1.Medienwandel
Ein
Gespenst geht um in den Verlagen und
Bücherstuben der abendländischen Welt, es
ist das Gespenst der digitalen Literatur. Alle
Kräfte des traditionellen Literatursystems
haben sich zu einem heiligen Kampf gegen die Feinde
der Buchkultur verschworen oder sind dabei, sich
mit ihnen zu verbünden
Die Anspielung auf das Manifest der Kommunistischen
Partei mag völlig unangemessen wirken.
Denn man darf einen Technologie- und Medienwandel
nicht mit einer Ideologie verwechseln, jener wird
gerade wegen seiner Ideologieferne viel
erfolgreicher sein, als diese schließlich
war. Die Umwälzung der
Eigentumsverhältnisse findet unter der
Oberfläche des Computerbildschirms
täglich statt, und der entstandene
dot-Kommunismus hat nicht nur im Hinblick auf die
Musiktauschbörse Napster längst
die alte Frage aufkommen lassen, inwiefern sich
(intellektuelle) Anstrengung auszahlt, wenn
medienweit die Formel jedem nach seinen
Bedürfnissen statt jedem nach seinen
Leistungen gilt. Die Entwicklung der digitalen
Medien und die Etablierung des Internet als neues
Leitmedium haben die herrschenden Kulturformen
bereits grundlegend verändert und werden damit
auch in Zukunft fortfahren.
Ein Beispiel dafür ist die Briefkultur, die in der Email
einen Nachfolger gefunden hat, der sie zugleich bis
zur Unkenntlichkeit verwandelt: spontane, kurze
Reaktionen, durchsetzt mit Zitaten aus der
Eingangspost und Emoticons, die Ironie graphisch
anzeigen, statt sie zwischen den Zeilen wirken zu
lassen. Selten findet man die überlegte
Antwort, die aus der schließlich gefundenen
Mußestunde des Briefes resultiert und nicht
das Hier und Jetzt des Moments eingehender Post wie
einen Stempel trägt. Ein anderes Beispiel ist
der Chat, jene Online-Plaudergruppe, deren
geschriebene Echtzeitkommunikation eine Mischung
aus Briefschreiben und Telefonieren darstellt und
selbst mit dem Theater, da die
Vervielfältigung von Absender und
Empfänger und das übliche Rollenspiel dem
Ganzen den Charakter einer Performance geben.
Aber schon der nichtvernetzte, noch ganz auf das Wort
reduzierte Computer hat unsere Schriftkultur
verändert. Das Copy- und Paste-Verfahren
ermöglicht eine andere Textproduktion, als sie
das weiße Blatt Papier auf der Tischplatte
oder in der Schreibmaschine verlangt. Die
problemlose Korrektur, Umstellung und
Vervielfältigung von Textsegmenten
verführt zum spontanen Schreiben ohne
Konzeption, was den auf diese Weise entstandenen
Texten schließlich an Duktus und
Gesamtentwurf abzulesen sein mag und ihnen schon
die Bezeichnung fast-food prose
einhandelte (Sandberg-Diment, 124). Daß
selbst der Bildschirmrahmen als Begrenzung
der Übersicht des Ganzen Länge und
orthographische Richtigkeit der Texte
beeinflußt, haben Untersuchungen schon Ende
der 80er Jahre gezeigt (Hansen/Haas). Die
elektronische Sprache verändert den Umgang mit
Text, sie macht ihn beweglich, aber auch
flüchtig, entfernt ihn vom Konzept der
Kontemplation und Verläßlichkeit, den er
in der Buchkultur entwickelt hatte (Heim 1987).
Auch in sozialer, psychologischer und ökonomischer
Hinsicht bringt das Internet grundlegende
Veränderungen mit sich. Die Stichpunkte lauten
demokratische Zugangsbedingungen,
Identitätstourimus, Delokalisierung. Die
Voraussetzung gleicher Zugangsbedingungen ist
freilich nicht nachvollziehbar, wenn man in
Betracht zieht, daß nur die erste Welt und
selbst hier nicht jeder sich den Zugang zum Netz
leisten kann oder daß
Englischkompetenz sowie Tippschnelligkeit
wesentliche Parameter dieser Zugangsbedingungen
sind. Dies ändert jedoch nichts daran,
daß man in den technologisch entwickelteren
Ländern prinzipiell für relativ wenig
Geld an Universitäten und in
öffentlichen Bibliotheken auch kostenlos
die Möglichkeit hat, dieses Medium als
Ort der eigenen Präsentation und als
öffentliches Forum zu nutzen, ohne erst all
jene Beschränkungen überwinden zu
müssen, die in dieser Hinsicht traditionelle
Publikationsmedien wie Buch, Zeitung, Radio und
Fernsehen setzen. Einer der größten
Skandale in der amerikanischen
Präsidentengeschichte beruht auf dieser
Freiheit, denn die Information über Clintons
Affäre mit Monika Lewinsky wurde
ursprünglich von Matt Drudge in dessen
Online-Klatsch-Magazin veröffentlicht
(Shapiro, 133-141).
Dieses Ereignis steht zugleich für die
Disintermediation (138), der Verlust der
Mittelsmänner, der sich mit dem Internet
vollzieht. Im Hinblick auf die
Informationsvermittlung bedeutet dies unter
anderem, daß Nachrichten vor ihrer
Veröffentlichung nicht mehr entsprechend
geprüft und verifiziert, sondern
gegebenenfalls später widerrufen werden. Das
Prinzip des publish now, edit later
(ebd.) ist dabei wiederum der Eigenschaft des
Mediums geschuldet, schnell reagieren und dabei
entstandene Fehler leicht auch im nachhinein
beseitigen zu können. Es führt zu dem
sonderbaren Umstand einer umgekehrten
Halbwertszeit, wonach der Informationswert eines
Online-Beitrages mit dem zeitlichen Abstand von
seiner Erstveröffentlichung wächst.
