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Freedom Bairds
"Mass Transit"

Roberto Simanowksi

Freedom Bairds Mass Transit, 1996 entstanden innerhalb eines electronic writing seminars von Janet Murray am MIT, zeigt, wie man einen Hypertext nach personalen, lokalen und zeitlichen Aspekten verlinkt und dabei eine recht kurzweilge Geschichte produziert. Die Splash-Site beschreibt lapidar die Situation: "A warm sunny Saturday in New York City in June of '96. The Metropolitan Transit Authority reports that all buses and trains are running on or close to schedule."

Mass Trans ist die Geschichte von sechs Personen, die an einem Junisamstagnachmittag 1996 zwischen 10 und 18 Uhr in Manhattan unterwegs sind: ein Busfahrer (Jason), der Probleme mit seinen Augen hat, ein Limousinenfahrer (Bruce), der einen Filmstar (Danny) zu einer Aufnahme bringt, ein high scholl Student (Charlie), der sein erstes Date hat, ein 12jähriges Mädchen (Delphine), das mit seiner Tante (Rita) zum Essen verabredet ist.
Eine Karte von Manhattan markiert das Feld, in dem die folgenden Ereignisse sich abspielen werden. Sie ist linkaktiv in verschiedener Hinsicht. Die Map Legend bietet zunächst Zugang zu den Steckbriefen der beteiligten Personen. Delphines, der zugleich einen Link zu Rita bereithält, sieht aus wie folgt:

Delphine Jones, a 12 year old girl from Washington Heights. Today she's being taken by her older cousin Rita to have lunch at Windows on the World atop the World trade center. The restaurant has a dress code, so she has to wear something appropriate. She has a 24 hour stomach flu.

Die Uhr ist verlinkt mit den zeitlichen Stationen der Geschichte.

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Von hier aus kann man direkt die entsprechenden Situationen aufrufen und jeweils zwischen diesen und den beteiligten Personen umschalten. Man kann aber auch erst einmal ganz konservativ chronologisch mit einer Person an ihrem Anfang beginnen. Dazu klickt man auf der Karte auf die den Personen farblich zugeordneten Quadrate, und erhält bei Rot zu Danny:

Hey. Check out that kid noticing me. Guess I'm not supposed to care about that crap, but sometimes it gets me up in the morning. Looks like a nice regular kid too. Be my lucky day when I can't stand that type-a thing anymore. "Lemme get a bagel-with-lox special with a plain black coffee. None-a that hazelnut crap. Yeah. Thanks a lot. And lemme get some-a these Baci's." I love these things. They got those dopey love fortunes. Mr. Zabar, you got good taste in chocolate. Guess I should be studyin' my lines. Hell, I can't do that here. Someone might notice. I'll go over 'em in the limo. Wonder if DeNiro is gonna be a bitch to work for. That's what everyone says. Maybe it'll help that him and me have some common ancestry. Heh. I gotta keep this Baci fortune: "In the eyes of love, scars look like dimples." Yeah. And I'm one big walkin' fuckin' dimple.

>Check out that kid< linkt zu Charlie, der Danny offenbar auf seinem Weg zu Bruces >limo< auffällt. Der Leser hat nun alternative Alternativen: sie kann zu Charlie wechseln oder zu Bruce oder einfach bei Danny bleiben, indem sie auf der Manhattan-Karte auf dessen nächste Station klickt, die inzwischen in der Karte erschienen ist, deren Uhrzeiger nun auch etwas vorgerückt sind. Auf diese Weise verfolgt man, horizontal oder vertikal, die verschiedenen Geschichten der verschiedenen Personen und lernt diese allmählich kennen: der Limo-Driver Bruce wird dem Schauspieler Danny von einem Filmscript erzählen, das im Handschuhfach liegt, Delphine hat ihre Gedanken zu Rita, Rita hat ihre zu Delphine, Charlie ist erfolgreich mit seinem Date, Jason, der Busfahrer, glaubt, blind zu werden, weil er Bruces Limousine nicht sieht und rammt, was wiederum wegen einer plötzlich eintretenden Sonnenfinsternis geschieht, von der Jason nichts wusste. Sicher, ein etwas unglaubwürdiger Aufhänger; immerhin bringt dieser Unfall alle Beteiligten zusammen, und darauf läuft diese Hypertext-Geschichte ja hinaus.

Mass Trans arbeitet offenbar mit Robert Altmanns Konzept der short cuts, nur können die hier vom Leser selbst vorgenommen werden. Die Texte zu den jeweiligen Erlebnissen der Personen bieten mit ihren Links zu den Erlebnissträngen der anderen Personen die Gelegenheit einer springenden Lektüre. Die Manhattan-Karte, die sich im Fortgang der Ereignisse bzw. Zeit verändert, bietet zudem immer auch die Möglichkeit, die Chronologie rückwärts und punktuell zu lesen. Wann immer man will, kann man zu einer der anderen Personen umschalten, an einem anderen Ort Manhattans sein. Um 6pm ist die Karte so komplett, wie die nebenstehende Grafik zeigt.

Der Reiz dieses Werks besteht in eben dieser Möglichkeit des Umschaltens bzw. darin, das Geschichtengeflecht auf verschiedene Weisen, punktuell oder chronologisch, orts- oder personenengebunden, lesen zu können. In dem Fall, da zwei Personen der Geschichte unmittelbar miteinander zu tun haben, führt dies zum reizvollen, wenn auch nicht neuen Stilmittel des dialogischen Perspektivenwechsels. So wissen die Leser gleich, was der eine von den Dingen hält, die der andere äußert, z. B. wenn Rita schließlich auf Bruce trifft und sein "nice mouth" notiert, während jener ein "spark of recognition" in ihren Augen zu entdecken glaubt und es für möglich hält, jetzt doch nicht geradewegs nach Hause zu fahren. >spark< linkt übrigens zu Rita, >nice mouth< aber zu Charlie, der noch über seinen ersten Kuss mit seinem Date sinnt; diese Linklogik ist so plakativ wie zwingend, denn wohin sollte "nice mouth" sonst führen, und warum dann nicht zu den Küssen andere. - Check it out!


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