Roberto
Simanowski Erklärte Intention ist
die "Geschichtsschreibung von unten": Das Projekt "soll
zeigen, daß es neben der großen Geschichte in
den Geschichtsbüchern auch die Geschichte der Menschen
gibt: Der erste Kuß, Schulabschluß, neu in der
großen Stadt, der Abschied - jeder von uns hat viele
Erinnerungen, schöne und traurige, die es wert sind,
festgehalten zu werden." Hier also sind die
Alltagserfahrungen eines Müllers einmal gefragter als
die Erinnerungen eines Politikers. Das Generationenprojekt
bietet als öffentlicher Ort all jenen Raum, die ihre
private Geschichte(n) aus dem Dunkel der Tagebücher
oder dem engeren Kreis der Verwandten, Bekannten emporheben
wollen. Gleichwohl ist Lieschen
Müllers erster Kuss nur insofern interessant, als er
sich irgendwie an die große Geschichte hängen
lässt. Hasecke wünscht sich eine "individuelle
Sicht auf ein großes oder kleines historisches
Ereignis", eine "persönliche Verstrickung in die
Geschehnisse", und gibt deswegen im Editorial die Stichworte
vor: "Wie war das noch? Damals als die Mauer gebaut wurde,
als der Minirock für Skandale sorgte, als die 68er auf
die Straße gingen, als die RAF die Bundesrepublik
terrorisierte, als Biermann ausgebürgert wurde, als
Tschernobyl explodierte, als die Mauer fiel, als ...
Schreiben Sie Ihre persönlichen Erinnerungen an
wichtige Ereignisse der letzten 50 Jahre auf und schicken
Sie sie ans GenerationenProjekt. Hier werden sie
veröffentlicht." Diese Einbettung
persönlicher Erinnerung in die Erinnerungen
herkömmlicher Geschichtsbücher zieht sich durch
das ganze Projekt. Hasecke zählt für jedes Jahr
einige relevante Ereignisse auf und liefert mitunter einen
kurzen Text zu wichtigen Ereignissen. Ein Verfahren, das als
Rahmensetzung nahe liegt, ein bisschen aber auch wie die
Absicherung gegen die Ungewissheiten wirkt, die aus der
Geschichte von unten entstehen mögen. Geschichte von unten bleibt
es freilich auch, wenn es sich nicht um den ersten Kuss mit
der ersten Liebe handelt, sondern tatsächlich um
individuelle Perspektiven auf Großereignisse wie
Stalins Tod, die Studentenrevolte, den Mauerbau oder die
Wiedervereinigung. Und die Anwesenheit der historischen
Eckdaten im Projekt verhilft der Geschichte von unten
eigentlich erst zu ihrem Recht, wenn sie entweder durch
persönliche Erlebnisse mit Leben gefüllt oder
durch ganz andere Erlebnisse einfach übergangen und
damit gleichsam in ihrer Bedeutsamkeit relativiert werden.

Geschichte von unten von oben
"Generationenprojekt.
Ein halbes Jahrhundert im
HYPERTEXT"
versammelt Texte zu jedem Jahr von 1950-1999. Die Autoren
dieser Texte sind all jene, die ihre Erinnerung in dieses
offene Schreibprojekt einbringen wollen und somit
gewissermaßen ein kollektives Gedächtnis
produzieren.

Das Jahr 1953 bietet
Beispiele für beide Varianten: der Beitrag "Wie ich
diese langen Strümpfe gehasst habe!" erwähnt
Stalin mit keine Silbe, der Beitrag "Ballspiele. Eine
Kindheit in Warschau", in dem Stalin als Denkmal den Ball
des dreijährigen Helden zurückwirft, wirkt wie der
Kommentar Betroffener auf die sachliche Mitteilung der
Verfolgung jüdischer Ärzte durch Stalin. Dem
historischen Gewicht des Jahres 1968 wiederum wird von unten
gegengehalten, wenn der allseits bekannte politische
Aktionismus plötzlich dem Neuigkeitswert einer AC/DC-LP
unterliegt oder wenn die pubertierenden Revolutionäre
sich ins Diskutieren flüchten, als eine Frau sie mit
der Bereitschaft konfrontiert, die Losung der freien Liebe
hier und jetzt zu praktizieren. Zum Stand der Dinge Ende
1999: Für jedes Jahr werden so viele Erinnerungen
aufgeführt, wie als Zusendungen eintreffen. Meistens
sind dies zwei oder drei, im Spitzenjahr 1968 vier.
Über große Strecken herrscht allerdings
Schweigen, so von 1954 bis 1965 und von 1978 bis 1985. Auch
die Zahl der beteiligten Autoren ist mit 19 noch recht
überschaubar. Beiträge aus dem Osten Deutschlands
scheint es nicht zu geben. Hat man dort weniger erlebt und
zu berichten? Wenn das so weitergeht, wird es noch eine
'Geschichte von west-unten'. Man wünscht dem Projekt,
im neuen Jahrtausend von den Wie-war-das-doch-damals-Fragen
zu profitieren, die solche Zeitenwenden im Gepäck
haben. Wer sich seinen Platz in der Geschichte von unten
sichern will, der zögere nicht länger! Ausführlicher zum
"Generationenprojekt" siehe die entsprechenden Abschnitte in
"Die
Ordnung des Erinnerns. Kollektives Gedächtnis und
digitale Präsentation"
in der Rubrik >Theorie<.
[Roberto Simanowski]
Ihr
Kommentar