Disintermediation liegt auch vor im Hinblick auf das
literarische Feld (Bourdieu). Das Internet
stellt die Literatur in einen veränderten
prozessualen und kommunikativen Rahmen: Jeder kann
praktisch über eine Website oder ein
entsprechendes Literatur-Portal wie
gedichte.de seine Texte direkt an die
Leser bringen. So sehr man dies als Befreiung von
Verlags- und Marktzusammenhängen und
-zwängen begrüßen mag, die
Ausschaltung des Lektors hat auch Konsequenzen
für das Qualitätsniveau der umlaufenden
Texte. Die Leser stehen einem Überangebot an
mittelmäßigen bis schlechten Texten
gegenüber und wünschen sich wenn
der Anbieter nicht gerade Stephen King heißt oft Evaluationsformen
auch im Internet. Diese nehmen dann durchaus
medienspezifische Formen an wie die Bewertung per
Klick, Leserkommentare auf Websites von
Buch-Anbietern (vgl. amazon.com), kritische
Bemerkungen in Online-Journalen oder etwa das
Projekt Literaturaktienindex, das Texte wie
Aktien behandelt, deren Wert sich abhängig vom
Kommentar der Leser und Juroren entwickelt.
Weitere
mit dem Medienwandel verbundene Veränderungen
des traditionellen Literaturbetriebs sind Print on
Demand und die Publikation von Texten als E-Book.
Während Print on Demand das Internet als
Durchgangsstation für das schließlich zu
erstellende Buch benutzt, zielt das E-Book auf das
Lesen am Bildschirm. Dies ist freilich so
widersinnig wie Hörspiele aus dem
Handy so der Pauschalvorwurf Christian
Bennes gegen das Lesen im Internet , wenn der
Text keinerlei ästhetischen Gebrauch vom
digitalen Medium macht und nur aus
platzökonomischen oder vertriebspolitischen
Gründen die Buchseite gegen den Bildschirm
tauscht. Es gibt viele Möglichkeiten,
eine neue Technologie in alter Weise zu
nutzen, hält Myron C. Tuman schon 1992
fest (1992b, 57); das Lesen von Romanen am
Bildschirm gehört gewiß dazu, und zwar
auch, wenn der digitalisierte Text dann mit einer
Suchfunktion und elektronischen Lesezeichen
versehen wird.
Die
Nutzung des digitalen Mediums aus der Logik des
Printmediums hat allerdings durchaus eine
finanzstarke Lobby gefunden. Die Frankfurter
Buchmesse 2 000 gab Zeugnis davon mit ihrer eBook-Award-Gala
in der Alten Oper und den 100 000 Dollar, die
Microsoft für das beste eBook zur
Verfügung stellte. Die Paradoxie des
Unternehmens zeigt sich, wenn Preisträger
E. M. Schorb, dessen Paradise Square
vom Verleger als Wettbewerbsbeitrag eingereicht
wurde, nicht einmal weiß, wie ein eBook
funktioniert und als erfolgreicher Autor im
Printbereich auch gar keine Ambitionen auf
ästhetische Experimente im Reich des Digitalen
hat. Das rief den Spott vieler
Berichterstatter hervor und gab Anlaß zur
Gründung eines Independent eBook-Award.
Wie sich ein halbes Jahr später zeigte,
richtet sich dieser Preis allerdings nur gegen die
New York publishing barons (Loeffler)
und zielt ansonsten ebensowenig wie sein
kritisierter Vorgänger auf Werke, die das
digitale Medium als Lebensgrundlage brauchen, weil
sie sich seiner spezifischen
Gestaltungsmöglichkeit in der einen oder
anderen Form bedienen.
Um
diese spezifischen Gestaltungsmöglichkeiten
geht es in diesem Buch. Wenn hier von Netzliteratur
oder digitaler Literatur gesprochen wird, ist nicht
vom Einscannen gedruckter Texte die Rede, sondern
vom Herstellen nicht druckbarer. Schreiben im
Netz bezeichnet nicht die Verlagerung des
üblichen Produktionsprozesses in ein neues
Präsentationsmedium, es bezeichnet einen
Vorgang, der auf den spezifischen ästhetischen
Möglichkeiten der digitalen Medien aufsetzt.
Dabei ist nicht nur das Internet gemeint, sondern
ebenso das Netz an Segmenten, das der Hypertext
darstellt, sowie das Netz, das Wort, Bild, Ton und
Film untereinander weben. Solche mitunter als
Internet-Literatur firmierenden Projekte wie
Matthias Polityckis im Netz präsentiertes work
in progress am Roman Marietta oder Rainald
Goetz öffentlich geschriebenes
Online-Tagebuch Abfall für alle sind
nicht Gegenstand dieses Buches, ebensowenig die
Web-Anthologien NULL, Forum der
Dreizehn und Am Pool im Netz
angesiedelte Sammelstellen traditioneller
Literatur, in denen vertreten zu sein derzeit
als chic gilt (Rotermund). Der
Präsentationsort Internet beeinflußt das
literarische Produkt zwar genauso wie der Computer
als Produktionsort die genannten Projekte
sind unter literatursoziologischem Aspekt auch
durchaus interessant , neue ästhetische
Ausdrucksformen werden hier jedoch kaum erprobt.
