Hypermedien
nähern sich strukturell der analogen
Medienrealität an, indem sie diese mimetisch
verdoppeln, also zu einem Medium der Mediensimulation
werden. Dies erklärt die Gemeinsamkeiten zu vertrauten
Medien. Funktional ergeben sich aber offensichtlich
Verschiebungen. So wird die auf der Basis technikbedingter
Linearität ästhetisch vorangetriebene Offenheit
moderner bzw. postmoderner Texte im Hypertext zur zweiten
Natur trivialisiert - welche Funktionen füllen das
dadurch entstandene Vakuum? Dieser Frage möchte ich an
einem Beispiel der experimentellen Literatur aus den USA,
Mark Amerikas
Grammatron,
nachgehen. Mark Amerika, Herausgeber von Alt-X
,
ist ein bekannter Vertreter der Hypertextliteratur, der
Theorie des Hypertextes mit künstlerischer Praxis
verbindet. In Grammatron entwickelt er eine Art
Leseanweisung für die neuen Funktionen von
Narrativität in den Hypermedien.
Avantgarde
Zuvor will ich auf einen
wesentlichen Unterschied der Entwicklung in Europa und den
USA eingehen. Die Unterschiedlichkeit der Positionen in den
USA und in Europa liegt in der Verschiedenheit der
Entwicklung der Avantgarde nach dem zweiten Weltkrieg in
Frankreich und England/Amerika begründet sowie
verschiedenen Konzepten, wie Literatur in einem virtuellen
Raum weiterentwickelt werden kann.
Die
Gruppe
Oulipo hat in Europa einen großen Einfluß
ausgeübt. Oulipo umfaßt eine Reihe
französischer und italienischer Schriftsteller in der
Nachfolge der Dadaisten und Surrealisten. Informationen zu
den Gründern und Mitgliedern der Gruppe sowie das
Programm von Oulipo findet man hier:
Unterschiedliche zentrale Konzepte des Dadaismus und
Surrealismus und ihre Weiterführung werden benutzt und
diskutiert: das Palimpsest einerseits (
Ambroise
Barras schuf auf der Grundlage von Michel Butors
Materiel pour un Don Juan eine digitale Version) und
das automatische Schreiben, "écriture automatique",
andererseits (die
Weiterführung
dieses Konzepts findet sich in vielen Versuchen,
Textgeneratoren zu programmieren).
In den USA wird der
Hypertextbegriff aus der Literaturtheorie heraus entwickelt
und nicht zufällig sind häufig Theoretiker und
Schriftsteller in einer Person zu finden oder aber
Schriftsteller gehen aus theoretischen Hypertext-Schulen
hervor. Ausgehend von der Definition
Landows,
die Intertextualität und Linking von Texteinheiten
fokussiert, entwickeln literarische Beispiele aus den USA
entlang des vorgegebenen Designs Texte, die sich ein
Rezipient durch Aktivieren von individuell gewählten
Links erschließt. Das bedeutet, daß entlang der
Programmierung und Festlegung von Links dem Leser eine
relative Freiheit in der Auswahl und Rezeption des
Gesamttextes gelassen wird. Interaktivität ist hier das
Stichwort. Durch individuelle Auswahl innerhalb des
vorgegebenen Rahmens wird ein je anderer Text
rezipiert und dadurch die Rolle eines Lesers als Ko-Autor
diskutiert.
Grammatron: A
writing machine
Eine regelrechte Anleitung
zum Umgang mit der neuen Funktion des Lesers als Ko-Autor,
wurde von Mark Amerika, einem Vertreter des Avant-Pop, in
seinem aktuellen
Projekt
Grammatron entwickelt. Grammatron setzt sich aus vier Ebenen
zusammen, die von einem theoretischen Teil
Hypertextual
Consciousness begleitet werden. Dem Leser ist die
Auswahl überlassen, ob er mit Interfacing oder
Abe Golam, dem zweiten Teil, beginnt.
Die Eingangsebene
Grammatrons - Interfacing - besteht aus
programmiertem Text, der in Lesegeschwindigkeit automatisch
fortläuft. Es handelt sich also nicht um
Hypertext im engeren Sinne, sondern um generierten
Text oder, in Mark Amerikas Worten, um eine "writing
machine". Dieser Begriff erinnert an das surrealistische
Konzept der écriture automatique. So
beginnt Interface folgerichtig mit den Worten:
"Écriture. A creation ... I am a writing machine".
