Das
Literatur-Café
und
blue
window hatten Anfang
November 1999 einen Internet-Literaturpreis zum Millennium
ausgeschrieben. Die Beiträge sollten das Thema -
Millennium und Jahr 2000 - literarisch aufgreifen und mit
den Mitteln des Netzes umsetzen. Denkbar waren HTML-Format
und Hypertexte, Flash- und Shockwave-Animationen, Film- und
Tondaten u.v.a.m., nur eben nicht das, was auch in
Papierform hätte erfolgen können. Genau hier liegt
- wie die Bekanntgabe der Ergebnisse am 6. 2. 2000 zeigt -
das Problem.
Die Entscheidung der Jury
war ein Eingeständnis: Aufgrund mangelnder
Qualität zeichnete sie keinen der eingesandten
Beiträge aus. In der Begründung heisst es:
Der in der
Ausschreibung verlangte Einsatz der "Möglichkeiten
des Internet" wird von den Beiträgen nur formal
durch die Verwendung entsprechender technischer Formate
erfüllt. Ein mediengerechter Einsatz in Verbindung
mit Literatur ist jedoch leider selten zu erkennen.
Hierzu zählen für die Jury insbesondere
Elemente der Kommunikation und Interaktion. Die meisten
eingereichten Texte sind linear und statisch aufgebaut.
Hierüber können auch rudimentäre
Verlinkungen und Animationen nicht hinwegtäuschen.
Die durchschnittliche literarische Qualität der
Arbeiten ist nicht sonderlich hoch, und auch hier werden
von vielen Beiträgen medienspezifische
Besonderheiten nicht berücksichtigt (z. B. die
Lesedauer am Bildschirm)
Diese Entscheidung rief
unter den Teilnehmern natürlich den Vorwurf der
Arroganz, gepaart mit Ignoranz, hervor. Verständlich
ist sie trotzdem angesichts der vorliegenden Beiträge;
schließlich haben die Jurymitglieder - Johannes Auer,
Prof. Dr. Reinhard Döhl, Wolfgang Tischer, Dr. Ansgar
Zerfaß - einen Ruf zu verlieren. Unsichere
literarische Versuche, philosophierende Text-Splitter
über die Zeit und gesammelte Aphorismen werden noch
nicht zu überzeugender Netzliteratur, nur weil sie in
farbiger Schrift präsentiert sind oder mit Links zum
Weiterblättern. Auch eine aufwendige Java- und
Shockwave-Ummäntelung ändert daran nicht viel.
Da blue window die
ausgeschriebenen Preise (PC, ISDN-Karte für 6 Monate
zum Nulltarif, Jahresabonnements der Zeitung "Die Woche")
irgendwie doch vergeben wollte, wurde der
Beitrag
"The
Web Side Stories"
der Basler Minerva Sekundarschule mit einer lobenden
Anerkennung ausgezeichnet. Unter dem Titel "gelungene
technische Umsetzung, Interaktivität und mediengerechte
Gestaltung" gab es schliesslich sogar Besetzungen für
die zweiten und dritten Preise, eine Entscheidung, die von
der Jury ausdrücklich nicht mitgetragen wird.
Der Wettbewerb und vor allem
sein Ausgang hat, das zeigt die
Forum-Diskussion,
viel böses Blut geschaffen. Vor allem hat er wieder
einmal die Frage aufgeworfen, was denn Internetliteratur nun
eigentlich sei und wie sie auszusehen habe. Wer diese Frage
beantworten könnte! Und auch noch begründen! Der
hätte wohl selbst einen Preis verdient.
Der Kommentar der Jury ebnet
diesbezüglich durchaus den Weg zu einigen
Missverständnissen, wenn als "mediengerechter Einsatz
in Verbindung mit Literatur [...] insbesondere
Elemente der Kommunikation und Interaktion" gesehen werden
(Wofgang Tischer wiederholt diese Fokussierung in seinem
Forum-Beitrag am 17. 2. noch einmal mit der Akzentuierung
von Kommunikation, Interaktion und zeitnaher Reaktion). Es
ist zwar richtig, dass das Internet sich von den anderen
digitalen Medien durch die Vernetzung unterscheidet und
somit gerade Aspekte der Kommunikation und Interaktion
wichtig werden. Aber warum will man eigentlich die digitale
Ästhetik auf ihre soziale Komponente beschränken?