Aus diesem Grund können diese Projekte
schließlich ohne Verlust ins Buch
überführt werden und haben dies zumeist
ja auch von Anfang an im Sinn.
Die
Literatur, die im folgenden vorgestellt wird, zielt
nicht auf das Buch als heimliche Endstation. Sie
benutzt das digitale Medium nicht in erster Linie
als Ort der Distribution oder Diskussion, sie
braucht es als Produktions- und Rezeptionsort, weil
sie sich in der einen oder anderen Form seiner
spezifischen Eigenschaften in ästhetischer
Absicht bedient. Diese Literatur besteht aus
Texten, die man nicht von links nach rechts und von
vorn nach hinten lesen kann, die der Leser sich
erst zusammenstellen, mitunter auch erst schreiben
muß. Diese Literatur besteht aus
Wörtern, die sich bewegen, ihre Farben und
Bestandteile ändern und, wie
Schauspieler aus Buchstaben, ihren
zeitlich programmierten Auftritt haben. Diese
Literatur ist mitunter unabgeschlossen und gleicht
eher einer Performance, einem andauernden Ereignis
als einem fertigen Werk. Diese Literatur ist
hypertextuell, interaktiv und multimedial. Sie
besteht aus Texten, die sich mit Ton, Bild und Film
verbinden und so schließlich die Frage
aufwerfen, inwiefern es sich hier überhaupt
noch um Literatur handelt und nicht eher um
Text-Bilder oder Schrift-Filme oder einfach um das
Gesamtkunstwerk digitaler Provenienz.
2. Begriffe, Merkmale, Typologie
Bei
dieser Ausgangslage verwundert es nicht, daß
der Gegenstand eine ganze Reihe terminologischer
und typologischer Unsicherheiten mit sich bringt. Er firmierte und firmiert in
seiner recht kurzen Geschichte unter verschiedenen
Begriffen, die nicht selten zur Verwirrung
beitragen, weil sie bestimmte Merkmale digitaler
Literatur herausgreifen und zum Dachbegriff auch
für Phänomene erheben, die sich diesem
Merkmal gar nicht zuordnen lassen. Der von Richard
Ziegfeld 1989 vorgeschlagene Begriff Interactive
Fiction ist durch sein vages
Interaktionsverständnis dabei ebenso
problematisch wie Hypertext, dem Theodor
Nelsons Definition zugrunde liegt: unter
Hypertext verstehe ich nicht
sequentielles Schreiben ... eine Serie von
Textstücken, verbunden durch Links, die dem
Leser unterschiedliche Pfade anbieten. (0/2)
Daß sich digitale Texte nicht auf die
multilineare Anordnung der Textsegmente reduzieren
lassen, hatte Espen Aarseth 1997 in einer ersten
systematisch theoretisierenden Arbeit,
Cybertext. Perspectives on Ergodic
Literature, ausführlich diskutiert.
Allerdings zielte auch der alternativ angebotene
Begriff Cybertext Cybertext ist
eine Maschine für die Produktion einer
Vielfahlt von Äußerungen (3)
nur auf den Teil digitaler Literatur, der
kombinatorisch arbeitet, und Aarseth selbst sieht
den Begriff inzwischen durchaus kritisch als
ideological construct gegen die
vormalige Überbetonung des Hypertext (1999).
Der
Begriff Hypertext wiederum wird heute
größtenteils synonym zu
Hypermedia benutzt, der den Faktor der
Nichtlinearität um den der
Multimedialität erweitert (Landow 1997, 3;
Nielsen, 5; Joyce 1995, 40). Man spricht nicht mehr
wie Nelson einst, als der Computer noch ein
reines Textmedium war von einer Serie
von Textstücken, sondern allgemeiner
entweder von Lexias, Nodes also Knoten im
Netz oder einfach von Segmenten, die jeweils
sowohl Texte wie Images und inzwischen auch Sound-
und Video-Elemente enthalten können.
Hypermedia
ist allerdings vom Begriff Multimedia zu
unterscheiden, für den Nicholas Negroponte die
simple Erklärung parat hat: Diese
Mischung von Audio, Video und Daten wird
Multimedia genannt: der Begriff klingt
kompliziert, beschreibt aber im Grunde nichts
anderes als gemischte Bits. (27) In diesem
Begriffsverständnis ist jedoch keine
Multilinearität, also keine
Navigationsalternative für den Leser bzw. User
enthalten, weshalb sich für manche Multimedia
zu Hypermedia wie die Betrachtung eines Reisefilms
zur Reise selbst verhält (Nelson, 12f.).
Andere greifen die Sequentialität als
Unterscheidungskriterium auf und lösen die
terminologische Not durch Addition:
Multimedia ist nicht Hypertext, aber aus
Multimedia und Hypertext wird
Hypermedia. (Lang, 303)
Gegen
solche Vereinfachungen wird zuweilen der Begriff
der Intermedialität ins Spiel gebracht,
der gegenüber dem multimedialen Nebeneinander
auf das konzeptuelle Miteinander medialer Elemente
setzt (Müller 1996, 83). Die Trennschärfe
dieses Ansatzes bleibt jedoch fraglich. Zum einen
wird der Begriff Intermedia in der
wissenschaftlichen Diskussion recht unterschiedlich
verstanden (vgl. Block 1999, 180ff.) und, wie Titel
jüngerer Publikationen zeigen, auch zur
bloßen Anzeige des Medienwechsels und der
inhaltlichen Befruchtung unter den Medien
Literatur im Film, Literatur in der Malerei usw.
eingesetzt (Zima, Eicher/Bleckmann). Zum
anderen fehlt Müllers Forderung nach einer
konzeptuellen Fusion die Bestimmung von
Konzeptualität. Wann geht das Nebeneinander in
das Miteinander über? Wie läßt sich
diese Frage zum Beispiel bei einer einfachen
Fernsehdokumentation beantworten, die Bild und Ton
verbindet und mit einer geschickten
Kameraführung das Gesagte kommentiert und
dekonstruiert? Und eine solche Spannung kann
natürlich auch zwischen Text und Bild auf dem
Papier oder auf einer Website bestehen. Die
Entscheidung, ob eine Fernsehdokumentation oder ein
Fotoroman ein beliebtes Genre des Schreibens
im Netz intermedial oder nur multimedial
ist, hängt letztlich vom Betrachter ab.
