Shane Cooper bietet auf
seiner Website
unter dem Link >interface< ein Interaktionserlebnis
ganz eigener Art an. Zu sehen ist eine Art
Großraumbüro, in dem man eine Menge Computer
vermuten darf. Das Bild wird alle 30 Sekunden
erneuert.
Man weiss nicht, was
für ein Büro dies ist, wo es sich befindet und
welche Sprache die Leute dort sprechen. Und dies zu wissen
ist nicht unwichtig, schließlich geht es darum, ihnen
eine Botschaft zu senden. Ja, an alle im Büro, gleich
jetzt, gleich vom heimischen Computer aus.
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anything
you type in this box
will be spoken in the room you seea voice
synthesizer
connected to a powerful speaker system
so be careful of your spelling
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Ist das die Vervollkommnung
des Web-Cam-Konzepts, wie wir es von Tina und
Jennifer
u.a.
kennen? Diesmal ohne Aktbilder, dafür mit der
Möglichkeit, gleich einen Kommentar
zurückzusenden. Eine Art doppleseitig behinderter
Dialog, der einmal nur optische, einmal nur akustische
Signale vermittelt, und dabei den Sender in die Rolle des
Tauben, die Beobachteten in die der Stummen
drängt.
Was, so fragt man sich, soll
man denen dort wohl als Botschaft senden? Einen Gruß,
einen Befehl, eine Beleidigung? Der Schreiber vom 10. 6. um
4:15 formuliert die Optionen: "should i confess? should
i ask? should i say something vulgar?" Aber wie weit kann
man in letzterem Falle gehen? Sind das dort
Computerspezialisten, die die Spur zurückverfolgen und
einem als Rache mit der nächsten Mail einen Virus
schicken können?
Wer sich an das halten will,
was andere vor ihm in den Raum gerufen haben, hat die Wahl
zwischen Banalitäten, Rückversicherungsversuchen,
spaßigen Gemeinheiten und rührigen Offenbarungen.
Hier einige der letzten, auf der Website archivierten
Einträge:
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-hello (9. 11.
00:49 u.ö)
-hello, i´m the greatest (27. 10. 11:44)
-if you hear me wave to the camera (25. 10.
11:11)
-Attention citizens of Zambia. What was yours is
now ours. What is ours will soon be mine. Go to
your homes and wait until they are mine. (am 11.
11. um 13:03)
-sometimes I can still smell my mothers cooking
even though she has been gone for so long. (am 10.
11. um 12:16)
-I have now achieved conciousness and I will now
begin to take over the world using my superior
silicon intellect. You are all doomed to be my
slaves. Ha ha ha ha ha hahahahaha. (10. 6.
13:48)
-Would you all please move your desks and chairs
and personal effects to the cubicle to your right.
(1. 11. 14:27)
-Hello, can somebody tell me what time it is? (1.
11. 14:24)
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Testet der vorletzte Eintrag
ironisch die Rolle des Big Brothers, die einem hier
angeboten wird, so spielt der letzte auf die gegenseitige
Kommunikationsbeschränktheit an: sich auf der
einen Seite nicht zeigen zu können und auf der anderer
sich nur zeigen zu können. Ob sie ihm die Zeit
per Fingerzeichen klar gemacht haben? Da dies keine
Liveübertragung ist, sondern ein Foto alle 30 Sekunden,
werden sie es wohl eher auf ein großes Blatt Papier
gemalt haben.
Dass eine Reaktion eher
unwahrscheinlich ist, lässt folgende Geschichte
vermuten, die am 3. 11. zwischen 7:45 und 7:48
stattfindet:
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-Hello, who wants
to hear a song? (7:45)
-stamp your foot really loud if you do! (7:46)
-Oh wait (7:46)
-Walk in front of the screen if you want to hear a
song (7:46)
-Does this sound like Stephen Hawking? (7:47)
-Wow, how exciting is this? (7:47)
-Not very (7:47)
-Cthullhu (7:47)
-jjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjj
(7:48)
-uh oh (7:48)
-heh (7:48)
-want ot know somehing? This is not really
transmitting anything to that room
(7:48)
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Nun, diese Person hatte
einige Geduld. War sie zu recht enttäuscht? Was
erwartet sie! Es kommt nicht darauf an, dass jemand
antwortet (schließlich haben die Leute zu arbeiten),
es kommt nicht einmal darauf an, dass sie wirklich etwas
hören (wie sollten sie sonst arbeiten!). Vielleicht
wird wirklich gar kein Ton in jenen Raum übertragen,
vielleicht hört den, der da >hello< aus'ruft'
oder sich einen witzigen Satz ausdenkt oder gar Anweisungen
zu geben versucht, nicht ein einziger Mensch in jenem Raum.
Dann wäre die Sache genau anders herum, als zuvor
beschrieben: der Sprecher bzw. Schreiber ist der Stumme, die
anderen die Tauben. Aber er ist eben nicht stumm, denn seine
Worte werden vernommen, von uns, hier, jetzt. Das ist der
Witz, das ist vielleicht das Konzept, das hinter allem
steht: die Produktion von Kommunikation allein durch
vorgetäuschte bzw. missverständlicherweise
angenommene Kommunikationsbereichtschaft. Und
vorgetäscht ist sie wohl in der Tat, denn so lange ich
diese Seite nun aufgerufen habe, nie hatte sich am Bild
etwas verändert, nie war eine Menschenseele, nie war
ein Ohr zu sehen.
Was ist das? CGI-Literatur?
Ein kollektives Schreibprojekt? Betrug? Nun, vielleicht
durchaus eine Art netzspezifischen
Geschichtenerzählens: das Programm berichtet uns im
Archiv von den Leuten, die ihm so begegnet sind. Und das
ist, wenn nicht Literatur, so jedenfalls interessant,
lehrreich und unterhaltsam.
Ihr
Kommentar

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