Warum sollte man jene Merkmale, die nicht netzspezifisch
sind, weil sie auch auf CD-ROM funktionieren -
Multimedialität, Animation, Vorprogrammierung des
Rezeptionsablaufs -, ausblenden? Nur weil der Wettbewerb
selbst sich des Netzes als Organisationsform bedient und
weil "Wettbewerb der CD-ROM-Literatur" sich nicht so gut
anhört (und v.a. das medienträchtige
Schlüsselwort Internet entbehrt)?
Das wäre keine
Begründung und würde zudem nicht dem Umstand
gerecht, dass das Netz aufgrund verbesserter
Übertragungstechniken inzwischen alle
ästhetischen Potentiale der anderen digitalen
Speichermedien aufweist und durch die zunehmende
Popularität des WWW jene anderen Speichermedien als
Präsentationsorte verdrängen wird. Damit wird denn
auch die begriffliche Unterscheidung zwischen einer
Literatur des Netzes und einer Literatur der anderen
digitalen Medien recht fraglich. - Die Ausschreibung selbst
enthielt diese Einschränkung übrigens nicht. Sie
orientierte zwar auf die "Mittel des Netzes",
aufgezählt wurden dann aber die Mittel der digitalen
Medien insgesamt: Hypertext, Flash- und
Shockwave-Animationen, Film- und Tondaten.
Man sollte solche
Wettbewerbe also in ihrer Ausrichtung offen genug halten.
Der Vernetzungsaspekt sollte als ein Merkmal
digitaler Literatur gesehen werden. Aber Interaktion ist
unter dieser Voraussetzung sowenig unerlässliche
Bedingung einer Literatur, die sich der digitalen Medien
bedient, wie etwa Nichtlinearität. Die einzige
Bedingung für Beiträge eines Wettbewerbs der
Netzliteratur sollte die Notwendigkeit digitaler
Existenz sein - und das kann ganz verschiedene
Erscheinungsformen haben. Eine normale lineare Geschichte,
die ihre Bedeutung aus der Programmierung des zeitlichen
Ablaufs ihrer Bestandteile gewinnt (wie die
"Schaufensterpuppe"
in "Trost der Bilder") erfüllt diese Bedingung ebenso
wie ein kollektives Schreibprojekt, das auf Interaktion mit
den Lesern angelegt ist.
Andererseits hat freilich
auch der Multimedia-Ansatz seine
Fallen. FreedomMan,
ein Teilnehmer am Wettbewerb, verweist im Forum z.B. darauf,
dass er die "Mindestanforderung" (HTML-Format) in seinem
Beitrag
übererfüllt hat mit dem Einsatz auch einer Sound-
und einer Image-Datei: "Weiterhin wurde der Beitrag mit
Musik untermalt, und zwar einer recht passenden, wie ich
meine, nämlich 'Child in Time' von Deep Purple, passend
nicht nur hinsichtlich des Titels, sondern auch der
besonderen Stimmung, die sie erzeugt. [...] Und
schließlich wurde ein Foto eingebunden, ein ebenfalls
recht treffendes, wie ich meine, zeigt es zum Beitrag
'Jetztlos' [...] doch eine Zeitlose."
Hier beginnt wohl das
Missverständnis der Multimedialität. Wenn die
audio-visuellen Elemente nur der Untermalung dienen, wenn
die Aussage des Textes in der Sprache des anderen Mediums
jeweils nur wiederholt oder variiert wird, handelt es sich
zumeist nur um die multimediale 'Aufrüstung' eines
traditionellen Textes, die nicht mehr als intermediale
Redundanz erzeugt. Ist das Bild dagegen als
Bedeutungsträger fest in den Text integriert oder
transportiert es gar die eigentliche Aussage, kann man schon
eher von einer notwendigen Multimedialität sprechen,
ohne die der Text verlieren würde. Wie der feine
Unterschied konkret aussieht, ist schwer festzulegen.