Für unseren Zusammenhang empfiehlt sich also,
die wenig hilfreiche Unterscheidung zwischen
Multimedialität und Intermedialität nicht
weiter zu verfolgen, sondern ganz allgemein mit dem
Begriff der Multimedialität als
Integration von Text, Bild, Ton usw. zu operieren, wenn
nicht der Faktor des konzeptuellen Miteinanders
besonders betont werden soll.
Zielt
der Begriff Hypertext auf die
Nonsequentialität und der Begriff Multimedia
auf die mediale Mehrsprachigkeit der
Präsentation, so lautet die mit dem Begriff
Netzliteratur betonte Gegenüberstellung
online versus offline. Dies scheint das benutzte
Bestimmungswort zumindest in seinem populären
Verständnis nahezulegen. Das Kasusverhältnis
beider Wörter wird allerdings so
unterschiedlich verstanden, daß das Bestimmungswort neben dem Distributions- oder
Produktionsort mitunter auch einfach das Thema der
Literatur bezeichnet: Literatur im Netz,
durch das Netz oder über das
Netz.Legt man
wieder den ästhetischen Gestaltwandel der
Literatur durch das digitale Medium als
Defininitionskriterium zugrunde, können
Variante eins und drei leicht ausgeschlossen
werden. Netzliteratur ist demnach das, was sich der
spezifischen Eigenschaft des Internet
in ästhetischer Absicht bedient.
Die begrifflichen Probleme sind damit
noch keineswegs gelöst. Denn das Netz ist nur
eines der digitalen Medien und hat den anderen
Computer, Diskette, CD-ROM allein die
Vernetzung und damit die unmittelbare
Mensch-Mensch-Interaktion voraus. Die technische
Grundlage der Programmierung kann dagegen ebenso
offline erfolgen, Hyperfiction und multimediale
Werke können genausogut und angesichts
der mitunter langen Ladezeiten audio-visueller
Dateien zumeist besser mittels CD-ROM
präsentiert werden. Christiane Heibach
unterscheidet daher völlig zu Recht
zwischen vernetzter und unvernetzter digitaler Literatur
(2001, 33), wobei mit digitaler Literatur
zugleich der Terminus benutzt wird, der sich in den
letzten Jahren als tragfähiger Dachbegriff
herausgebildet hat. Dieser Begriff unterscheidet
sich von dem der digitalisierten Literatur
wie sie Stephen Kings ins Netz gestellte
Texte darstellen durch Medienechtheit: Nicht
der Tatbestand, sondern die Notwendigkeit der
Existenz und zwar nicht im Netz, sondern
umfassender in den digitalen Medien ist
definitionsrelevant. Diese Bedingung kann
verschiedentlich erfüllt werden und es
gibt mit Sicherheit viele Grenzfälle, die den
taxonomischen Skandalen (Nies, 327) in
Literaturwissenschaft und Ästhetik gerade im
Hinblick auf Gattungsbestimmung und -zuordnung
vergleichbar sind. Ich sehe drei wesentliche
Merkmale digitaler Literatur: Interaktivität,
Intermedialität und Inszenierung.
Mit
Interaktivität ist die Teilhabe des
Rezipienten an der Konstruktion des Werkes gemeint.
Dies kann erfolgen in Reaktion auf Eigenschaften
des Werkes (programmierte Interaktivität:
Mensch-Software) oder in Reaktion auf Handlungen
anderer Rezipienten (netzgebundene
Interaktivität: Mensch-Mensch via Software).
Zur netzgebundenen Interaktivität gehören
die Mitschreibprojekte, die alle auf eine Website
kommende Leser auffordern, zu Autoren des
vorgestellten Projekts zu werden. Unter die
programmierte Interaktivität zählt
zunächst die Multilinearität im
Hypertext, die den Leser auffordert, den Text durch
Navigationsentscheidungen selbst zusammenzustellen.
Ein klarerer Begriff ist Cybertext (Aarseth 1997)
oder einfach Kombinatorik, der zugleich
Phänomene abdeckt, die jenseits der
Multilinearität des klassischen Hypertext
liegen, wie etwa in Die Aaleskorte der
Ölig und Das Epos der Maschine
(vgl. Kap. 2.4 und 4.6). Was den Einwand
betrifft, daß Kombinatorik auch im
Printbereich zu finden ist und deshalb nicht
Digitalität bezeichnen könne, ist der
Beobachtung zuzustimmen, der Schlußfolgerung
aber entgegenzuhalten, daß es sich dabei im
Hinblick auf das Buch um ein medienuntypisches
Merkmal experimenteller Grenzüberschreitungen
des einen Mediums in Richtung des anderen handelt,
in dem diese Ausnahmen dann zur medienspezifischen
Regel werden.
