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Kollektives Gedächtnis und digitale Präsentation In der Schrift sah Sokrates
nicht nur die Schwächung des Erinnerungsvermögen
voraus, er beklagte auch das Schweigen der Wörter
gegenüber den Fragen ihrer Rezipienten. Zwar
entwickelte sich aus eben dieser Trennung von Sprecher und
Rede die scientific community - mit Büchern als Fragen
und neuen Büchern als Antworten -, aber das Schweigen
hatte damit kein Ende, denn nun regelte die "Polizei des
Diskurses" die Erteilung der Sprecherlaubnis. Das Internet bricht mit dem
Schweigen in doppelter Weise: es minimiert die
Zugansbarrieren zur öffentlichen Rede auf ein
Taschengeld und auf Minimalkenntnisse der HTML-Edierung. Es
bedeutet zugleich eine Oralisierung der Schrift: in MUDs und
Chat-Groups, aber auch durch Foren und E-Mails, die die
unmittelbare Reaktion zum Regelfall machen. Genaue
Zugriffsstatistiken ermöglichen sogar den für die
mündliche Kommunikation so bezeichnenden 'Vorausblick'
auf die Adressaten. Ist das Internet eine Lösung jener
Probleme, die Sokrates mit dem Aufkommen der Schrift sah?
Ist es das neue kollektive Gedächtnis? Der Beitrag
geht, nach einer kurzen Erörterung des Zusammenhangs
von digitalen Technologien und Erinnern, dieser Frage anhand
zweier Internet-Projekte nach, die das kollektive Erinnern
zu ihrem Anliegen erklären. Das Internet ist
gekennzeichnet durch eine archivische Unter- wie
Überfunktion: Die Unzuverlässigkeit besteht in der
Manipulierbarkeit der gespeicherten Daten und in ihrer
Kurzlebigkeit (wegen der Kurzlebigkeit ihrer
Presentationstechnologien), die Überfunktion besteht in
der Übertreibung des Speicherns. Da Manipulierbarkeit
im Netz zum Standard gehört und die Gegen-Illusion der
ver- und besiegelten Nachricht fehlt, verschiebt sich das
Problem vom Datenträger zum
Datenempfänger, der aus der Haltung der
Konsumtion verbürgten Wissens in die Mündigkeit
des Zweifelns gestoßen wird. Die Kurzlebigkeit der
Technologien wirkt als Gegensteuerung zur archivischen
Überfunktion, insofern nur jene Daten erhalten bleiben,
die durch fortlaufende Aktivierung immer wieder in die
jeweils neueste Technologie umgeformt werden. Da die
fortlaufende Aktivierung der Daten zugleich Notwendigkeit
und Würdigkeite ihres Erinnerns belegen, liegt eine Art
'hypomnesischer Darwinismus' vor. Jan Ulrich Hasechkes
"Generationenprojekt. Ein halbes Jahrhundert im HYPERTEXT"
lädt seine Leser ein, ihre persönlichen
Erinnerungen zu den Jahren 1950-99 einzuschicken, und
intendiert erklärtermaßen eine "Geschichte von
unten". Da die historischen Großereignisse in Konzept
und Ausführung eine perspektivierende Rolle behalten
und es eigentlich mehr um die persönliche Verstrickung
in diese geht als um die ganz privaten Erlebnisse abseits
von den Eckdaten der Geschichtsbücher, entkommt diese
Geschichte von unten nicht der Geschichte von oben. Die
Beiträger, so scheint es, sollen sich als historisch
bewusste Wesen verhalten, die Geschichte aus einer
individuellen, vielleicht ein bisschen verqueren, sicher
auch ein bisschen falschen Perspektive erzählen
mögen, aber doch mit den richtigen
Stichwortern. Diese Vorgabe mag sinnvoll
sein, denn Lieschen Müllers erster Kuss ist dann doch
von recht begrenztem Interesse, es sei denn er findet auf
einer Demonstration im 68er Sommer statt oder auf der Mauer
im 89er November. Die Moderation wirft allerdings zugleich
Licht auf die Rolle des Projektleiters als 'Polizist des
Diskurses', der mit den gesetzten Teilnahmebedingungen
Sprecherlaubnis erteilt und verweigert. Dass dies durchaus
im Interesse der Qualität des Projekts geschieht,
für die einmal der Name des Projektleiters wird
bürgen müssen, ist die eine Seite der Medaille.
