Mit der ersten Ausgabe seines 6. Jahrgangs hat
dichtung-digital auf dem Server der Brown University
eine neue Heimat gefunden und in Robert Coover, dem
weltbekannten Autor postmoderner Romane und umtriebigen
Advokaten digitaler Literatur, ein neues Mitglied des
Editorial Boards. Die Verbindung zur Brown University, an
der ich nunmehr u.a. digitale Literatur unterrichte und mich
über neueste Entwicklungen in dieser Sache unterrichten
kann, führt nicht nur zu einem Providerwechsel, zur
Finanzierung dieser Ausgabe durch Brown und zum Gewinn eines
neuen Board-Mitglieds. Sie
eröffnet auch einen neuen Diskussionsrahmen mit vielen
Gleichgesinnten und die Möglichkeit, Autoren digitaler
Literatur und Kunst bei der Produktion ihrer Werke (sei es
als Galerie-Installation, sei es fürs Web, sei es als
dreidimensionale, 'begehbare' Literatur im virtuellen Raum
des
Cave) direkt über die Schulter zu schauen.
dichtung-digital profitiert davon durch neue Themen
und neue Beiträger, wovon die nächste Ausgabe
bereits einige Beispiele geben wird. Aber nun zur aktuellen
Augabe.
Während die einen
digitale Literatur intensiv erforschen, untersuchen andere
eifrig die digitalisierte Literatur. So lassen sich neue
Medien und Kanon verbinden, zum Beispiel wenn man fragt, wie
es eigentlich Goethes "Werther" im digitalen Reich ergeht.
Andrea Nemedi hat diese Frage gestellt und verankert
ihre genaue Analyse des E-Mail-, des Gutenberg-Projekt- und
des CD-ROM-"Werthes" durchaus tief in der Diskussion der
digitalen Literatur. Weniger dem einzelnen Text als der
großen Sache ist Peter Purgs Untersuchung des
Schreibens im Netz gewidmet. Mit der Wucht
theorieversessener Zuwendung formuliert er den
ästhetischen und emanzipatorischen Beitrag der
multimodalen Kommunikationsmaschine zur Erneuerung und
Erweiterung intra- und interpersonaler
Kreativität.
Ebenfalls theoretisch
inspiriert ist Marie-Laure Ryans Untersuchung des
Raums in digitalen Texten, für den sie vier Kategorien
findet und eine Menge Beispiele zur Veranschaulichung. Auch
Bo Kampmann Walthers Beitrag ist auf Theorie aus,
wenn er nach der Intermediation von Computerspielen und Film
fragt und deren gegenseitiges Abkucken unter dem Neologismus
lucidography (ludology und cinematography)
diskutiert.
Neben diesen bis zu 40
Seiten umfassenden Beiträgen gibt es kürzere in
mehreren Abstufungen. Roberto Simanowskis Pamphlet
zur Interaktivität und ihren Fetischisten ist schon aus
genrespezifischen Gründen kurz gehalten - und weil dazu
und zum Parallelphänomen der Ästhetik des
Spektakels demnächst ohnehin mehr zu sagen sein wird.
Friedrich W. Block macht mit den weniger bekannten
Beispielen japanischer digitaler Literatur bekannt und
verweist auf deren Quellen in den experimentellen
Schreibweisen seit den 50er Jahren. Adam Kenney
erklärt das Massively Multiplayer Online Role-Playing
Game "A Tale in the Desert", das Hunderte von Usern zur
Schaffung einer utopischen Gesellschaft vereint. Beat
Suter weiß aus nächste Quelle, wie das
Projekt "The Famous Sound of Absolute Wreaders" entstand,
das den Publikumspreis des DTV/T-Online-Wettberwerbs zur
digitalen Literatur 2003 gewann.
Schließlich zwei
Schriften über Schriften: Elisabeth Bauer und
Julian Kuecklich haben sich mein Buch "Interfictions:
Vom Schreiben im Netz" genau angesehen und erklären,
warum sie es guten Gewissens weiterempfehlen.
Providence, im März
2004
Roberto
Simanowski
dichtung-digital