Intermedialität als weiteres Wesensmerkmal digitaler
Literatur markiert die (konzeptuell-integrative)
Verbindung zwischen den traditionellen
Ausdrucksmedien Sprache, Bild, Musik. Daß
sich diesbezüglich Verhaltensnuancen in
Begriffsvarianten niederschlagen
Multimedialität, Hypermedialität,
Intermedialität wurde schon
angesprochen. Ich gebe in der Merkmalsbestimmung
dem Begriff der Intermedialität den Vorzug, um
in Absetzung zum bloßen Nebeneinander von
Text, Bild und Ton zumindest nominell die
konzeptuelle Integration zu betonen. Der Begriff
der Hypermedialität scheint wiederum
ungeeignet wegen seines Akzents auf
Multilinearität, die sicher in vielen
Beispielen der medialen Kooperation zu finden ist,
die aber kein unabdingbares Element einer solchen
Kooperation darstellt. Daß die Kooperation
der verschiedenen semiotischen Systeme im digitalen
Bereich gerade in Verbindung mit den anderen beiden
Merkmalen Interaktivität und Inszenierung
durchaus andere Formen annimmt als im Printbereich
oder im elektronischen Medium Film, wird an den
diskutierten Beispielen in Kapitel 3 deutlich
werden.
Inszenierung steht für die Programmierung
einer werkimmanenten oder rezeptionsabhängigen
Performance. Dem digitalen Werk können auf
seinen unsichtbaren Textebenen Aspekte der
Aufführung eingeschrieben werden, so daß
die Worte und Bilder ihren 'Auftritt' haben. Eine
solche unsichtbare Textebene findet man zum
Beispiel in einer Bildanimation, der das Verhalten
ihrer Einzelbilder eingeschrieben wurde. Was von
außen als Veränderung des Bildaufbaus
wahrnehmbar ist, wurde zumeist in einem
entsprechenden Animationseditor dem Bild als Text
eingegeben und kann innerhalb eines solchen Editors
auch wieder aufgedeckt werden: die Pause zwischen
dem Ablauf der Bilder, die Anzahl der Loops, die
Hintergrundfarbe. Eine andere unsichtbare, aber
viel leichter zugängliche Textebene ist die
HTML-Source mit ihren Ausführungsbefehlen und
JavaScripts, die das Geschehen im Browser
bestimmen, dort aber nicht als Text, sondern eben
als Handlung erscheinen. Das Stichwort dieser
Inszenierung kann entweder vom Programm ausgehen
oder vom Rezipienten. Ein simples Beispiel für
die erste Möglichkeit sind Onload- oder
Refresh-Tags, d.h. die Ausführung einer Aktion
beim Laden der Site oder der Austausch der Site
gegen eine andere nach einer gesetzten Zeit
das automatische Umblättern bzw.
die Verfilmung des Textes. Ein Beispiel
für die vom Rezipienten ausgelöste Aktion
gibt Das Epos der Maschine (Kap. 3.6), wo
die Wörter auf bestimmte Inputs der Leser hin
erscheinen und sich als
Teleskopsätze über den
Bildschirm ausbreiten. Ihren Auftritt haben auch
die Texte im Mitschreibprojekt 23:40 (Kap.
3.3), wo das Programm dafür sorgt, daß
alle auf die 1 440 Minuten eines
imaginären Tages verteilten Texte auch nur zu
der ihnen zugeeigneten Minute und nur diese Minute
lang lesbar sind. Während bei 23:40 die
Programmierung des Werkes den
Rezeptionsprozeß bestimmt und die Syntax der
Zeit zur zusätzlichen Ausdrucksebene wird,
bestimmt beim Epos der Maschine der
Rezeptionsprozeß die konkrete Realisierung
des Werks. Einmal kann von werkimmanenter
Performance gesprochen werden, das andere Mal von
rezeptionsabhängiger, wobei diese letztlich
freilich ebenfalls werkimmanent ist, da die
Reaktion des Werks auf den Input der Leser vom
Autor im Werk vorprogrammiert wurde.
Nach
dieser Begriffsdiskussion und Merkmalsbeschreibung
kann folgende Definition für digitale
Literatur festgehalten werden: Digitale Literatur
ist eine künstlerische Ausdrucksform, die der
digitalen Medien als Existenzgrundlage bedarf, weil
sie sich durch mindestens eines der spezifischen
Merkmale digitaler Medien
Interaktivität, Intermedialität,
Inszenierung auszeichnet.
Damit
sind wir zwar zu einer allgemeinen Bestimmung
digitaler Literatur vorgedrungen, haben aber noch
nicht alle Begriffsfragen geklärt. Die
Definition läßt die schon aufgeworfene
Frage offen, ob das erfaßte Phänomen
weiterhin als Literatur bezeichnet werden kann, und
sie trifft eine Aussage, die zumindest eines
Kommentars bedarf: Inwiefern handelt es sich dabei
um eine künstlerische Ausdrucksform und wie
ist diese von nichtkünstlerischen abzugrenzen.
Als
Richard Ziegfeld 1989 von einem neuen literarischen
Genre sprach, konnte er noch problemlos mit dem
proportionalen Übergewicht des Wortes
argumentieren, durch das er gesichert sah,
daß die prognostizierte Literatur auf
Imagination durch die Kraft der Sprache abzielt.
