www.dichtung-digital.de/Simanowski/vorgestellt/13-Nov-99


Web Cam mit Rückkopplung
Stumme und Gehörlose

Roberto Simanowski

Shane Cooper bietet auf seiner Website unter dem Link >interface< ein Interaktionserlebnis ganz eigener Art an. Zu sehen ist eine Art Großraumbüro, in dem man eine Menge Computer vermuten darf. Das Bild wird alle 30 Sekunden erneuert.

Man weiss nicht, was für ein Büro dies ist, wo es sich befindet und welche Sprache die Leute dort sprechen. Und dies zu wissen ist nicht unwichtig, schließlich geht es darum, ihnen eine Botschaft zu senden. Ja, an alle im Büro, gleich jetzt, gleich vom heimischen Computer aus.

 

anything you type in this box
will be spoken in the room you seea voice synthesizer
connected to a powerful speaker system
so be careful of your spelling



Ist das die Vervollkommnung des Web-Cam-Konzepts, wie wir es von Tina und Jennifer u.a. kennen? Diesmal ohne Aktbilder, dafür mit der Möglichkeit, gleich einen Kommentar zurückzusenden. Eine Art doppleseitig behinderter Dialog, der einmal nur optische, einmal nur akustische Signale vermittelt, und dabei den Sender in die Rolle des Tauben, die Beobachteten in die der Stummen drängt.

Was, so fragt man sich, soll man denen dort wohl als Botschaft senden? Einen Gruß, einen Befehl, eine Beleidigung? Der Schreiber vom 10. 6. um 4:15 formuliert die Optionen: "should i confess? should i ask? should i say something vulgar?" Aber wie weit kann man in letzterem Falle gehen? Sind das dort Computerspezialisten, die die Spur zurückverfolgen und einem als Rache mit der nächsten Mail einen Virus schicken können?

Wer sich an das halten will, was andere vor ihm in den Raum gerufen haben, hat die Wahl zwischen Banalitäten, Rückversicherungsversuchen, spaßigen Gemeinheiten und rührigen Offenbarungen. Hier einige der letzten, auf der Website archivierten Einträge:

-hello (9. 11. 00:49 u.ö)
-hello, i´m the greatest (27. 10. 11:44)
-if you hear me wave to the camera (25. 10. 11:11)
-Attention citizens of Zambia. What was yours is now ours. What is ours will soon be mine. Go to your homes and wait until they are mine. (am 11. 11. um 13:03)
-sometimes I can still smell my mothers cooking even though she has been gone for so long. (am 10. 11. um 12:16)
-I have now achieved conciousness and I will now begin to take over the world using my superior silicon intellect. You are all doomed to be my slaves. Ha ha ha ha ha hahahahaha. (10. 6. 13:48)
-Would you all please move your desks and chairs and personal effects to the cubicle to your right. (1. 11. 14:27)
-Hello, can somebody tell me what time it is? (1. 11. 14:24)

Testet der vorletzte Eintrag ironisch die Rolle des Big Brothers, die einem hier angeboten wird, so spielt der letzte auf die gegenseitige Kommunikationsbeschränktheit an: sich auf der einen Seite nicht zeigen zu können und auf der anderer sich nur zeigen zu können. Ob sie ihm die Zeit per Fingerzeichen klar gemacht haben? Da dies keine Liveübertragung ist, sondern ein Foto alle 30 Sekunden, werden sie es wohl eher auf ein großes Blatt Papier gemalt haben.

Dass eine Reaktion eher unwahrscheinlich ist, lässt folgende Geschichte vermuten, die am 3. 11. zwischen 7:45 und 7:48 stattfindet:

-Hello, who wants to hear a song? (7:45)
-stamp your foot really loud if you do! (7:46)
-Oh wait (7:46)
-Walk in front of the screen if you want to hear a song (7:46)
-Does this sound like Stephen Hawking? (7:47)
-Wow, how exciting is this? (7:47)
-Not very (7:47)
-Cthullhu (7:47)
-jjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjjj (7:48)
-uh oh (7:48)
-heh (7:48)
-want ot know somehing? This is not really transmitting anything to that room (7:48)

Nun, diese Person hatte einige Geduld. War sie zu recht enttäuscht? Was erwartet sie! Es kommt nicht darauf an, dass jemand antwortet (schließlich haben die Leute zu arbeiten), es kommt nicht einmal darauf an, dass sie wirklich etwas hören (wie sollten sie sonst arbeiten!). Vielleicht wird wirklich gar kein Ton in jenen Raum übertragen, vielleicht hört den, der da >hello< aus'ruft' oder sich einen witzigen Satz ausdenkt oder gar Anweisungen zu geben versucht, nicht ein einziger Mensch in jenem Raum. Dann wäre die Sache genau anders herum, als zuvor beschrieben: der Sprecher bzw. Schreiber ist der Stumme, die anderen die Tauben. Aber er ist eben nicht stumm, denn seine Worte werden vernommen, von uns, hier, jetzt. Das ist der Witz, das ist vielleicht das Konzept, das hinter allem steht: die Produktion von Kommunikation allein durch vorgetäuschte bzw. missverständlicherweise angenommene Kommunikationsbereichtschaft. Und vorgetäscht ist sie wohl in der Tat, denn so lange ich diese Seite nun aufgerufen habe, nie hatte sich am Bild etwas verändert, nie war eine Menschenseele, nie war ein Ohr zu sehen.

Was ist das? CGI-Literatur? Ein kollektives Schreibprojekt? Betrug? Nun, vielleicht durchaus eine Art netzspezifischen Geschichtenerzählens: das Programm berichtet uns im Archiv von den Leuten, die ihm so begegnet sind. Und das ist, wenn nicht Literatur, so jedenfalls interessant, lehrreich und unterhaltsam.


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