Die andere ist, dass die damit erstellte Geschichte von
unten zwar Ergebnis kollektiven Erinnerns ist, aber eben
eines Erinnerns, das am Projektleiter vorbei musste. Die
Repräsentanz kollektiver Schreibprojekte ist damit zu
relativieren: Insofern der Zugang für alle - der ja
erst den Anspruch auf Repräsentanz rechtfertigt - seine
Grenzen in den Intentionen des Projektleiters findet,
überlebt im Resultat des kollektiven Schreibvorgangs
ein Autor- und Werkaspekt, der durchaus individuell
benennbar ist. Guido Grigats Schreibprojekt
"23:40" - in dem es darum geht, die 1 440 Minuten eines
Tages mit Texten zu füllen - intendiert explizit,
kollektives Gedächtnis zu sein. Der Charakter des
Erinnerungsstoffes ist recht offen (Erinnerung an eine
bestimmte Minute, in dieser bestimmten Minute oder Erlebnis
in dieser Minute, die erst durch das Aufschreiben zum
Erinnerungsstoff wird), das Konzept der Präsentation
hingegen genau festgelegt: jeder Text ist nur in jener
Minute des Tages zugänglich, für die er
geschrieben wurde, und dann natürlich nur für
genau 60 Sekunden. Die Konsequenzen dieses
raffinierten Konzepts sind von geradezu philosophischer
Tiefe: Verweigerung der jederzeitigen Verfügbarkeit der
Texte; schriftliche Kommunikation zu den Bedingungen der
mündlichen (entgegen der üblichen
Situationsentbindung der Schrift in Raum und Zeit, kehrt ein
Verlautbarungsanlass der Gleichzeitigkeit zurück);
Verwandlung des Lesers zum Schreiber (allerdings unter den
Bedingungen verknappter Schreibplätze und einer
Anonymität, die der jeweiligen Minute als eigentlichem
Schreibanlass die Stelle des Autornamens einräumt);
Einheit von Erinnern und Vergessen (durch die Verknappung
der Schreibplätze geht das Projekt - denn als
vollendetes ist es nicht mehr Projekt - seinem Tod entgegen,
dem es nur durch ein inszeniertes 'Vergessen' entgehen kann,
etwa in Form des Palimpsests und vielleicht mit der Pointe,
dass es durch automatische Löschung der
Überschreibungen auf eine Leere zusteuert, die Zeichen
des nun nicht mehr als Schrift festgehaltenen
Erinnerungsstoffes ist). So klar und raffiniert das
Konzept auch ist, scheint es doch einige Inkonsequenzen
aufzuweisen. Dies betrifft neben der mangelnden Klärung
des Erinnerungsbegriffs auch die Semantisierung der Minuten
als (Re)Präsentationsort: die Möglichkeit der
Beiträger, die Präsentationszeit ihrer
eingesandten Texte selbst zu bestimmen, nimmt der Aura der
bestimmten Minute im Rezeptionsprozess die Aura der
vorangegangenen Handlung. Die 'schriftliche
Mündlichkeit' der kommunikativen Konstellation geht
dann verloren, die so faszinierende zeitversetze
Identität von Verlautbarungsanlass und Rezeptionsmoment
schwindet auf die trotzdem interessante, aber von Radio und
Fernsehen auch schon reichlich bekannte Identität von
Ausstrahlungs- und Rezeptionsmoment. Die abschließende
Erörterung nähert sich dem Leitgedanken dieser und
anderer Erinnerungsprojekte mit der Behauptung, dass es gar
nicht um das Erinnern gehe, sondern um das Vergessen. Die
Projekte produzieren weniger ein kollektives Gedächtnis
als ein Kollektiv der Beteiligten. Die im Erinnern
grundsätzlich wirkende Transzendierung der ephemeren
Verfassung des Menschen wirkt in den Schreibprojekten des
Internet, und zwar auch in jenen, die vorgeblich dem
späteren Erinnern dienen, v.a. durch die
Gemeinschaftlichkeit der Gegenwart. Der Prozess des
Schreibens ist Erinnern: der Gemeinschaft, der man
damit augenblicklich angehört. Er ist zugleich
Vergessen: der ephemeren Verfassung des Menschen und des
Horror vacui. |