Auch Christian Köllerer greift 10 Jahre
später angesichts der Visualisierung der
digitalen Medien auf dieses Argument zurück:
Ein Werk der Netzliteratur wäre demnach
ein komplex strukturierter, überwiegend
sprachlicher ästhetischer Gegenstand. So
einleuchtend dieses Kriterium auf den ersten Blick
sein mag, es ist kaum praktikabel, denn es fragt
sich bald, wie man die Vorrangstellung des Wortes
mißt: Nach eingenommenem Platz auf dem
Bildschirm oder auf dem Speichermedium? Nach
absorbierter Aufmerksamkeit oder nach
Informationsmenge gegenüber visuellen
Elementen? Und was bedeutet es, wenn durch
Inszenierung das Wort vor allem in seiner
Materialität als typographisches Zeichen
hervorgehoben wird, es also nicht als Text wirkt,
sondern als Bild? Wenn von einem neuen
literarischen Genre gesprochen wird (Suter 2000),
ist nicht nur zu fragen, ob es sich nicht vielmehr
um eine neue literarische Gattung handelt,
sondern auch, ob das neue Phänomen
überhaupt noch im System der Literatur
anzusiedeln ist oder vielmehr im
Klassifikationssystem der Künste eine neue
Stelle eingerichtet werden sollte.
Der
bereits etablierte Begriff der digitalen
Kunst bleibt dabei als Dachbegriff so lange
problematisch, wie er auf die bildende Kunst
einschließlich ihrer modernen
Erweiterung Konzeptkunst und
Installation beschränkt wird und
sich nicht durch einen geschichtlichen Gang
zurück vor die Ausdifferenzierung der
Künste jene terminologische
Gemeinschaftlichkeit der Kunstgattungen wieder
aneignet, die er einst in Kants und Hegels
Ästhetiken oder in Sulzers Theorie der
Schönen Künste besaß. Und
vielleicht muß die Entdifferenzierung sogar
hinter Sulzer zurückgehen, bis hin zum
Terminus Schöne Wissenschaften, der in
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch so
verschiedene Phänomene wie Geschichte, Poesie
und Rhetorik verband. Wahrscheinlich aber muß
er sogar soweit zurückgehen, bis auch die
artes mechanicae wieder eingeschlossen
werden, in diesem Falle also die Programmierung auf
der Softwareebene. Daß diese Rücknahme
der Ausdifferenzierung zugleich die idealistische
Systematik der Künste überwinden und sich
den neuartigen Synthesen visueller, auditiver und
innerlich-vorstellender Ausdrucksformen stellen
muß, ist die conditio sine qua non des ganzen
Unternehmens.
Ein
solcher ökumenischer Begriff der digitalen
Kunst liegt noch nicht vor. Auch wenn zumeist keine
ausdrückliche begriffliche Trennung
vorgenommen wird, eine phänomenologische
besteht durchaus. Der Gebrauch der Begriffe
digitale Literatur und digitale Kunst in
Preisausschreiben, Online-Galerien, theoretischen
Beiträgen und Selbstverständigungen
zeigt, daß digitale Literatur stark im
Narrativen verankert bleibt, digitale Kunst
bzw. Netzkunst, elektronisches Medienkunstwerk oder
Cyberart hingegen eher auf interaktive
Installationen oder avancierte
Sound-Graphik-Projekte zielt als auf Narration und
in dieser Weise gegen den Begriff der digitalen
Literatur Konturen annimmt.
Um
das Zuordnungsdilemma zu lösen, wurden
allgemeine Begriffe wie New Media Writing
benutzt, dessen Allgemeinheit
allerdings allein eine technologische und keine
ästhetische Bestimmung des Gegenstandes
zuläßt. Vor diesem Verzicht auf
Abgrenzungsschärfe gegen Phänomene des
New Media Writing wie Online-Shops,
Multimedia-Lexika, Erotik-Chats und Lieschen
Müllers Homepage warnt aus dem Lager
der digitalen Literatur Friedrich Block
(2001, 97f.), und auch von seiten der
Netzkunst-Theorie ist der Wunsch nach
Differenzierung zwischen Webkunst und Webdesign zu
hören (Kuni, 6). Eine Unterscheidung zwischen
Kunst und dem, was nicht Kunst ist, scheint schon
deswegen geboten, weil das Internet zum Teil nur
noch aus der Perspektive kommerzieller und
konsumtiver Nutzung wahrgenommen wird. Gerade
angesichts der zu beobachtenden Ästhetisierung
des Kommerziellen und der
gentrification der digitalen
suburbia (Lovink/Schultz, 357) sollte die
Differenzierungsarbeit hier nicht aussetzen. Der
kritische Zugriff wird schließlich doch
unterscheiden wollen zwischen einer auf
Unternehmenspräsentation und Verkauf zielenden
Website und etwa Fevci Konuks Projekt Brainwash
(Kap. 4.3), das eine solche kommerzielle
Website imitiert und auf diese Weise sowohl die
Entwicklung im Internet wie die damit etablierte
Epistemologie problematisiert. Dieser Impetus ist
als Differenzkriterium der Kunst gegenüber dem
Kommerz bzw. der neutralen Kommunikation
festzuhalten: eine Reflexion dessen, was ist; eine
Sprache, die etwas Alltägliches in ungewohntem
Licht zeigt sei es die besondere Perspektive
eines Gedichts, sei es das Readymade im Museum, sei
es die parodistische Imitation einer kommerziellen
Website. Da diese besondere Qualität sich auch
terminologisch niederschlagen sollte, sind Begriffe
wie New Media Writing ungeeignet für
das, was hier in Absetzung zur traditionellen
Literatur, in Absetzung zur digitalen Kunst und in
Absetzung zur Nicht-Kunst bezeichnet werden soll.
