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Liebe Leser von
dichtung-digital
herzlich Willkommen zur
September-Ausgabe.
Der Cyberspace liegt
zusammen mit dem Arbeitsplatz an der Spitze der Orte, an
denen romantische Beziehungen geknüpft werden,
traditionelle Paarungstempel wie die Disco oder die
Universität sind weit abgeschlagen. So konstatiert
Raphael Rogenmoser unter dem Titel "Schneller
Baggern" den Zusammenhang Modemfieber und Liebesdiskurs, der
als Symposiumsthema die in dieser Ausgabe versammelten
Beiträge zusammenhält. Dass in diesen Zusammenhang
auch die Wirtschaft drängt, belegt das Beispiel von den
Kleidungsstücken, die mit einer individuellen Nummer
versehen wurden, hinter der sich eine Email-Adresse für
die digitale Kontaktanbahnung verbarg: Das Baggern flieht
den kürzeren Weg. Dafür knistert es dann zwischen
den Zeilen, wenn im Cyberspace virtuelle Beziehungen
angebahnt werden, die bisweilen sehr realen Folgen annehmen,
wie Michael Beißwengers Bericht über die
Inszenierungspotenziale und Stegreiftheatergesten der
Chat-Kommunikation deutlich macht. Dass Leser ganz gezielt
in Beziehungskisten und Spieler in Hochzeiten involviert
werden, zeigt Fotis Jannidis an einer interaktiven
Bildgeschichte und einem Multiuser Online
Rollenspiel. An die Stelle der kontemplativen
Rezeptionssituation bei Buch und Film tritt die soziale
Erfahrung des selbst erzälten Spiels - vielleicht die
Ästhetik der Zukunft.
Die theoretischen
Vorüberlegungen zum analytischen Material liefert
Uwe Wirths Beitrag "Schwatzhafter Schriftverkehr",
der mit Adornos Feststellung einer "Erkrankung des Kontakts"
beginnt und fragt, ob der Online-Chat Symptom dieser
Entfremdung ist, deren Heilung oder etwa eben jene
Krankheit, die er vorgibt zu heilen? Auch andere
Beiträge diskutieren die Umschrift der sozialen
Bedingungen der face-to-face-Kommunikation durch die
medialen Rahmenbedingungen der
Interface-to-Interface-Kommunikation. Während
Alexander Roesler an der Grenze zur Zukunftstechnik
EMS die Kommunikation der Liebe im SMS-Format untersucht -
das ähnlich wie der Chat Schriftlichkeit mit
Augenblicklichkeit verbindet -, unternimmt Ulrike
Landfester einen Rückblick auf die historischen
Liebesbriefe, die bereits von der Spannung zwischen
authentischem und strategischem Ausdruck geprägt waren
mit raffinierten Unsagbarkeitsformeln wie: "Mein Herz ist
voll, ach, ich kann nicht schreiben". Peter Gendolla
hält fest, dass Literatur ihr Publikum immer auch
vor der pathogenen Wirkung der Einbildungskraft warnte, und
erinnert daran, dass Werthern und Lotte noch das Stichwort
"Klopstock" reichte, um in einem "Strome von Empfindungen"
zu versinken. Mit Blick auf moderne Liebesgeschichten wie
Peter Glasers "SEI ONLINE, SEI MEIN" stellt sich dann die
Frage, wie real der Partner im Cyberspace sind, für den
man den im realen Raum verlässt. Dass man da leicht an
eine Frau geraten kann, die nicht mehr als Software ist, hat
Adi Blum in seinem kleinen Turing-Test der Liebe
herausgefunden.
Andere berichten aus der
Praxis: Gisela Müller vom Internet-Projekt
schlampe.de, das unter einem täuschenden URL zu
einer unerwarteten Optik auf Körperteile verführt.
Nika Bertram stellt das "kahunaMUD" vor, das
auf ihrem Roman basiert und jedem erlaubt, mit den
Romanfiguren, der Autorin oder anderen LeserInnen
abzuhängen oder zu kuscheln. Susanne Berkenheger
erklärt die Zumutungen ihrer Hyperfiction "Die
Schwimmmeisterin" und vor allem die Parallelen zwischen
einem Freibad und einem Netz-Chat.
Beat Suter sucht nach
der Thematisierung der Liebe in der digitalen Literatur,
ohne sehr fündig zu werden - es scheint, das Begehren
weicht auf die Technologie aus, Faszination auf den
technischen Effekt. Roberto Simanowski pointiert
abschließend die behandelten Fragen der vergangenen
zwei Tage und fügt ein paar weitere hinzu.
Roberto Simanowski
Berlin, 07. September
2002
dichtung-digital
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