auf
Milch- und anderen Produkten, das uns oder unserem
Unbewussten ein Kaufinteresse einzureden versucht. Der
Imagewechsler des Award-Icons - "mach schon!" und "klick
mich hier" - verbleibt ganz in dieser Verkaufsrhetorik, mit
einigen Anspielungen auf das gehauchte "Ruf mich an!" der
Telefonsex-Werbung und auf das allseits bekannte "bestellen
Sie jetzt!"
Ironie? Nein. Es liegt
tatsächlich ein Verkaufsinteresse vor, das sich etwas
linkisch wirkungsvolle Suggestionsformeln ausborgt. Der
ISM-Award ist, unmittelbarer als IBM und die Saarländer
Stadtwerke dies je tun würden, Bestandteil der
Kundenwerbung. Der Preis soll, wie viele andere Awards auch,
als verlinktes Icon auf den Websites der Ausgezeichneten
Besucher auf die Website des Preisverleihers holen, um sie
zu Kunden zu machen. Dementsprechend steht in der Maske
für die Bewerbung auch die Zeile: "Sie haben noch einen
anderen Wunsch?", mit einer Textfläche versehen, in der
man die gewünschten Produkte dieser Firma (Beratung
beim Webdesign, Internetanschluss, Drucken von
Visitenkarten) eintragen kann. Das erinnert wiederum an die
üblichen Wurfsendungen: "Sie können an unserer
Preisverlosung teilnehmen, der Kauf eines unserer Produkte
ist nicht Bedingung, der Rechtsweg ist
ausgeschlossen."
Diese Award-Vergabe ist eine
raffinierte Methode, nicht nur Werbekosten zu sparen,
sondern dabei auch noch einen Ausflug in den
nichtkommerziellen Teil dieser Welt unternehmen und sich als
Kunstrichter fühlen zu können. Zugleich ist es
eine Entwertung der Wertung, was ja ohnenhin ein
Phänomen des Netzes darstellt. Jeder kann im Netz seine
Schubladengedichte veröffentlichen, jeder kann kommen
und sie auszeichnen. Der Mangel an Kompetenz spiegelt sich
dabei im Mangel an Begründung wieder: Kommentare wie
"Tolle Seite", "Hat mir sehr gefallen", "Ich komme bestimmt
wieder" sind zumeist alles, was man als Bemerkung zur
Preisvergabe erhält. Und da man über Geschmack
bekanntlich nicht streiten kann, sollte man auch gar nicht
mehr erwarten.
Rilke sagte einmal: Nicht
Grüßen genügt nicht, ich grüße
auch Leute nicht, die ich nicht kenne. Das klingt
unhöflich, bezeugt aber immerhin Ehrgefühl und
Differenzierungsvermögen. Das Netz zeigt diese Ehre,
was das Award-Rummel betrifft, nicht (oder wissen wir nur
nichts von den Tausenden, die einen Preis abgelehnt haben?).
Die Netzbewohner, so scheint es, bändeln an mit jedem,
fragen nicht nach Geschmack und Kompetenz, nehmen, was sie
kriegen können. Das trifft auch zu auf jene mit
Kompetenz und Geschmack, die entweder das Image des
angetragenen Preises nicht zu prüfen scheinen, indem
sie sich einmal anschauen, in welchen Reigen sie damit
treten, oder die einfach keinen Anstoß nehmen. Man
prostituiert sich bedenklenlos, macht sich, aus lauter
Narzismus, zu billigen Werbeflächen und
Referenzträgern für das Ego zweifelhafter
dritter. Prostitution verbindet.
Nun wird es aber
höchste Zeit, die Perspektive zu wechseln. Man kann das
Phänomen der Auszeichnungs-Vetternwirtschaft auch
anders sehen. Nämlich im Lichte der Neuen
Unübersichtlichkeit und im Sinne des
Spaßfaktors.
1. Mit der Verteilung von
Awards kann man sich als Mitglied einer Gruppe fühlen,
die einem ihre Aufmerksamkeit, ihre Anerkennung und ihre
Links nicht verwehrt. Dies ist ein Merkmal der virtuellen
Gemeinschaft, die wie alle imagined communities (seien sie
national, regional oder interessenspezifisch bestimmt) dem
Ich Halt im Wir gibt. Dieser Halt ist vielleicht nirgends
notwendiger als in der Wüste Internet. Das Netz ist so
unübersichtlich, wie die Welt mit der lokalen und
sozialen Mobilisierung im 18. Jahrhundert wurde, bevor sie
im Nationalismus neue Zugehörigkeiten suchte. Awards
sind eine Möglichkeit, sich einer neuen
Zugehörigkeit zu versichern, ohne auf den Nationalismus
zurückgreifen zu müssen. Eine lobenswerte Sache
also, wie man gerade heutzutage sagen muss. Wer einen Award
zu vergeben hat, erhält Aufmerksamkeit als Link
zurück. So zieht man allmählich seine Kreise, so
macht man sich langsam Freunde. Der Award-Reigen schafft ein
Netz des Wir, das man braucht, sei es, um etwas zu
verkaufen, oder sei es, weil man sich so verdammt allein
fühlt.
2. Man sollte von den Awards
also nicht das erwarten, was sie zwar zu versprechen
scheinen, wofür sie aber gar nicht geschaffen wurden.
Vielleicht ist ihre eigentliche Bestimmung ja das Spiel: das
Erfinden und An-den-'Mann'-Bringen von Papporden. Ein
Ausflug in die eigene Kindheit. Und wenn die Erwachsenen
dankbar die Preise von Jugendlichen in ihre "Ruhmeshalle",
wie Martina es nennt, einfügen, geht es vielleicht nur
um eine Entschuldigung, für einen Moment nicht an den
Verkauf antiquarischer Bücher denken zu müssen.
Andere suchen sich diese Pause vom Geschäft in
Computerspielen, was, wie man weiß, nicht gerade
kontaktintensiv ist. Wir aber, die wir auf das Phänomen
des Awardtransfers stoßen, sind eingeladen, wenn schon
nicht an ihm teilzunehmen, so doch wenigstens ihn mit der
gebotenen Ironie zu betrachten. Und während für
die einen gilt "Ich preise, also bin ich", mögen die
anderen sich immerhin als Publikum der Show begreifen und
als Besucher einer hoch interessanten Ausstellung, in der
jeder Award die Semantik seines Erfinders im Design
ergründen lässt.
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