Als Begriff schlage ich das Wort vor,
das den Titel dieses Buches stellt und das mir in
seiner Komposition am geeignetsten scheint, die
hier besprochenen begrifflichen Fehlbesetzungen und
Mißverständlichkeiten zu vermeiden:
Interfictions. Das Grundwort grenzt zunächst
ab vom Nichtfiktionalen, es betont das
künstlerische Moment, ohne daß der
problematische Begriff Netzkunst benutzt werden
muß. Der Ausdruck Fiction beabsichtigt die
konzeptuelle Absetzung von der Netzkunst und ist
als medienübergreifendes Merkmal
Fiction umfaßt Text gleichermaßen wie
Film, Bild und Ton willkommen. Das
Bestimmungswort verweist auf einige der
Eigenschaften, die oben als wesentlich für die
digitalen Medien festgehalten wurden
Interaktivität, Intermedialität
und assoziiert zugleich das populärste dieser
Medien: das Internet.
Der Begriff Interfictions findet bereits verschiedentlich
Verwendung. Er bezeichnet die interdisziplinäre
Sektion des Kasseler Dokumentarfilm- und
Videofestes und steht seit 1995 für
Fachtagungen, auf denen die Integration der
traditionellen medialen Ausdrucksformen in den
digitalen Medien sowie deren sozio-ästhetische
Auswirkungen debattiert werden. Ich knüpfe im Gebrauch
des Begriffs an diese Perspektive an und
nicht an die Reduktion des Begriffs auf
digitalisierte literarische Texte im Internet, die
natürlich auch zu finden ist.
3. Geschichte und Ausblick
Die
Geschichte der Interfictions beginnt nicht erst mit
der Erfindung des Computers. Ihre spezifischen
Merkmale wie Kombinatorik, Multilinearität,
Intermedialität und kollaboratives Schreiben
haben eine lange Tradition in den experimentellen
Versuchen der literarischen Avantgarde, die
herkömmlichen Grenzen des Wortes und der
literarischen Produktion zu überschreiten. Die
verschiedenen Gruppen der Interfictions bleiben
ihren Vorbildern in dieser Hinsicht verbunden: der
kombinatorischen Dichtung des Barock, der
écriture automatique der Surrealisten, der
konkreten Poesie der 60er und 70er Jahre oder dem
multilinearen Lexikonroman von Milorad Pavić
Mitte der 80er. Die Geschichte der
Interfictions im engeren Sinne beginnt freilich per
Definition erst mit den digitalen Medien und ist
von frühen aleatorischen Experimenten
abgesehen (Döhl 2000) nicht viel
älter als ein Dutzend Jahre.
Eine
wichtige Rolle in dieser Geschichte spielt der von
Mark Bernstein geleitete Verlag Eastgate
Systems, der sich nicht nur als Publikationsort
seriöser Hyperfiction versteht, sondern
auch als wertvoller Informationspool (Hypertext
Kitchen) und Diskussions-Organisator
(eNarrative) auftritt. Hier
veröffentlichte Michael Joyce 1990 seinem Text
Afternoon, a Story und öffnete
das elektronische Neuland für ernsthafte
Schriftsteller (Kendall). Dieser Text von
Romanlänge inzwischen ein Klassiker der
Hyperfiction und ihrer Wissenschaft
verkörpert die erste Generation der
Hyperfiction, die allein aus Text und Links bestand
und auf Diskette vertrieben wurde. Mit der Ankunft
des World Wide Web änderten sich sowohl
Präsentationsort wie Produktionsweise. Selbst
Klassiker wie Michael Joyce und Stuart
Moulthrop (Victory Garden, 1991) setzten nun
verstärkt Images, Videoclips und Sounds ein.
Im
englischsprachigen Raum fand der neue Gegenstand
bald Beachtung in Online-Journalen (Alt-X,
Postmodern
Culture), Linksammlungen (Hyperizons, Wordcircuits), themengebundenen
Sammelbänden (Delany/Landow, Landow 1994),
Monographien (Bolter 1991, Landow 1992, Lanham,
Tuman 1992b) und Sondernummern von Print-Magazinen
(Hayles 1997a). In Deutschland war es der von ZEIT
und IBM erstmals 1995 ausgerufene
Internet-Wettbewerb, der dem Thema
größere Aufmerksamkeit erbrachte und
wesentlich die Entstehung einer deutschen Szene der
Netzliteratur förderte. Nach ersten
informellen Symposien (Softmoderne,
Hartmoderne, Digitaler Diskurs,
Interszene) und Sammelbänden
(Klepper/Mayer/Schneck, Matejovski/Kittler,
Suter/Böhler) finden Interfictions mit
verschiedenen Dissertationen (Suter 2000, Heibach
2000a, Rau 2000, Porombka 2001), Sonderheften
(Schlobinski/Suter, Simanowski 2001), Konferenzen
(Ästhetik digitaler Literatur,
Literarische Hypertexte, Poetics of
Digital Text), DFG-Projekten (Interaktive
Literatur) und speziellen Online-Journalen
(dichtung-digital) inzwischen auch breitere
akademische Beachtung.
Diese
kurze Übersicht zeigt, daß die
Geschichte der Interfictions keineswegs mehr am
Anfang steht. Was die Hyperfiction betrifft, rief
Robert Coover sogar schon ihr Ende aus, da sie vom
lauten, bunten World Wide Web nichts Gutes zu
erwarten habe (2000). Während Coover in der um
sich greifenden Ersetzung des geschriebenen Wortes
durch Bild und Ton das Abgleiten ins
oberflächliche Spektakel fürchtet, sehen
andere darin allerdings den lang erwarteten Schritt
zur Entwicklung des digitalen Gesamtkunstwerks.
Neue Programme wie Flash bieten hier
vielversprechende Möglichkeiten. So befinden
wir uns am Ende und zugleich am Anfang der
Geschichte der Interfictions.
Diese
Doppelposition wiederholt sich im Feld der
Forschung. Viele Mißverständnisse und
Fehldeutungen der 90er Jahre vor allem in der
amerikanischen Literatur sind als solche erkannt
und verabschiedet, vor allem in der stärker
werdenden skandinavischen und deutschen Forschung.
Zugleich gibt es innerhalb der jungen, noch recht
überschaubaren scientific community nach wie
vor kontroverse Diskussionen um die richtige
Terminologie, effektive Beschreibungsmethoden und
angemessene Bewertungskategorien. Die Forschung hat
ihren eigentlichen Gegenstand bisher weder
phänomenologisch umrissen, noch begrifflich
genau gefaßt und ist, was konkrete
Fallanalysen betrifft, kaum die ersten Schritte
gegangen.
Auch
die ausgeschriebenen Wettbewerbe für digitale
bzw. elektronische Literatur zuletzt
Electronic Literature Organisation und
Literatur.digital 2001 vermitteln
eher den Eindruck des Aufbruchs als der Ankunft.
Man begegnet einer ganzen Reihe spannender
Experimente, die in sehr unterschiedlicher Weise
die spezifischen Eigenschaften der digitalen Medien
nutzen. Während im Feld der Netzkunst
Künstler aus dem traditionellen Bereich der
bildenden Kunst recht erfolgreich mit den neuen
ästhetischen Möglichkeiten arbeiten,
fällt im Bereich der Interfictions ins
Gewicht, daß noch kaum Autoren auftreten, die
schon intensiv durch beide Schulen die der
Technik und die des Schreibens gegangen
sind. Die erwiesenen Meister des Wortes bleiben bei
ihren Leisten, selbst wie NULL oder
Abfall für alle zeigen auf ihren
Ausflügen in das neue Medium. Diejenigen aber,
die schon in die digitalen Medien hineingewachsen
sind und gleich mit dessen ästhetischen
Möglichkeiten zu schreiben anfangen,
müssen zunächst die Mühen und Fallen
des Anfangs überstehen, sowohl im Hinblick auf
Text- wie im Hinblick auf Programmierqualität.
Wenn
aber auch der Online-"Ulysses", wie Hermann
Rotermund, Juryvorsitzender des Pegasus 1998,
festhielt, noch nicht erschienen ist und
inzwischen steht die Frage, ob man nicht eher auf
einen Picasso oder Christo der digitalen Medien
wartet , so gibt es doch ein breites Spektrum
von Ansätzen, das auf die Entwicklung der
nächsten Jahre gespannt macht. Daß DTV
und T-Online ihren Wettbewerb Literatur.digital
2001 mit einer entsprechenden Publikation
begleiten (Simanowski 2002) und als jährliches
Ereignis zu installieren beabsichtigen, könnte
wichtige Impulse für diese Entwicklung
bringen. Welche Richtung die Interfictions nehmen
werden, bleibt dabei völlig offen. Welche Wege
überhaupt zur Auswahl stehen und mit welchem
Erfolg sie bisher beschritten wurden, wird in
diesem Buch vor Augen geführt.
Die
Beschreibung und Diskussion vorliegender Werke
erfolgt in drei thematischen Kapiteln, die jeweils
auch theoretische Überlegungen
einschließen: Mitschreibprojekte,
Hyperfiction und Multimedia. Dabei handelt es sich
um idealtypische Differenzierungen, die sich zwar
durchaus auch in der Realität der digitalen
Medien finden lassen das textbasierte
Mitschreibprojekt, der klassische Hypertext, das
lineare Multimediaprojekt , denen aber ebenso
und zunehmend Werke zur Seite stehen, die zwei oder
allen drei Gruppen zugeordnet werden können
der multimediale Hypertext oder das mit
Bild, Ton und Text arbeitende, multilinear
erzählende Mitschreibprojekt. Die hier
vorgenommene Gruppierung dient vor allem dazu,
Akzente in der Besprechung zu setzen. So wird es im
Kapitel zu den Mitschreibprojekten um das
Phänomen der Kollaboration und der daraus
folgenden sozialen Ästhetik gehen. Im
Kapitel zu den Hypertexten sind das aus der
Multilinearität resultierende spezifische
Machtverhältnis zwischen Autor und Leser sowie
die Folgen des Verlusts einer klaren
Erzählstruktur zu besprechen. Im Kapitel
Multimedia stehen vor allem die Verbindungen zur
Diskussion, die Text, Bild und Ton sowie ihre
Inszenierung untereinander eingehen. Im
abschließenden Kapitel werden die
Überlegungen zur medialen Konstellation und
ästhetischen Praxis zusammengefaßt, die
ableitbaren Poetologien einer ambitionierten
digitalen Kunst diskutiert und die Kriterien einer
wissenschaftlichen Behandlung des Gegenstandes
skizziert.
Vgl. dazu den Beitrag unter:
dichtung-digital.com/2001/08/20-Simanowski . Zum
Einfluß des Internet auf die traditionellen
Verfahren der Textherstellung und -verbreitung vgl.
Böhler.
NULL erschien
2000 im DuMont Buchverlag, Abfall für alle
erschien im gleichen Jahr bei Suhrkamp,
aus Am Pool entstand 2001 The Buch
Leben im pool bei Kiepenheuer &
Witsch. Eine Besprechung zu Abfall für
alle befindet sich unter:
dichtung-digital.de/2001/Simanowski-12-Feb, zu
NULL vgl. Simanowski 2001b.
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