Begleitet wird dieser erste Teil Grammatrons von
psychedelischer Musik und gesprochenen aber verfremdeten
Textpassagen. Der Text wird ein zweites Mal wiederholt, nun
aber von statischen und animierten Bildern begleitet.
Amerika vergleicht diese "writing machine" mit Büchern
in seinem Hypertextual Consciousness:
|
"Books
are dissemination-machines, even when they
challenge their own status as books. They
distribute networked meaning to those who navigate
within their spatial domain. Their mere physicality
gives them relevance in a world ordered by material
obsession (capital formation) --- they can serve as
"smart-machines" the same way we think of
"smart-cards" that carry digicash information on
their sliding strips. The thing we're holding in
our hand has value as thing-in-itself. This
thing-in-itself is what the value-added networks of
meaning (real & potential) are forever hoping
to distribute within the virtual world so as to
create "smart-money" that works and enables the
network to survive. "Next slide
please..."
|
Die ironische Anweisung
"Next slide please...", ist als Link markiert und folgt der
Beschreibung der Funktion von Büchern. Diese Markierung
als Link lenkt zugleich unsere Aufmerksamkeit auf das Medium
Hypertext und zu der Nähe dieses textuellen
Mediums zu mündlicher Kommunikation und den visuellen
Medien wie z.B. Film oder TV.
Der Leser hat in
Interface nur zwei Möglichkeiten: weiterlesen
und zuhören und somit sich dieser vorgegebenen
Linearität des Textes hingeben oder aber abbrechen und
nicht erfahren, wie es weitergeht. Weiterlesen und Abwarten
erfordert einen Rezipienten, der das Medium wie ein Buch zu
benutzen weiß und zugleich noch strenger an die
Linearität gebunden ist, als selbst das Buch dies
einfordert. Ein Überblättern einzelner Passagen
ist hier zum Beispiel nicht möglich, weshalb auch der
Vergleich zum Film naheliegt. Denn das Betrachten eines
Films impliziert dieselben binären Möglichkeiten:
zuschauen und zuhören oder den Film
verlassen.
Typisch für Hypertext
ist allerdings trotz der vor allem geschriebenen
Texte im Web ein Verhalten, wie wir es im Umgang mit
anderen visuellen Medien geübt haben: nämlich
zapping, channel switching. Das erzwungene Lesen führt
bei den meisten Rezipienten bereits an dieser Stelle zu
einem Abbruch der Lektüre, wie Mark Amerika nach einem
Versuch mit Studenten erkannte, und nicht wie erhofft zu
einem verstärkten Bewußtsein des eigenen
Mediengebrauchs und der daran geknüpften
Erwartungen.
Lesespiele
Der geduldige Leser wird
belohnt: Denn nach dem programmierten Text gelangen wir auf
eine zweite Ebene, den Hypertext, wie wir ihn schon
ursprünglich erwartet hatten, der uns alle
Möglichkeiten des zapping und channel switching,
nämlich das Klicken, überläßt
(
Abe
Golam oder Cyburbia USA). Nach einer stillen Lektüre,
die mit theoretischen Informationen zum Thema Lesen und
Schreiben angefüllt ist, folgt hier ein
selbstbestimmtes Lesen und Erforschen des Hypertextes: "And
what was 'movement' in this context?" ... [We]
"regain control over the movement of the letters, their
meaning strung together here in this electronic writing
space" (
).
Die Möglichkeit der Wahl verschiedener Lesepfade
führt zu unterschiedlichen textuellen Entwicklungen.
Dennoch ist auch hier die Auswahl und Kontrolle durch den
Leser immer wieder durch Textgeneratoren wie z.B. durch
Javascript Anwendungen unterbrochen. Wie
Hess-Lüttich
(1997: 75) treffend formuliert: "Die Spielregeln werden ihm
[dem Leser] dabei mit technischem Nachdruck ins
Bewußtsein gehoben".
Ein Beispiel ist diese
Site: