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Liebe
Leser von dichtung-digital
herzlich Willkommen zur
Juli-Ausgabe.
Viel ist die Rede vom Spiel
in Schillers Ästhetik, bei Kant und bei Iser; aber wie
verhält es sich damit, wenn das Spiel nicht mehr nur
abstrakt zu verstehen, sondern konkret-performative vor sich
geht: beim Computerspiel etwa oder auch beim Klick im
Hypertext? Manuela Kocher und Michael Böhler sind der
Frage nachgegangen. Das Phänomen Hypertext stellt
freilich vor eine Reihe weiterer Fragen, zum Beispiel, ob in
diesem Konzept nun eigentlich der Autor oder eher der Leser
stirbt, und welchen semantischen Mehrwert man wirklich von
der Verlinkung erwarten kann. Roberto Simanowski
rätselt aber auch, ob per Sprachprogramm erzeugte Texte
Zukunft oder Sackgasse der Computer-Literatur sind.
Für Lev Manovich
stellen sich solche Fragen kaum, denn für ihn ist New
Media gleich visual culture und zwar vor allem
kinematographisch. Inke Arns, die sich Manovichs Buch "The
Language of New Media" angesehen hat, ist damit keineswegs
einverstanden, sie vermisst die interaktiven Formen von
Netzkunst und Netzkultur. Diese findet man wiederum im
Sammelband "Formen interaktiver Medienkunst", der jedoch,
wie Georg Christoph Tholen feststellt, zugunsten
soziologischer Theorien den Aspekt der Intermedialität
vernachlässigt. - Die Frage nach Wesen und Message des
neuen Mediums bleibt somit offen. Dass "Understanding
Media" vor allem heisst, die Message des Mediums zu
verstehen, weiß Roberto Simanowski nach der erneuten
Lektüre des McLuhan-Klassikers; und auch, wieso
eine Frau mit Brille ein kaltes Medium ist, jedenfalls, wenn
es sich um dunkle Gläser handelt. Wie sich die Message
des Mediums im Hinblick auf die digitalen Medien und deren
Verquickung mit Literatur äußert, erörtert
Simanowski dann in der Einleitung zu seinem Buch
"Interfictions. Vom Schreiben im Netz".
Dass Programmierung ein
Hauptaspekt der digitalen Medien ist, wird niemand
leugnen; dass Programmierer hier die eigentlichen
Künstler sind, glauben einige. Reinhard Storz skizziert
Rolle und Arbeitsweise dieser codebesessenen,
ikonoklastischen und herrschsüchtigen Grenzfigur
digitaler Kultur. Das Pendant liefert Hilmar Schmundt, der
sich den schwarzen Schafen unter den Programmierern
widmet: dem jugendlichen Kleinkriminellen, dem
bösen Genie, dem pubertären Virenschreiber.
Wesentlich erwachsener und unschuldiger sind die
Künstler, die das Shrink-Projekt von Xcult.org
versammelt. dichtung-digital versammelt die Links und
spiegelt die Kurz-Besprechungen der
Wissenschaftler.
Die Wissenschaft und ihr
Verhältnis zur digitalen Kunst und Kultur wird dann
genauer geprüft in drei Interviews. Mark Amerika, den
wir zuvor schon als populären Netz-Künstler
interviewten, gibt nun als Professor an der Fakultät
der Schönen Künste der University of Colorado
Auskunft über den Bedarf an flexiblen Hochschullehren
im Kontext digitaler Literatur und Kunst. Dass der
Curricula-Fahrplan in dieser Hinsicht noch recht unbekannt
ist, gesteht Richard Karpen, Direktor des Center for Digital
Arts and Experimental Media an der University of Washington
in Seattle. Georg Christoph Tholen, Leiter des Instituts
für Medienwissenschaften der Universität Basel,
weiß schon mehr und erörtert die Eckpunkte
aktueller Medientheorie und ihrer Praxis in
Basel.
Auch in dieser Ausgabe
bieten wir einen Download für den Palm an und auch
diesmal hoffen wir auf Feedbacks und Tips. Neu hingegen ist
die Bitte um Spenden, um ein altes, ewig brennendes Problem
der Finanzierung zu lösen. Dankbar für Zuwendungen
jeder Art,
Roberto Simanowski
Berlin, 11. August
2002
dichtung-digital
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