Vielleicht kann die Diskussion der Beispiele sowohl
überflüssiger
wie gelungener (
"Schaufensterpuppe"
und
"Selbstmörder")
Multimedialität in "Trost der Bilder" Aufschluss
geben.
Was heisst das alles nun
für die Zukunft?
Wolfgang Tischer fragt
sich nach Abschluss des Wettbewerbs am 24. 2. in der
Maililngliste Netzliteratur.de, ob solche Wettbewerbe
überhaupt noch Sinn machen und schlägt für
künftige Veranstaltungen dieser Art gezielte
Nominierungen statt Ausschreibungen vor, um gleich all jene
Beiträge auszuschließen, die nur deswegen an
Wettbewerben zur Internet-Literatur teilnehmen, weil sie im
Printbereich "aufgrund der literarischen Qualität
niemals Chancen hätten".
Eine zweite Einsicht ist,
dass man sich bei der Ausschreibung vielleicht nicht immer
so sehr auf die Literatur beziehen sollte: "So bekommt man
fast nur die oben erwähnte Printliteratur ins Netz.
Kaum einer der 'Literaten' holt sich zu einem
Gemeinschaftsprojekt einen Internet-Fachmann oder Designer
dazu. Vielleicht sollte man also diese Wettbewerbe mal in
Umgebungen ausschreiben, in denen eher die
Internet-Programmierer und Desigern sitzen, die sich
vielleicht einen kompetenten Literaten an ihre Seite holen."
Diese Überlegung wird
von Andreas Kneib (ebd., 24. 2.) mit der eingängigen
Losung begrüßt: Netzliteratur dürfe
nicht ins Netz HINEIN produziert werden (was zumeist auf das
Netz als Distributionsmittel zielt), sondern müsse aus
dem Netz HERAUS geschaffen werden (also mit den Mitteln und
Möglichkeiten des Netzes). Von anderen Mitgleidern der
Mailingliste wird die vorgeschlagene Ehe von Literaten und
Programmierern abgelehnt. "Aus geplanter Zusammenarbeit von
Teams mit unterschiedlichen Kompetenzen entstehen
kommerzielle und andere Projekte - aber nicht
Netzliteratur", fürchtet z.B. Claudia Klinger (24. 2.).
Man kann die Sache auch pragmatischer angehen, etwa wie bei
der Produktion von Filmen: der eine liefert das Script,
die anderen spielen es, eine andere weiss, wie man die
Kamera führt usw. Vielleicht ist das ja auch schon ein
genuines Merkmal von Netz- bzw. digitaler Literatur: dass
man sie nicht mehr allein machen kann.
Das Problem dieser
Wettbewerbe ist doppelter Art: Neben mangelhafter
Umsetzung medienspezifischer Eigenschaften gibt es einen
Mangel in der literarischen
Basisarbeit. Ein
Beiträger im Forum ruft enttäuscht aus:
"Internetliteratur? Netzliteratur? Schall und Rauch! Es gibt
sie nicht", und entschließt sich, lieber wieder den
Füller in die Hand zu nehmen. Ist die Netzliteratur in
der Krise? Müssen wir endlich die Hoffnung aufgeben,
dass sie einmal zu sich selbst finden und überzeugende
Werke hervorbringen wird? Der Anfangsjahre gab es ja nun
genug! ...
Vielleicht ist es noch zu
früh zum Verzweifeln. Zum Feiern gibt es jedenfalls
keinen Grund.
Denker schreibt am 11.
2. 2000 im Forum zum Wettbewerb: "Einigen der Teilnehmer die
sich wie ich in diesen Wettbewerb eingebracht haben und
keine lobende Anerkennung erringen konnten, möchte ich
an dieser Stelle meine lobende Anerkennung zollen und sie
bitten, sich das (nicht ganz so offensichtlich vorhandene)
Urteil der Jury und die Passage über die literarische
Qualität nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen." Man
möchte auf das Gegenteil drängen. Dabei sein ist
eben nicht alles. Und irgendwann sollte es sich auch
herumgesprochen haben, dass es sich einfach nicht
gehört, bei einem Wettbewerb all jene Werke
einzusenden, die man eher bei Wettbewerben für
traditionelle Literatur unterbringen sollte oder auch
nicht.
Ihr
Kommentar

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